Kettner Edelmetalle
18.02.2026
06:47 Uhr

Genfer FriedensgesprÀche: Selenskyj beklagt massiven Druck aus Washington

WĂ€hrend in der Schweizer Diplomatenstadt Genf die Zukunft der Ukraine verhandelt wird, liefern sich die Protagonisten dieses geopolitischen Dramas einen bemerkenswerten Schlagabtausch ĂŒber die Medien. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj hat US-PrĂ€sident Donald Trump in einem ausfĂŒhrlichen Telefoninterview mit dem Nachrichtenportal Axios vorgeworfen, „unfairen Druck" auf Kiew auszuĂŒben. Es sei schlicht nicht gerecht, dass Trump stets die Ukraine und nicht Russland zu ZugestĂ€ndnissen auffordere.

Sechs Stunden Verhandlungen – und kaum Ergebnisse

Der erste Verhandlungstag in Genf gestaltete sich offenbar so zĂ€h, wie man es bei einem Konflikt dieser Tragweite erwarten durfte. Sechs Stunden lang saßen russische, ukrainische und amerikanische UnterhĂ€ndler in verschiedenen bilateralen und trilateralen Formaten zusammen. Das Ergebnis? Die AtmosphĂ€re wurde als „sehr angespannt" beschrieben. Der ukrainische ChefunterhĂ€ndler Rustem Umerow sprach nebulös von „praktischen Fragen und der Mechanik möglicher Lösungen" – ohne auch nur ein konkretes Detail preiszugeben. Diplomatische Nebelkerzen in Reinform.

Besonders brisant: Die politischen GesprĂ€che sollen aufgrund der von Putin-Berater Wladimir Medinski vorgetragenen Positionen ins Stocken geraten sein. Die russische Delegation habe sich ihrerseits ĂŒber Selenskyjs öffentliche Äußerungen beschwert und ihm vorgeworfen, nicht ernsthaft zu verhandeln, sondern sich vor allem um seine Beliebtheit vor möglicherweise anstehenden Wahlen in der Ukraine zu kĂŒmmern.

Trump erhöht den Druck – aber nur in eine Richtung

Was Selenskyj besonders erzĂŒrnt, ist die offenkundige Einseitigkeit der amerikanischen DruckausĂŒbung. Trump hatte in den vergangenen Tagen gleich zweimal öffentlich die Verantwortung fĂŒr einen Verhandlungserfolg bei Kiew verortet. An Bord der Air Force One erklĂ€rte der US-PrĂ€sident unmissverstĂ€ndlich: „Die Ukraine sollte besser schnell an den Verhandlungstisch kommen. Das ist alles, was ich sage." GegenĂŒber Moskau? Kein vergleichbarer Appell.

Selenskyj kommentierte dies mit den Worten: „Ich hoffe, das ist nur seine Taktik und nicht seine Entscheidung." Eine bemerkenswert diplomatische Formulierung fĂŒr jemanden, der sich offensichtlich von seinem wichtigsten VerbĂŒndeten im Stich gelassen fĂŒhlt. Man muss allerdings auch die Frage stellen, ob Trumps Vorgehen nicht schlicht der RealitĂ€t geschuldet ist – nĂ€mlich dass es deutlich einfacher ist, auf den kleineren Partner Druck auszuĂŒben als auf eine Atommacht wie Russland.

Der Donbass als grĂ¶ĂŸter Knackpunkt

Der eigentliche Sprengstoff der Verhandlungen liegt in der Frage der territorialen ZugestĂ€ndnisse. Selenskyj machte unmissverstĂ€ndlich klar, dass ein Abkommen, welches die Ukraine zum einseitigen RĂŒckzug aus den von ihr kontrollierten Teilen des Donbass zwinge, in einem Referendum abgelehnt wĂŒrde. „Emotional werden die Menschen das niemals verzeihen", sagte er. Ein Einfrieren der aktuellen Frontlinien hingegen halte er fĂŒr zustimmungsfĂ€hig.

Hier zeigt sich das fundamentale Dilemma dieses Konflikts: Jede Seite definiert „Frieden" anders. FĂŒr Moskau bedeutet er die Anerkennung der geschaffenen Fakten – und möglicherweise noch mehr. FĂŒr Kiew bedeutet er die Wahrung der territorialen IntegritĂ€t. Und fĂŒr Washington? Dort scheint man vor allem an einem schnellen Ergebnis interessiert zu sein, koste es, was es wolle.

Witkoff sieht „bedeutende Fortschritte"

In erstaunlichem Kontrast zu den dĂŒsteren Berichten aus dem Verhandlungssaal verkĂŒndete US-Sondergesandter Steve Witkoff auf der Plattform X, der erste Tag habe „bedeutende Fortschritte" gebracht. Er sei „stolz", unter der FĂŒhrung von PrĂ€sident Trump daran zu arbeiten, „das Töten in diesem schrecklichen Konflikt zu beenden". Beide Seiten hĂ€tten sich darauf geeinigt, ihre jeweiligen Staatschefs auf den neuesten Stand zu bringen und weiter auf eine Einigung hinzuarbeiten.

Man darf sich fragen, ob Witkoff und die ĂŒbrigen Beobachter tatsĂ€chlich denselben Verhandlungen beigewohnt haben. Die Diskrepanz zwischen seiner optimistischen EinschĂ€tzung und den Berichten ĂŒber stockende GesprĂ€che könnte kaum grĂ¶ĂŸer sein. Doch so funktioniert Diplomatie: Jede Seite erzĂ€hlt die Geschichte, die ihr am besten in den Kram passt.

Europa als stiller Zuschauer – ein Armutszeugnis

Was bei alldem auffĂ€llt, ist die erschreckende Abwesenheit Europas. WĂ€hrend in Genf ĂŒber die Zukunft eines europĂ€ischen Landes verhandelt wird, sitzen die EuropĂ€er nicht einmal mit am Tisch. Deutschland hat sich offenbar darauf beschrĂ€nkt, der russischen Delegation die Anreise zu erschweren – eine Petitesse, die eher an bĂŒrokratische Schikane erinnert als an ernsthafte Außenpolitik. Die neue Große Koalition unter Friedrich Merz scheint in der Ukraine-Frage genauso orientierungslos zu agieren wie ihre VorgĂ€ngerregierung.

Dieser Krieg, der nun seit ĂŒber drei Jahren tobt, hat Europa verĂ€ndert – und nicht zum Besseren. Die AbhĂ€ngigkeit von amerikanischer Sicherheitsgarantie wird in Genf einmal mehr schmerzhaft deutlich. Wenn Trump den Druck auf Kiew erhöht und Europa nichts entgegenzusetzen hat, dann offenbart das die ganze strategische Ohnmacht des alten Kontinents. Milliarden an Hilfsgeldern wurden ĂŒberwiesen, doch am Verhandlungstisch zĂ€hlt am Ende nur, wer die Macht hat, Fakten zu schaffen. Und das sind derzeit Washington und Moskau – nicht BrĂŒssel, nicht Berlin.

Ob die GesprĂ€che in Genf tatsĂ€chlich zu einem Durchbruch fĂŒhren werden, bleibt höchst ungewiss. Selenskyj selbst gab sich „deutlich pessimistischer" als die amerikanischen Vermittler. Eines steht jedoch fest: Der ukrainische PrĂ€sident wird sich nicht kampflos in ein Abkommen drĂ€ngen lassen, das er als Kapitulation empfindet. „Ich bin nicht die Art Mensch, die unter Druck leicht einknickt", sagte er. Die kommenden Tage werden zeigen, ob diese Worte mehr sind als bloße Rhetorik.

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