
Nagelsmanns Kuschelkurs zur WM: Wenn Vertrautheit wichtiger wird als Leistung

Es ist soweit: Der Kader für die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA steht. Und während die Nation gespannt auf die Bekanntgabe wartete, präsentierte Bundestrainer Julian Nagelsmann am vergangenen Donnerstag eine Auswahl, die mehr Fragen aufwirft, als sie Antworten liefert. Das gute alte Leistungsprinzip? Offenbar abgemeldet. Stattdessen regieren persönliche Sympathien, eingespielte Beziehungen und die Hoffnung, dass es schon irgendwie klappen werde.
Die Rückkehr des Patriarchen: Manuel Neuer zwischen Heldengeschichte und Realität
Manuel Neuer steht wieder zwischen den Pfosten. Punkt. Aus. Ende der Diskussion. Dass Oliver Baumann noch wenige Tage zuvor öffentlich verkündet hatte, er gehe „sehr selbstbewusst in die Vorbereitung und dann in die WM", entpuppt sich als bittere Pointe. Vertrauen sieht anders aus. Nagelsmann begründete sein Vorgehen damit, man hätte Baumann ja nicht früher informieren können – falls Neuer doch noch abgesagt oder sich verletzt hätte, wäre das Vertrauensverhältnis ohnehin „angeknackst" gewesen. Schöne Logik: Lieber später vor den Kopf stoßen als früher Klarheit schaffen.
Die entscheidende Frage drängt sich geradezu auf: Ist Neuer überhaupt noch der Beste seiner Zunft im Land? Ja, er parierte überragend im Viertelfinal-Hinspiel gegen Real Madrid. Doch im Rückspiel gleich zwei kapitale Patzer, die die Bayern an den Rand einer Niederlage brachten. In der Bundesliga vier weitere Torwartfehler, die direkt zu Gegentoren führten. In einem K.-o.-Turnier wie der WM können solche Aussetzer das vorzeitige Aus bedeuten. Doch Tradition geht offenbar vor Form.
Sané statt El Mala: Wenn die Heatmap zur Ausrede wird
Noch bizarrer mutet die Nominierung von Leroy Sané an. Galatasaray Istanbul, immerhin sein eigener Verein, ließ ihn im Champions-League-Duell gegen Liverpool auf der Bank schmoren. In der türkischen Süper Lig – nicht gerade eine Top-Liga – kam er auf sieben Tore und fünf Vorlagen. Zahlen, die in der weitaus stärkeren Bundesliga sowohl Said El Mala als auch Chris Führich deutlich übertroffen haben. Beide bleiben zuhause.
Nagelsmann begründet die Entscheidung damit, er habe „einen super Draht" zu Sané und traue sich zu, ihn so „zu kitzeln", dass nach der WM positive Stimmen überwiegen. Bemerkenswert: Genau das ist ihm in fast zwei Jahren als Bayern-Trainer mit demselben Spieler nicht gelungen. Aber vielleicht reichen ja ein paar Wochen in den USA, um zu schaffen, was zuvor scheiterte. Ein Hauch von Wunderglauben weht durch die DFB-Zentrale.
Besonders pikant: Im März hatte Nagelsmann noch verkündet, El Mala müsse „einfach mehr Spielzeit bekommen in Köln". Der 19-Jährige lieferte – stand fortan in jeder Startelf, erzielte fünf Tore. Nun heißt die neue Begründung: Die Heatmap aus Köln zeige, dass El Mala zu nah am eigenen Tor agiere. Pikanterweise zeigt ein Vergleich, dass ausgerechnet Sané im Durchschnitt tiefer steht als der junge Kölner. Wer Argumente sucht, der findet sie eben – auch wenn sie der Wirklichkeit widersprechen.
Goretzka, der Kopfball-Joker aus Sympathie
Auch Leon Goretzkas Nominierung folgt der Logik der Vertrautheit. Beim FC Bayern war er in der vergangenen Saison nur noch Statist, sein Vertrag wurde nicht verlängert. Doch unter Nagelsmann war er einst Stammspieler – und das wiegt offenbar schwerer als die jüngste Formkurve. Die Begründung über die fehlende Kopfballstärke im Sturm – Undav, Woltemade und Havertz seien keine „Kopfballungeheuer" – wirkt konstruiert. Echte Alternativen freilich hatte Nagelsmann ohnehin kaum. Tim Kleindienst fiel fast die komplette Saison aus, Niclas Füllkrug sucht seine Form seit dem Wechsel weg aus Dortmund.
Vertrautheit schlägt Leistung – ein gefährliches Signal
Nagelsmann selbst formulierte das neue DFB-Credo erstaunlich offen: „Du musst auf eine Gesamtthematik achten und überlegen, welche Spieler zusammenpassen und wie oft sie schon zusammengespielt haben." Auf Deutsch: Wer dazugehört, gehört dazu. Wer neu kommt – wie etwa der in Belgien torgefährliche Nicolo Tresoldi – hat keine Chance, weil ihm die Vertrautheit fehlt. Ein Teufelskreis, der talentierten Außenseitern den Weg in die Nationalmannschaft systematisch verbaut.
Das deutsche Leistungsprinzip, einst Markenzeichen einer Fußballnation, die mit Disziplin und Härte vier Weltmeistertitel gewann, scheint in den Hintergrund gerückt. Stattdessen regiert eine Klüngelwirtschaft der guten Beziehungen. Wer dem Trainer sympathisch ist, der fährt. Wer in der Bundesliga liefert, aber keinen „super Draht" zum Coach hat, der schaut zuhause zu. Es ist ein Muster, das man aus anderen Bereichen der Republik nur allzu gut kennt: Nicht Leistung zählt, sondern Loyalität und Zugehörigkeit zum richtigen Zirkel.
Was bleibt: Hoffnung statt Konzept
Ob diese Strategie aufgeht, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Bei einer Weltmeisterschaft, dem härtesten Wettbewerb des Welt-Fußballs, ist Sentimentalität selten ein guter Ratgeber. Andere Nationen werden mit ihren formstärksten Spielern auflaufen, nicht mit ihren liebsten. Und so steht über diesem deutschen WM-Aufgebot ein dickes Fragezeichen: Sind es wirklich die besten Fußballer, die Nagelsmann da in die USA mitnimmt – oder schlicht seine Freunde?
Die deutsche Fußball-Tradition hat schon manches Comeback erlebt. Vielleicht gelingt auch dieses. Doch wer das Leistungsprinzip opfert auf dem Altar der Vertrautheit, der riskiert mehr als nur ein frühes Turnierende. Er riskiert das Vertrauen einer ganzen Nation, die ohnehin in vielerlei Hinsicht das Gefühl hat, dass Verdienst und Können in diesem Land immer seltener belohnt werden.
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