
Die Empörungsmaschine läuft: Wenn drei Silben zur Staatsaffäre werden
Es ist Sonntagmittag, das öffentlich-rechtliche Fernsehen zelebriert seinen wöchentlichen Ausflug in die Welt der Schlager und guten Laune, und plötzlich steht ein ganzer Sender kopf. Der Grund? Drei harmlose Silben. Andrea Kiewel, seit Jahrzehnten das Gesicht des ZDF-„Fernsehgartens“, betrachtete während einer Sendung zum Motto „90er Dance Party“ eine japanische Pokémon-Karte, sagte zunächst „Chinesisch“ und ließ dann die Lautfolge „Ching Chang Chong“ folgen. Was danach kam, offenbart den ganzen Wahnsinn unserer überempfindlichen Gegenwart.
Ein Sender auf Knien vor dem eigenen Publikum
Nur Stunden später schaltete der Mainzer Sender in den Krisenmodus. „Das ZDF stellt sich explizit gegen jede Form von Rassismus“, verkündete man mit der Ernsthaftigkeit einer diplomatischen Note. Die Äußerung sei „der Live-Situation geschuldet und keinesfalls rassistisch gemeint“ gewesen, hieß es weiter. Kiewel selbst musste anschließend öffentlich Buße tun und ihre Worte bedauern. Man fragt sich unweigerlich: Ist das noch Journalismus oder bereits eine öffentliche Selbstgeißelung nach mittelalterlichem Vorbild?
Bemerkenswert ist, dass selbst der Sender einräumt, wie wenig verbreitet die vermeintlich rassistische Deutung dieser Silbenfolge überhaupt sei. Denn Hand aufs Herz: Wer hierzulande kennt das Kinderspiel „Schere, Stein, Papier“ nicht auch unter dem Namen „Ching Chang Chong“? Generationen von Kindern haben es auf Schulhöfen gespielt, völlig unbelastet von irgendwelchen Hintergedanken. Doch nun soll rückwirkend ein ganzes Land umerzogen werden.
Die Kunst, überall Rassismus zu wittern
Was hier geschieht, ist symptomatisch für eine Gesellschaft, die sich in permanenter Alarmbereitschaft befindet. Die Empörungsindustrie hat längst Hochkonjunktur, und die öffentlich-rechtlichen Sender, finanziert durch Zwangsbeiträge jedes deutschen Haushalts, sind ihre eifrigsten Handlanger. Statt souverän über eine spontane Bemerkung hinwegzugehen, wird sofort das schwere Geschütz der Distanzierung aufgefahren.
Wenn drei Silben genügen, um einen milliardenschweren Sender in Schockstarre zu versetzen, dann sagt das mehr über den Zustand unseres Landes aus als über die Moderatorin selbst.
Es sei daran erinnert, dass Kiewel bereits vor zwei Jahren mit ihrem Arbeitgeber aneinandergeriet, weil sie eine Kette mit Israel-Bezug trug – die ihr für künftige Auftritte kurzerhand verboten wurde. Ein Muster wird erkennbar: Wer sich beim ZDF nicht in vorauseilendem Gehorsam übt, gerät schnell ins Fadenkreuz der internen Moralwächter.
Wer bestimmt eigentlich, was „gelesen“ werden darf?
Besonders entlarvend ist die Formulierung, eine harmlose Lautfolge werde „rassistisch gelesen“. Das ist die perfide Logik unserer Zeit: Nicht mehr die Absicht des Sprechers zählt, sondern die maximal negative Interpretation eines potenziell empörten Publikums. Diese Umkehrung öffnet Tür und Tor für eine grenzenlose Zensur, bei der letztlich jedes Wort zum Fallstrick werden kann.
Diese Entwicklung ist keineswegs nur die Meinung unserer Redaktion – ein erheblicher Teil der Bürger dieses Landes hat längst die Nase voll von der ständigen Bevormundung durch eine selbsternannte Moralaristokratie. Die Menschen sehnen sich nach Normalität, nach gesundem Menschenverstand und nach einer Gesellschaft, in der man nicht bei jedem Satz um seine berufliche Existenz fürchten muss.
Ein Spiegelbild des Zeitgeists
Der Fall Kiewel ist im Grunde eine Petitesse – und genau darin liegt seine Bedeutung. Er zeigt, wie tief die Kultur der permanenten Empörung mittlerweile in unsere Institutionen eingedrungen ist. Ein Sender, der aus Beitragsgeldern lebt, sollte sich um Programmqualität sorgen, statt jeden spontanen Versprecher wie eine Staatskrise zu behandeln. Doch die Prioritäten sind offenbar längst verschoben.
Während echte Probleme dieses Landes einer entschlossenen Antwort harren, beschäftigt sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit der akribischen Analyse dreier Silben aus einem Kinderspiel. Man könnte lachen, wäre es nicht so bezeichnend für den geistigen Zustand einer Republik, die den Blick für das Wesentliche verloren hat.
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