
Führerschein-Reform: Fahrschulen kämpfen ums Überleben

Die gut gemeinte Ankündigung des Bundesverkehrsministeriums, die Kosten für den Führerschein drastisch zu senken, entpuppt sich als wirtschaftliches Desaster für eine ganze Branche. Was als Entlastung für junge Menschen gedacht war, entwickelt sich zum Sargnagel für tausende Familienbetriebe in Deutschland. Der sogenannte „Schnieder-Effekt" – benannt nach Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) – lähmt die Fahrschulbranche in einem Ausmaß, das selbst die pessimistischsten Prognosen übertrifft.
Anmeldeeinbruch von 70 Prozent – schlimmer als befürchtet
Während der Branchenverband zunächst von einem Rückgang der Anmeldungen um 50 Prozent ausging, zeigt die Realität ein noch düstereres Bild. Kurt Bartels von der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände schlägt Alarm: Mindestens die Hälfte aller deutschen Fahrschulen verzeichne einen Einbruch von sage und schreibe 70 Prozent. Besonders hart trifft es die familiengeführten Kleinbetriebe, die mehr als 80 Prozent der rund 13.000 Fahrschulen in Deutschland ausmachen.
Das Grundproblem liegt auf der Hand: Niemand weiß, wie stark die Preise tatsächlich sinken werden. Derzeit kostet ein Führerschein in Deutschland etwa 4.500 Euro – mehr als dreimal so viel wie im europäischen Ausland. Die vage Ankündigung einer Preissenkung hat einen fatalen Attentismus ausgelöst. Potenzielle Fahrschüler warten lieber ab, statt jetzt zu starten.
Existenzangst in Hohenwestedt – ein Beispiel für viele
Thorsten Wiegand, seit 25 Jahren Fahrlehrer und seit sieben Jahren Inhaber einer Fahrschule in Hohenwestedt, erlebt den Niedergang hautnah. Statt der üblichen 15 bis 20 Neuanmeldungen pro Monat verzeichnet er nur noch vier bis sechs. Seine beiden Mitarbeiter muss er in Kurzarbeit schicken. „Wenn sich bis Ende März nichts tut, muss ich ganz schließen", sagt der 52-Jährige mit bitterer Resignation in der Stimme.
Die Berichte seiner verbliebenen Fahrschüler bestätigen das Dilemma: Im Freundeskreis warten viele ab, weil es ja bald günstiger werden soll. Eine klassische Warteschleife, die Existenzen vernichtet.
Fragwürdige Reformpläne aus dem Ministerium
Die Reformvorschläge des Verkehrsministers stoßen bei den Praktikern auf wenig Gegenliebe. Schlankerer Theorieunterricht, Online-Kurse und Fahrsimulatoren – das klingt modern, geht aber an der Realität vorbei. Wiegand bringt es auf den Punkt: „Das größte Problem beim Onlineunterricht ist, dass die Schüler keinen Bock haben." Die Aufmerksamkeitsspanne der heutigen Jugend sei so kurz wie ein TikTok-Video, die Durchfallquote bei der Theorieprüfung liege bei erschreckenden 65 Prozent.
Hinzu kommt ein grundlegendes gesellschaftliches Problem: Vielen jungen Menschen fehle heute das Verkehrsgefühl. Als Mitfahrer im elterlichen Auto starren sie aufs Handy statt auf die Straße. Simulatoren, die 45.000 Euro kosten, können dieses Defizit kaum ausgleichen. Wenn der Fahrlehrer ohnehin danebenstehen muss, kann er auch gleich im echten Auto schulen.
Politisches Versagen mit Ansage
Was wir hier erleben, ist ein weiteres Beispiel für politisches Handeln ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Eine Ankündigung ohne konkreten Zeitplan, ohne klare Zahlen, ohne Übergangsregelungen – und schon bricht eine ganze Branche zusammen. Die Leidtragenden sind nicht die Politiker in Berlin, sondern die Familienbetriebe in der Fläche, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden und nun vor dem Nichts stehen.
Der „historische Kollaps", vor dem der Verband warnte, ist keine Übertreibung mehr. Er ist Realität geworden – und die Politik schaut zu.










