
Land gegen Land: Armenien bietet Aserbaidschan einen Gebietstausch an!

Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan will die Landkarte des Südkaukasus neu zeichnen. In einer am Mittwoch auf Facebook veröffentlichten Videobotschaft schlug er vor, dass Armenien und Aserbaidschan Gebiete mit exakt gleicher Fläche tauschen. Damit sollen die letzten Enklaven zwischen den verfeindeten Nachbarn verschwinden, ein jahrzehntelanger Konflikt soll endgültig enden.
Das klingt nach einem Durchbruch. Allerdings hat Paschinjan bisher nur eine Absicht verkündet. Einen fertigen Vertrag gibt es nicht.
29.743 Quadratkilometer, kein Meter mehr oder weniger
Wie die staatliche Nachrichtenagentur Armenpress berichtet, skizzierte Paschinjan, wie der Frieden nach der Unterzeichnung und Ratifizierung des Abkommens aussehen solle. Armenien solle demnach ein Staatsgebiet von 29.743 Quadratkilometern behalten. Grundlage der Grenzziehung sei die Alma-Ata-Erklärung von 1991, in der die früheren Sowjetrepubliken ihre damaligen Grenzen gegenseitig anerkannten.
Welche Flächen getauscht werden sollen, ließ der Premier offen. Armenischen Medien zufolge geht es um vier Enklaven. Die aserbaidschanischen Dörfer Karki, Barchudarly und Jukhari Askipara liegen auf armenischem Gebiet. Umgekehrt gilt das armenische Arzwaschen, das derzeit von Baku kontrolliert wird, als Teil Armeniens.
Moskaus Lineal als Erblast
Die Enklaven stammen aus den 1920er-Jahren. Damals zogen die sowjetischen Planer die Verwaltungsgrenzen nach der Bevölkerung und kümmerten sich kaum um die Geografie. Mit dem Zerfall der UdSSR wurden daraus über Nacht Staatsgrenzen. Kriege und Vertreibungen sorgten dafür, dass auf dem Papier oft etwas anderes stand als in der Wirklichkeit. Für die Menschen bedeutete das abgeschnittene Straßen, isolierte Dörfer und ständige Unsicherheit.
Straßen in beide Richtungen und die „Trump-Route"
Paschinjan will außerdem alle Verkehrswege öffnen. Menschen und Waren sollen laut der Erklärung von Armenien durch Aserbaidschan nach Armenien gelangen können und umgekehrt. Besonders wichtig ist die Verbindung zwischen dem aserbaidschanischen Kernland und der Exklave Nachitschewan, die durch armenisches Gebiet vom Rest des Landes getrennt ist.
Den Grundstein dafür legten Paschinjan und Präsident Ilham Aliyev am 8. August 2025 in Washington, als Donald Trump ihre gemeinsame Erklärung als Zeuge unterschrieb. Das Projekt trägt seither den Namen „Trump Route for International Peace and Prosperity", kurz TRIPP. Die Souveränität beider Staaten soll dabei gewahrt bleiben. Paschinjan betont nun, der Verkehr dürfe sich nicht auf diese eine Route beschränken.
Bemerkenswert ist auch, wer bei alledem fehlt. Die EU bezieht seit Jahren in großem Stil Gas aus Aserbaidschan. Den entscheidenden Friedensschritt in der Region vermittelte trotzdem Washington und nicht Brüssel oder Berlin. Die Europäer haben dabei offenbar nur zugeschaut.
Bergkarabach: Die Wunde, die nicht heilt
Im Kern des Streits stand immer Bergkarabach. Die überwiegend armenisch bewohnte Region gehörte zu Sowjetzeiten zu Aserbaidschan. Anfang der 1990er-Jahre brachten armenische Kräfte sie unter ihre Kontrolle, Hunderttausende Menschen wurden vertrieben. Der Waffenstillstand von 1994 stoppte die Kämpfe, gelöst war der Konflikt damit aber nicht. Im Krieg von 2020 holte sich Baku große Teile der Gebiete zurück.
Im September 2023 folgte die letzte Offensive. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR flohen innerhalb einer Woche mehr als 100.000 Menschen nach Armenien. Seitdem ist Bergkarabach praktisch ohne Armenier.
Ein vorsichtiger Optimismus
Paschinjan verweist auf seine jüngsten Gespräche mit Aliyev in Turkmenistan. Danach habe er den „vorläufigen Eindruck", dass eine solche Friedenslösung möglich sei. Beide Länder sollen außerdem auf alle Gebietsansprüche gegeneinander verzichten. Der Text des Friedensabkommens wurde 2025 allerdings nur paraphiert. Unterschrift und Ratifizierung stehen noch aus.
Viel hängt deshalb an Baku. Aliyev hatte die Rückgabe der Enklaven in der Vergangenheit Berichten zufolge ausdrücklich gefordert. Ob er sich auf einen Tausch einlässt, ist offen. Der Südkaukasus bleibt also ein Pulverfass, das allerdings erstmals seit Jahrzehnten ernsthaft entschärft werden könnte.










