
Erfundener Rassismus-Vorwurf: Wie ein Mörder sein Opfer zum Täter machte

Ein 18-jähriger Student verblutet auf einer Straße in Southampton – und der Mann, der ihn erstochen hat, präsentiert sich als Opfer. Neu veröffentlichte Gerichtsprotokolle zeigen laut Medienberichten, wie der später verurteilte Täter dazu gebracht wurde, dem Getöteten rassistische Beleidigungen anzudichten. Der Antrieb dazu soll aus der eigenen Familie gekommen sein.
Fünf Stiche mit einem Zeremonialdolch
Henry Nowak, Sohn einer polnischstämmigen Familie aus Essex und im ersten Studienjahr an der University of Southampton eingeschrieben, war am 3. Dezember 2025 mit Kommilitonen unterwegs. In der Belmont Road kam es zu einer zufälligen Auseinandersetzung mit dem damals 22-jährigen Vickrum Digwa.
Digwa zog einen Zeremonialdolch und stach fünfmal zu. Nowak starb kurz darauf – wenige Monate nach seinem Studienbeginn, mit 18 Jahren.
Der Tote als „betrunkener Rassist“
Was danach geschah, wirkt wie eine kalte Umkehrung von Täter und Opfer. Digwa erklärte, Nowak habe ihn rassistisch beschimpft, geschlagen und ihm den Turban vom Kopf gerissen; er selbst habe sich nur verteidigt. Die Staatsanwaltschaft hielt diese Darstellung für erfunden, das Gericht wies die Vorwürfe gegen den Getöteten zurück.
Aus den nun bekannt gewordenen Protokollen geht Berichten zufolge hervor, dass Digwas Bruder Gurpreet ihn nach der Tat gefragt habe, ob Nowak ihn rassistisch beleidigt habe – woraufhin Digwa dies bejahte und behauptete, als „Paki“ bezeichnet worden zu sein. Wenige Tage später soll der Bruder ihn zusätzlich gedrängt haben, sich auf Notwehr zu berufen. Im Kreuzverhör räumte Digwa ein, den Getöteten als „betrunkenen Rassisten“ dargestellt zu haben.
Noch am Tatort führte er die Beamten den Protokollen zufolge in die Irre: Der schwer verletzt am Boden liegende Student sei gar nicht erstochen worden, der stelle sich nur an. Die Polizei legte dem sterbenden Nowak Handschellen an. Eine unabhängige Untersuchung des Polizeiverhaltens dauert Medienberichten zufolge noch an.
Lebenslang – und trotzdem Berufung
Am 28. Mai 2026 sprachen die Geschworenen am Southampton Crown Court Digwa des Mordes schuldig, wenige Tage später verhängte das Gericht lebenslange Haft mit einer Mindestverbüßungsdauer von 21 Jahren. Gegen das Urteil hat er Berufung eingelegt. Seine Mutter Kiran Kaur wurde wegen Beihilfe verurteilt und erhielt drei Jahre Haft – sie hatte laut Anklage die Tatwaffe vom Tatort schaffen lassen. Weitere Verfahren im Umfeld des Falls sind nach Angaben der Strafverfolgungsbehörden noch anhängig; für die Betroffenen gilt bis zu einem rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung.
Warum dieser Fall über Southampton hinausweist
Aus Sicht unserer Redaktion legt der Fall zwei Wunden offen. Erstens: Messergewalt im öffentlichen Raum ist längst kein britisches Sonderproblem mehr – auch die deutsche Polizeiliche Kriminalstatistik weist seit Jahren einen deutlichen Anstieg von Messerangriffen aus.
Zweitens: Ein Rassismusvorwurf kann offenbar zur Waffe werden. Kritiker beklagen, dass in einem Klima, in dem solche Anschuldigungen fast automatisch geglaubt werden, aus dem Opfer binnen Minuten ein Verdächtiger wird. Wer Gleichheit vor dem Gesetz ernst nimmt, muss jede Behauptung prüfen – unabhängig davon, wer sie erhebt.










