
Pest-RĂ€tsel in Sibirien: Wadephul verlangt Antworten von Moskau!

Eine junge Laborantin ist tot, fast 200 Menschen standen zeitweise unter Beobachtung, und der Kreml spricht von einer harmlosen LungenentzĂŒndung. Nach dem Todesfall in einem Pest-Forschungsinstitut im sibirischen Irkutsk fordert BundesauĂenminister Johann Wadephul (CDU) von Russland AufklĂ€rung. ReisebeschrĂ€nkungen will er ausdrĂŒcklich nicht ausschlieĂen.
Ein Reagenzglas, ein Todesfall, viele Fragen
Was ist in Sibirien passiert? Laut russischen Medienberichten soll am 25. September in einem Anti-Pest-Institut bei Irkutsk ein Reagenzglas mit dem Erreger der Lungenpest zerbrochen sein. Warum, ist bis heute unklar. Eine 28 Jahre alte Mitarbeiterin starb den Angaben zufolge am 2. Oktober in einem Krankenhaus in der Stadt Schelechow.
Damit nicht genug: Im selben Institut soll es einen weiteren Verdachtsfall geben. Medienberichten zufolge wurden auĂerdem 189 mögliche Kontaktpersonen ermittelt und in Kliniken der Region gebracht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Moskau inzwischen um zusĂ€tzliche Informationen gebeten.
Wadephul fand gegenĂŒber der âBild-Zeitungâ deutliche Worte:
âDie Welt hat Fragen, darauf schuldet Russland Antworten.â
Deutschland könne und werde kein Risiko eingehen, so der Minister.
Moskau dementiert und widerspricht sich
Die zustĂ€ndige russische Seuchenschutzbehörde Rospotrebnadsor will von Pest nichts wissen. Laut Berichten der Nachrichtenagentur Interfax sprach sie lediglich von einer âLungenentzĂŒndung unbekannter Herkunftâ. NotfĂ€lle mit krankheitserregenden Mikroorganismen gebe es nicht. Die Tests hĂ€tten zwei Covid-19-FĂ€lle und zwei Rhinovirus-Infektionen ergeben, andere Erreger seien nicht gefunden worden. Von einem Todesfall ist in der Mitteilung den Berichten zufolge gar nicht die Rede.
Das klingt beruhigend. Ganz glatt geht die offizielle Darstellung aber nicht auf. Ausgerechnet Alexei Zydenow, Oberhaupt der benachbarten Republik Burjatien, soll zuvor selbst von einem tödlichen Pestfall gesprochen haben. Laut dem kremlkritischen Portal âMeduzaâ sollen auĂerdem Reisewarnungen fĂŒr Schelechow veröffentlicht und dann wieder gelöscht worden sein. Wer soll da noch durchblicken?
Kein Vertrauensvorschuss fĂŒr den Kreml
Moskau ist mit solchen Dementis schon frĂŒher aufgefallen. 1979 tötete ein Milzbrand-Unfall in einem MilitĂ€rlabor in Swerdlowsk Dutzende Menschen. Jahrelang machte die SowjetfĂŒhrung verdorbenes Fleisch dafĂŒr verantwortlich. Erst 1992 rĂ€umte Boris Jelzin die Wahrheit ein. Und auch wenn die Corona-Pandemie in China begann, hat sie gezeigt, was zu spĂ€t geteilte Informationen anrichten können. Beobachter sehen deshalb gute GrĂŒnde, beim Kreml genau hinzuschauen.
Experte: Keine akute Gefahr fĂŒr Deutschland
Panik ist trotzdem fehl am Platz. Roman Wölfel, Leiter des Instituts fĂŒr Mikrobiologie der Bundeswehr in MĂŒnchen, sagte der âBild-Zeitungâ, er sehe fĂŒr Europa und Deutschland derzeit keine unmittelbare Gefahr. Lungenpest verbreite sich deutlich schwerer als das Coronavirus oder Masern, vor allem ĂŒber engen Kontakt.
Auslöser ist das Bakterium Yersinia pestis. Derselbe Erreger stand hinter dem âSchwarzen Todâ, der im 14. Jahrhundert schĂ€tzungsweise ein Drittel der EuropĂ€er tötete. Heute lĂ€sst sich die Pest mit Antibiotika behandeln, wenn sie frĂŒh erkannt wird. Entscheidend sind deshalb eine schnelle Diagnose, die konsequente Suche nach Kontaktpersonen und vor allem eine ehrliche Kommunikation der Behörden.
Was jetzt passieren muss
Ob ReisebeschrĂ€nkungen tatsĂ€chlich nötig werden, hĂ€ngt von belastbaren Laborbefunden ab. Wichtig ist auch, wie es den Kontaktpersonen geht und ob sich der Erreger auĂerhalb des Instituts ausgebreitet hat. Offen sind weiterhin:
- die genaue Todesursache der 28-JĂ€hrigen,
- ein eindeutiger Nachweis des Erregers,
- die HintergrĂŒnde des zweiten Verdachtsfalls.
Dass Berlin diesmal frĂŒh und klar Druck macht, ist richtig. Nach den Erfahrungen der Corona-Jahre erwarten viele BĂŒrger zu Recht, dass die eigene Regierung nicht erst handelt, wenn es schon zu spĂ€t ist. Jetzt ist Moskau am Zug.
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