
„Ohne Franzosen“: Wie ein Ex-Premier mit einem Satz die Nervosität der europäischen Eliten entlarvt
Es war ein einziger, halb ironischer Nebensatz – und doch reichte er aus, um eine diplomatische Verstimmung zwischen zwei europäischen Nachbarn auszulösen. Spaniens früherer Ministerpräsident Mariano Rajoy hatte vor dem Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich die Équipe Tricolore zunächst brav als Mannschaft „auf höchstem Niveau“ gewürdigt. Dann folgte der Satz, der die üblichen Empörungsmaschinen sofort auf Hochtouren brachte: „Allerdings ohne Franzosen.“
Was folgte, war ein Lehrstück über den Zustand des öffentlichen Diskurses in Europa – und darüber, wie schnell heutzutage jede kritische oder auch nur spöttische Bemerkung als „Rassismus“ abgestempelt wird, sobald sie das falsche Thema berührt.
Der Reflex der Empörung – prompt und vorhersehbar
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Die französische Botschaft in Madrid stellte umgehend klar, dass sämtliche 26 Nationalspieler französische Staatsbürger seien, 23 davon in Frankreich geboren. Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot bezeichnete Rajoys Worte als „erbärmlich“ und dozierte, Frankreich habe „keine Hautfarbe“ – wer etwas anderes behaupte, offenbare „Dummheit, Rassismus oder eine Kombination aus beidem“.
Bemerkenswert dabei: Selbst der Sprecher des rechten Rassemblement National, Julien Odoul, schloss sich der Verurteilung an und nannte Rajoy einen Rassisten. Der Reflex, sich sofort in die Reihe der Empörten einzuordnen, scheint mittlerweile parteiübergreifend zu funktionieren.
Rajoy entschuldigt sich nicht – und dreht den Spieß um
Doch der 71-jährige Konservative dachte gar nicht daran, den Kotau zu machen, den man von ihm erwartete. Nach dem 2:0-Sieg Spaniens veröffentlichte er in der Zeitung El Debate eine Kolumne mit dem vielsagenden Titel „Man muss einen guten Sinn für Humor haben“. Statt Reue präsentierte er eine Breitseite gegen die sozialistische Regierung von Pedro Sánchez.
„Sie entschuldigen sich für nichts. Das müssen offenbar immer die anderen.“
Rajoy warf der Regierung vor, den Streit künstlich aufzublasen, um von den eigentlichen Problemen des Landes abzulenken. Es gehe darum, so der frühere Regierungschef, „Lärm zu erzeugen, die Aufmerksamkeit abzulenken, Unruhe zu stiften“. Die eigentlichen Fragen, „die den Spaniern wichtig sind“, blieben dabei auf der Strecke. Welche das seien, ließ er offen – mit dem süffisanten Zusatz: „Sie wissen, wie ich bin und was ich denke.“ Und zum Abschluss, kämpferisch: „Es lebe Spanien! Wir haben wieder einmal gewonnen.“
Sánchez als moralische Instanz – ausgerechnet
Ministerpräsident Sánchez inszenierte sich derweil als Hüter der guten Werte. Manche Menschen, so belehrte er, machten die Zugehörigkeit zu einem Land noch immer „am Nachnamen, am Geburtsort oder an der Hautfarbe“ fest. Bei einem Besuch in Paris erklärte er gegenüber Frankreichs Premierminister Sébastien Lecornu und Brigitte Macron gar, er schäme sich für die Worte seines Vorgängers.
Man muss sich diese Szene auf der Zunge zergehen lassen: Ein spanischer Regierungschef reist ins Ausland, um sich dort für einen ironischen Sportkommentar eines Oppositionspolitikers zu entschuldigen. Ob dieses selbstverleugnende Schauspiel dem Ansehen Spaniens dient, darf getrost bezweifelt werden. Rajoys eigene Volkspartei PP verteidigte die ursprüngliche Bemerkung folgerichtig als sarkastische Formulierung „ohne böse Absicht“.
Worum es eigentlich geht – und worüber niemand sprechen darf
Hinter dem Sturm im Wasserglas verbirgt sich eine Debatte, die man in Europa längst nicht mehr offen führen darf. Denn die eigentlich spannende Frage lautet nicht, ob Rajoy ein Rassist ist. Sie lautet: Was macht eine Nationalmannschaft eigentlich noch zur Nationalmannschaft? Wenn internationale Wettbewerbe damit werben, dass Nationen gegeneinander antreten, dann ist es keineswegs abwegig, danach zu fragen, was diese Nation im Kern ausmacht – jenseits der reinen Passstaatsangehörigkeit.
Wer diese Frage stellt, ist nicht automatisch fremdenfeindlich. Er benennt lediglich einen offensichtlichen Widerspruch, den die multikulturelle Erzählung unserer Zeit lieber unter den Teppich kehrt. Doch genau hier liegt das Problem: In einem Klima, in dem jeder unbequeme Gedanke sofort mit der Rassismus-Keule niedergeknüppelt wird, verschwindet der Raum für ehrliche Auseinandersetzung. Man diskutiert nicht mehr die Sache, man skandalisiert den, der sie anspricht.
Ein Symptom für die Sprachlosigkeit Europas
Der Fall Rajoy ist letztlich mehr als eine sportpolitische Randnotiz. Er zeigt exemplarisch, wie dünnhäutig und moralisch aufgeladen der öffentliche Diskurs in Europa geworden ist. Ein pointierter Satz genügt, um Botschaften, Außenminister und Regierungschefs in Bewegung zu setzen – während drängende Probleme der Bürger, von der wirtschaftlichen Lage bis zur inneren Sicherheit, mit deutlich weniger Verve behandelt werden.
Rajoy hat, ob man ihn nun mag oder nicht, den Finger in eine Wunde gelegt. Und die heftige Reaktion darauf verrät mehr über die Nervosität der herrschenden Eliten als über den angeblichen Rassismus eines pensionierten Politikers. Wer sich an einem ironischen Satz derart abarbeitet, hat womöglich Angst vor der Antwort auf die dahinterliegende Frage.
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