
Minijob-Debatte: Wenn der Staat Millionen BĂŒrgern die letzte Einkommensquelle rauben will
Es ist ein Szenario, das man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: Ausgerechnet jene politischen KrĂ€fte, die seit Jahren das BĂŒrgergeld verteidigen und Arbeit immer unattraktiver machen, wollen nun den Minijob abschaffen â jene BeschĂ€ftigungsform, die fĂŒr Millionen Deutsche oft der letzte Faden ist, der sie noch mit dem Arbeitsmarkt verbindet. Die Debatte, die derzeit in der Sozialstaatskommission gefĂŒhrt wird, hat das Potenzial, eine gesellschaftliche Sprengkraft zu entfalten, die weit ĂŒber arbeitsmarktpolitische Feinheiten hinausgeht.
Vier Millionen Menschen im Fadenkreuz der Reformeifrigen
Rund vier Millionen Menschen in Deutschland bestreiten ihren Lebensunterhalt hauptsĂ€chlich ĂŒber einen Minijob. Studierende, pflegende Angehörige, Rentner, die ihre karge Rente aufbessern mĂŒssen â sie alle verdienen derzeit bis zu 603 Euro monatlich, steuer- und sozialversicherungsfrei. Hinzu kommen Millionen weitere, die neben ihrer regulĂ€ren BeschĂ€ftigung einen Minijob als Nebenerwerb ausĂŒben, um ĂŒber die Runden zu kommen. Dass ausgerechnet diese Menschen nun ins Visier von Gewerkschaften und â man höre und staune â sogar des Arbeitgeberverbandes geraten, entbehrt nicht einer gewissen bitteren Ironie.
Holger SchĂ€fer, Ăkonom und Arbeitsmarktexperte am Institut der Deutschen Wirtschaft, schlĂ€gt Alarm. Eine Abschaffung der Minijobs könnte gerade jene BeschĂ€ftigten im Haupterwerb in âExistenznot" bringen, warnt er eindringlich. Denn viele dieser Menschen könnten schlicht nicht mehr Stunden arbeiten â sei es aus gesundheitlichen GrĂŒnden, wegen familiĂ€rer Verpflichtungen oder aufgrund ihres Studiums.
Verdi und Arbeitgeber: Eine unheilige Allianz
Dass sich die Gewerkschaft Verdi und der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeber (BDA) in dieser Frage einig sind, sollte jeden aufmerksamen BĂŒrger stutzig machen. Verdi argumentiert, Minijobs förderten insbesondere bei Frauen Einkommens- und Altersarmut. Die steuer- und sozialrechtliche Privilegierung setze âarbeitsmarktpolitische Fehlanreize". Der BDA wiederum beklagt, die Kombination aus BĂŒrgergeld und Minijob sei zu attraktiv â ein Argument, das man durchaus nachvollziehen kann, das aber an der falschen Stelle ansetzt.
Denn wer hat denn diese Fehlanreize geschaffen? Es war die Politik selbst, die mit dem BĂŒrgergeld ein System etabliert hat, in dem sich Arbeit fĂŒr viele schlicht nicht mehr lohnt. Statt nun an der Stellschraube BĂŒrgergeld zu drehen und Leistungsbereitschaft wieder zu belohnen, will man lieber den Minijob abschaffen â also das Symptom bekĂ€mpfen statt die Ursache. Ein klassisches Manöver deutscher Sozialpolitik.
Das eigentliche Problem wird verschwiegen
SchĂ€fer bringt es auf den Punkt: Das wahre Problem liegt darin, dass zu viele Menschen lieber in Teilzeit arbeiten und nebenbei einen Minijob ausĂŒben, statt ihre Stunden im Hauptberuf zu erhöhen. Es fehlen schlicht die Anreize, mehr zu arbeiten. Deutschland brauche eine Steigerung der Erwerbszeit â darin seien sich eigentlich alle einig. Doch statt die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, greife man zum einfachsten Werkzeug: dem Verbot.
WĂŒrde man Minijobs sozialabgabenpflichtig machen, wĂ€ren die resultierenden BeitrĂ€ge so gering, dass der daraus entstehende Leistungsanspruch ohnehin nicht ausreichen wĂŒrde. Das Argument der besseren sozialen Absicherung entpuppt sich damit als das, was es in Wahrheit ist: ein Vorwand, um mehr Geld in die chronisch klammen Sozialversicherungskassen zu spĂŒlen. SchĂ€fer selbst vermutet genau diese Absicht hinter den Reformbestrebungen.
Ein Land, das Leistung bestraft
Was sich hier abzeichnet, ist symptomatisch fĂŒr den Zustand der deutschen Arbeitsmarktpolitik. Statt Eigeninitiative zu fördern und Menschen den Ăbergang von Teilzeit in Vollzeit schmackhaft zu machen, wird ĂŒber Verbote und neue Abgaben diskutiert. Statt das BĂŒrgergeld so zu reformieren, dass sich Arbeit wieder lohnt, will man jenen die letzte flexible Verdienstmöglichkeit nehmen, die ohnehin schon am unteren Ende der Einkommensskala stehen.
Die neue GroĂe Koalition unter Friedrich Merz hĂ€tte hier die Chance, ein klares Signal zu setzen: Leistung muss sich wieder lohnen, und wer arbeiten will â sei es auch nur im Rahmen eines Minijobs â, der darf dafĂŒr nicht bestraft werden. Ob der politische Mut dafĂŒr vorhanden ist, darf angesichts der bisherigen Erfahrungen mit deutschen Regierungen allerdings bezweifelt werden. Die AushĂ€nge âUnser Team sucht VerstĂ€rkung auf Minijob-Basis" könnten tatsĂ€chlich bald der Vergangenheit angehören â und mit ihnen ein StĂŒck FlexibilitĂ€t und Freiheit auf dem deutschen Arbeitsmarkt.










