
Martenstein zerlegt AfD-Verbotsfantasien â und das linke Publikum schweigt betroffen

Es gibt Momente, in denen ein einzelner Redner den Nerv einer ganzen Nation trifft. Der Journalist und Kolumnist Harald Martenstein hat im Hamburger Thalia Theater offenbar genau einen solchen Moment geschaffen. Sein flammendes PlĂ€doyer gegen ein Verbot der AfD, vorgetragen bei einem inszenierten âProzess gegen Deutschland", schlĂ€gt in den sozialen Medien ein wie eine Bombe â und entlarvt dabei die erschreckende Intoleranz jener, die sich selbst fĂŒr die HĂŒter der Demokratie halten.
Ein Schauprozess, der zum Bumerang wurde
Das Thalia Theater in Hamburg â eine Hochburg des linksliberalen Kulturbetriebs â hatte sich etwas Besonderes ausgedacht: Ein simuliertes Verbotsverfahren gegen die AfD, komplett mit BefĂŒrwortern und Gegnern auf der BĂŒhne. Am Ende sollte ein Gremium um die ehemalige Justizministerin Herta DĂ€ubler-Gmelin (SPD) ein Urteil fĂ€llen. Was als intellektuelles Spektakel der Selbstvergewisserung geplant gewesen sein dĂŒrfte, geriet jedoch zur Blamage fĂŒr die VerbotsbefĂŒrworter.
Denn Martenstein, der 72-jĂ€hrige Veteran des deutschen Feuilletons, nutzte seine BĂŒhne meisterhaft. Er wendete das zentrale Argument der VerbotsanhĂ€nger â man mĂŒsse die Demokratie retten â gegen sie selbst. Deutschland wĂŒrde sich durch ein solches Verbot vielmehr in ein âautoritĂ€res Regime" verwandeln, so der Publizist. Sein vernichtendes Urteil ĂŒber die Verbotsfantasien gipfelte in dem Satz, dass die BegrĂŒndung, man rette die Demokratie, historisch betrachtet eine der beliebtesten bei jenen gewesen sei, die sie tatsĂ€chlich abgeschafft hĂ€tten.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein erfahrener Journalist, der jahrzehntelang fĂŒr die âZeit" schrieb und heute fĂŒr âWelt" und âBild" arbeitet, hĂ€lt dem versammelten linken Kulturestablishment den Spiegel vor â und dieses reagiert mit Buhrufen und Stinkefingern. Demokratischer Diskurs Ă la Hamburg-Altona.
Millionen Klicks, tosender Beifall im Netz
Was im Theatersaal auf eisiges Schweigen und vereinzelte SchmĂ€hungen stieĂ, löste in den sozialen Netzwerken einen regelrechten Begeisterungssturm aus. Das Video der Rede wurde millionenfach geklickt und geteilt. Die Reaktionen prominenter Stimmen sprechen BĂ€nde.
Die Deutschland-Redakteurin der Neuen ZĂŒrcher Zeitung, Beatrice Achterberg, kommentierte knapp: âGut, dass Deutschland einen Harald Martenstein hat." Der ehemalige mecklenburg-vorpommersche Finanzminister Mathias Brodkorb, einst SPD-Fraktionsvorsitzender und heute als Verfassungsschutz-Kritiker bekannt, ĂŒberschlug sich geradezu vor Anerkennung und bezeichnete das PlĂ€doyer als âeine Rede wie ein Denkmal". Der Finanzexperte Markus Krall sprach gar von einer âJahrhundertrede".
Auch der ehemalige FAZ-Herausgeber Hugo MĂŒller-Vogg empfahl seinen Followern die LektĂŒre des Manuskripts und konstatierte, das âlinksgrĂŒne Publikum" habe durch Martenstein erfahren, âwie linksgrĂŒne Intoleranz sich Ă€uĂert". Der liberale Publizist Rainer Zitelmann, seit Jahrzehnten FDP-Mitglied, formulierte es diplomatischer, aber nicht weniger eindeutig: Man mĂŒsse kein AfD-Fan sein, um dieser Rede in weiten Teilen zuzustimmen.
Die Gegenseite: Schockstarre und Reue
Besonders aufschlussreich ist die Reaktion der VerbotsbefĂŒrworter. Oder besser gesagt: das Ausbleiben jeglicher Reaktion. Weder CDU-Politiker noch Vertreter des rot-grĂŒn-roten Lagers hĂ€tten sich bislang zu Martensteins Auftritt geĂ€uĂert. Linke Medien berichteten schlicht nicht ĂŒber die Rede. Das Schweigen ist ohrenbetĂ€ubend â und entlarvend.
Noch bezeichnender ist das Verhalten des Thalia Theaters selbst: Auf dem hauseigenen YouTube-Kanal, wo das Video des gesamten ersten Veranstaltungstages vergleichsweise bescheidene 40.500 Aufrufe verzeichnete, wurde die Kommentarfunktion ohne Angabe von GrĂŒnden deaktiviert und sĂ€mtliche bereits vorhandenen Kommentare gelöscht. So sieht also die Diskursbereitschaft jener aus, die sich als Verteidiger der offenen Gesellschaft inszenieren. Man veranstaltet einen öffentlichen Schauprozess, aber wenn die Reaktionen nicht ins gewĂŒnschte Narrativ passen, wird kurzerhand der Stecker gezogen.
Geradezu tragikomisch mutet das EingestĂ€ndnis des Soziologen Andreas Kemper an, der auf der Pro-Verbotsseite aufgetreten war und das Buch âRechtspopulismus kann tödlich sein" veröffentlicht hat. Er bedauere nun seine Teilnahme an dem Schauprozess â nicht etwa, weil er Martensteins Argumente fĂŒr ĂŒberzeugend hielte, sondern weil âdie Rechten" nun Videos von dessen Rede hĂ€tten. Er habe fĂŒr einen gemeinsamen RĂŒcktritt mehrerer Teilnehmer geworben. Man stelle sich das vor: Ein Akademiker, der sich der AufklĂ€rung verschrieben haben will, wĂŒnscht sich im Nachhinein, dass die Gegenseite gar nicht erst hĂ€tte zu Wort kommen sollen.
Ein Symptom der demokratischen Krise
Die Episode um Martensteins Rede ist weit mehr als eine kulturpolitische Anekdote. Sie offenbart in erschreckender Klarheit den Zustand der politischen Debattenkultur in Deutschland. Dass ein moderater, bĂŒrgerlicher Journalist, der sich zeitlebens im linksliberalen Mainstream bewegte, fĂŒr ein PlĂ€doyer zugunsten demokratischer Grundprinzipien Buhrufe und Stinkefinger erntet, sagt mehr ĂŒber den Zustand dieses Landes als tausend Sonntagsreden ĂŒber Toleranz und Vielfalt.
Die Idee, eine demokratisch gewĂ€hlte Partei, die bei Wahlen regelmĂ€Ăig zweistellige Ergebnisse erzielt und Millionen WĂ€hler vertritt, einfach zu verbieten, ist in einer funktionierenden Demokratie ein Alarmsignal erster GĂŒte. Martenstein hat recht, wenn er darauf hinweist, dass historisch betrachtet gerade jene, die vorgaben, die Demokratie zu schĂŒtzen, sie am effektivsten zerstört haben. Wer Millionen BĂŒrgern ihre politische Stimme nehmen will, der rettet nicht die Demokratie â der schafft sie ab.
Dass ausgerechnet ein inszenierter Schauprozess in einem Hamburger Theater zum Katalysator einer ĂŒberfĂ€lligen Debatte wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Veranstalter wollten die AfD auf die Anklagebank setzen â und finden sich nun selbst dort wieder. Manchmal schreibt das Leben eben die besseren DrehbĂŒcher als das Theater.










