
Ăzdemirs verzweifelter Wahlkampf-Poker: Hochzeit, Palmer und Merkel als letzte Rettungsanker

Was tut ein Politiker, dem die Felle davonschwimmen? Er heiratet. Und zwar nicht irgendwo, sondern in TĂŒbingen â damit der aus der eigenen Partei verstoĂene Boris Palmer höchstpersönlich als Standesbeamter fungieren kann. Was wie eine Realsatire klingt, ist bitterer Ernst im Wahlkampf des grĂŒnen Spitzenkandidaten Cem Ăzdemir fĂŒr die Landtagswahl in Baden-WĂŒrttemberg am 8. MĂ€rz 2026.
Eine Hochzeit als politische Inszenierung
Am Valentinstag ehelichte der 60-jĂ€hrige Ăzdemir die 40-jĂ€hrige Juristin Flavia Zaka. Angeblich im engsten Familienkreis. Dass vorab die Stuttgarter Zeitung, die Stuttgarter Nachrichten und der SWR informiert waren â nun ja, das sind eben die âengsten Freunde" eines grĂŒnen Politikers. Die Botschaft ist so durchsichtig wie ein frisch geputztes Fenster: Seht her, ich bin ein Familienmensch! Doch wer wĂŒrde es wagen, eine Trauung am Tag der Verliebten durch den einwanderungskritischen Palmer als kalkulierte Inszenierung zu bezeichnen?
Genau das ist sie aber. Palmer, den die GrĂŒnen einst aus der Partei drĂ€ngten, weil er es wagte, die Folgen illegaler Einwanderung und den Missbrauch von Sozialleistungen beim Namen zu nennen â ausgerechnet dieser Mann soll nun als Standesbeamter den Imagetransfer bewerkstelligen. Ein TĂŒbinger OberbĂŒrgermeister als SteigbĂŒgelhalter fĂŒr einen Kandidaten, dessen Partei jeden einen Nazi schimpfte, der Ă€hnliche Positionen vertrat. Die Ironie könnte kaum gröĂer sein.
Die GrĂŒnen und ihr verblassender Glanz
Die Ausgangslage fĂŒr Ăzdemir ist desaströs. In den Umfragen dĂŒmpeln die GrĂŒnen zwischen 20 und 23 Prozent, wĂ€hrend die CDU an der 30-Prozent-Marke kratzt. Sollten die Christdemokraten vorne landen, wĂŒrde nicht Ăzdemir, sondern CDU-Kandidat Manuel Hagel in die Stuttgarter Staatskanzlei einziehen. Das Ende einer Ăra.
Dabei begann alles so vielversprechend. Als Winfried Kretschmann 2011 erster grĂŒner MinisterprĂ€sident wurde, lag der Zeitgeist auf Seiten der GrĂŒnen. Der Tsunami vor Japan und die Reaktorkatastrophe von Fukushima â nur zwei Wochen vor der Wahl â spielten ihnen ebenso in die Karten wie der Protest gegen Stuttgart 21. Doch was damals ein guter Starter war, ist heute ein âlausiger Verrecker", wie man im SchwĂ€bischen sagen wĂŒrde. In fĂŒnfzehn Jahren grĂŒner Dominanz konnten sie den Bahnhofsumbau weder stoppen noch fertigstellen. Im vorantiken Ăgypten, so die beiĂende Pointe, wurden Pyramiden schneller errichtet als Bahnhöfe im grĂŒnen Jahrzehnt umgebaut.
Kretschmanns Erbe: Stellenabbau statt Wohlstand
Das Erbe, das Kretschmann hinterlĂ€sst, ist alles andere als ruhmreich. Baden-WĂŒrttemberg, einst industrielles Kraftzentrum der Republik, Ă€chzt unter massivem Stellenabbau bei Bosch und dramatischen GewinneinbrĂŒchen bei Mercedes. Die einstigen SĂ€ulen baden-wĂŒrttembergischer LeistungsstĂ€rke mutieren zu Vorboten wirtschaftlicher Ruinen. Beim Ausbau erneuerbarer Energien â dem vermeintlichen Kernthema der GrĂŒnen â rangiert das grĂŒn regierte Bundesland gerade einmal im Mittelfeld. Eine beschĂ€mende Bilanz fĂŒr eine Partei, die sich den ökologischen Umbau auf die Fahnen geschrieben hat.
Und dann ist da noch die Erinnerung an Robert Habeck, der als Bundeswirtschaftsminister mit entwaffnender NaivitĂ€t verkĂŒndete, Unternehmen mĂŒssten ja nicht in die Insolvenz gehen, wenn sie rechtzeitig aufhörten zu produzieren. Solche SĂ€tze brennen sich ins kollektive GedĂ€chtnis ein â und sie brennen vor allem in einem Industrieland wie Baden-WĂŒrttemberg besonders schmerzhaft.
Der Mann ohne Eigenschaften borgt sich fremde
Ăzdemirs Wahlkampfstrategie offenbart eine geradezu erschreckende Hohlheit. âAus reiner Vernunft fĂŒr das Klima" steht auf seinen Plakaten â Aufbruch sieht wahrlich anders aus. Auf einem anderen Motiv prangt âWirtschaft und Klima retten", wobei âWirtschaft" groĂ und âKlima" deutlich kleiner geschrieben ist. Ein typisch grĂŒner Spagat: Man will wirtschaftsfreundlich wirken, ohne die eigene Klientel zu verprellen.
Doch es wird noch absurder. Hinter den Kulissen soll Ăzdemir lanciert haben, Angela Merkel könnte als Kandidatin fĂŒr das Amt der BundesprĂ€sidentin vorgeschlagen werden â ausgerechnet von den GrĂŒnen. Eine Geschichte, die der Bild-Zeitung fĂŒr ein paar Stunden nette Klickzahlen bescherte, bevor Merkel das GerĂŒcht umgehend dementieren lieĂ. Die GroĂmeisterin der politischen ProjektionsflĂ€che, die den WĂ€hlern jahrelang vortĂ€uschte, etwas zu sein, was sie nie war â sie soll nun auch noch Ăzdemirs Wahlkampf retten?
Ein ChamÀleon auf der Suche nach Farbe
Was sich hier abzeichnet, ist das PortrĂ€t eines Politikers, der keine eigene Ăberzeugung mehr hat â oder nie eine hatte. Er lehnt sich an Kretschmann an, wenn er die Wirtschaft ĂŒber das Klima stellt. Er hofft auf einen Imagetransfer durch den Einwanderungskritiker Palmer. Er flirtet mit dem Merkel-Mythos. Die GrĂŒnen wollten eine LKW-Maut auf LandstraĂen â Ăzdemir plötzlich nicht mehr, weil gerade Wirtschaft ĂŒber Klima steht. Alles KalkĂŒl, nichts Ăberzeugung.
Dabei war Ăzdemir einmal sympathisch. Als âAnatolischer Schwabe" und einer der ersten tĂŒrkischstĂ€mmigen Bundestagsabgeordneten konnte er eine gute persönliche Geschichte erzĂ€hlen. In Beliebtheitsrankings belegt er noch immer passable PlĂ€tze. Doch solche Rankings messen lediglich, an wem sich die WĂ€hler nicht stören â nicht, fĂŒr wen sie eine Partei wĂ€hlen wĂŒrden. Ein feiner, aber entscheidender Unterschied.
Das grĂŒne Jahrzehnt neigt sich dem Ende zu
Die Geschichte der GrĂŒnen in Baden-WĂŒrttemberg ist auch eine Geschichte verpasster Chancen und selbstverschuldeter Krisen. Schon 2013 erhielt der AufwĂ€rtstrend einen deutlichen Bruch, als die Partei ein Steuerkonzept vorstellte, das sie selbst nicht durchdacht hatte. Wochen vergingen, bevor die BundesgeschĂ€ftsstelle Journalistenanfragen beantworten konnte. Dann kamen die EnthĂŒllungen ĂŒber PĂ€dophilie in den Reihen der GrĂŒnen â VorwĂŒrfe, auf die das damalige FĂŒhrungsteam um Ăzdemir keine Antworten fand.
2017 standen die GrĂŒnen sogar kurz davor, aus dem Bundestag zu fliegen. Nur das desaströse TV-Duell zwischen Merkel und Schulz â in dem sich beide in allem einig zeigten, auĂer in der Frage, wer öfter mit Macron telefoniert habe â und ein Comeback des Klimathemas retteten die Partei. Doch selbst mit diesem RĂŒckenwind landeten die GrĂŒnen mit mageren 8,9 Prozent nur auf Platz sechs. Ăzdemir musste gehen, sein Nachfolger Habeck fĂŒhrte die Partei in den Umfragen zeitweise auf 25 Prozent.
Nun steht Ăzdemir vor seinem letzten Schuss. Mit 60 Jahren, einer frischen Ehefrau und einem Bauchladen geliehener Images versucht er, das Unmögliche möglich zu machen. Doch die Zeichen stehen gegen ihn. Der Zeitgeist hat sich gedreht. Die BĂŒrger haben genug von grĂŒner Bevormundung, von Essgeboten und Fahrverboten, von einer Politik, die Unternehmen in den Ruin treibt und gleichzeitig moralische Ăberlegenheit fĂŒr sich beansprucht.
Alles ist so absurd, dass Historiker es dereinst als erhellende Anekdote verwenden werden, wenn sie den Niedergang der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft schildern.
Sollte Ăzdemir scheitern â und vieles deutet darauf hin â, werden seine Parteifreunde nicht bis zum nĂ€chsten Valentinstag warten, bevor sie mit ihm abrechnen. Denn in der Politik gilt, was auch in der Liebe gilt: Wer nur kalkuliert, verliert am Ende alles. Baden-WĂŒrttemberg hĂ€tte jedenfalls eine RĂŒckkehr zu wirtschaftlicher Vernunft und pragmatischer Politik bitter nötig. Ob die CDU unter Manuel Hagel diese liefern kann, steht freilich auf einem anderen Blatt. Doch eines ist gewiss: Das grĂŒne Experiment im LĂ€ndle nĂ€hert sich seinem Ende â und das ist, bei aller gebotenen NĂŒchternheit, keine schlechte Nachricht fĂŒr den Wirtschaftsstandort Deutschland.










