
„Deutschland, einig Vaterland“: Der falsche Skandal um Chrupallas Gesang
Es ist wieder einmal so weit: Ein Videoschnipsel, ein paar Sekunden Ton, und schon läuft die mediale Empörungsmaschine auf Hochtouren. Diesmal trifft es AfD-Chef Tino Chrupalla, der auf einer Wahlkampfveranstaltung im sachsen-anhaltischen Dessau-Roßlau vermeintlich die DDR-Hymne mitsang. Ein Skandal? Wer die deutsche Geschichte kennt, wird schnell merken: Die Aufregung ist an den Haaren herbeigezogen.
Was sich in Dessau-Roßlau tatsächlich abspielte
Die Szene wirkt beinahe komödiantisch. Chrupalla verkündet gut gelaunt, man wolle noch die Nationalhymne anstimmen – ein fester Brauch, so betont er, bei Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt. Anschließend fordert er den Kabarettisten Uwe Steimle auf, die deutsche Nationalhymne anzustimmen. Doch der 63-jährige Künstler setzt zu ganz anderen Tönen an: „Auferstanden aus Ruinen…“ Chrupalla reagiert prompt mit einem lachenden „Die andere!“, ehe er dann selbst – wenig textsicher – mitsummt.
Kaum war der Mitschnitt in Umlauf, überschlugen sich die Kommentare. Sogar aus dem eigenen politischen Lager hagelte es Kritik, man werfe der AfD vor, sie huldige einer „totalitären DDR-Diktatur“. Doch dieser Vorwurf zeigt vor allem eines: eine bemerkenswerte Unkenntnis der deutschen Geschichte.
Ein Text, den die SED selbst verbot
Was viele der lautstarken Kritiker offenbar nicht wissen: Der von Johannes R. Becher gedichtete Text der DDR-Hymne wurde bereits Anfang der 1970er Jahre von der SED faktisch verboten. Der Grund? Er war der sozialistischen Führung schlicht zu gesamtdeutsch, zu patriotisch. Fortan durfte nur noch die Melodie von Hanns Eisler erklingen – der Text verschwand.
„Lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland. Alte Not gilt es zu zwingen, und wir zwingen sie vereint, denn es muss uns doch gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint.“
Ein Regime, das den Text seiner eigenen Hymne unterdrückt, entlarvt sich damit selbst. Die Passage „Deutschland, einig Vaterland“ passte nicht mehr in eine Diktatur, die die deutsche Teilung zementieren und ihre Bürger hinter Mauer und Stacheldraht einsperren wollte.
Vom Verbot zum Schlachtruf der Freiheit
Gerade weil die SED diesen Text jahrzehntelang inkriminierte, wurde er 1989 und 1990 zum Symbol des Widerstands. Auf den Montagsdemonstrationen skandierten die Menschen in Leipzig, Dresden und überall in Mitteldeutschland immer wieder: „Deutschland, einig Vaterland!“ Die Zeile prangte auf unzähligen Transparenten der Bürgerrechtler.
Als Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche seine historische Rede hielt und von der Einheit des Vaterlandes sprach, antworteten ihm die Menschen mit einem nicht enden wollenden Ruf: „Deutschland, einig Vaterland!“ Dieser Satz war kein Bekenntnis zum SED-Unrecht, sondern dessen Gegenteil – der leidenschaftliche Wunsch nach Freiheit und Wiedervereinigung.
Ein Symbol der schönsten Monate deutscher Nachkriegsgeschichte
Erst nach der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 erlebte die Hymne mit Text ein offizielles Comeback. Jeden Abend erklang sie fortan im DDR-Radio – als Symbol der wiedergewonnenen Freiheit. Zum letzten Mal wurde sie kurz vor Mitternacht am 2. Oktober 1990 gespielt. Um Punkt Mitternacht folgte die dritte Strophe des Deutschlandliedes. Nach 41 Jahren der Teilung war Deutschland wieder vereint. Der Auftrag jener Hymne – „Deutschland, einig Vaterland“ – hatte sich erfüllt.
Wer diesen Text also mit einer Verherrlichung des DDR-Regimes gleichsetzt, verkennt die Geschichte auf geradezu peinliche Weise. Die Hymne steht für die friedliche Revolution, für den Mut der Menschen, die eine Diktatur zu Fall brachten. Sie ist zum Sinnbild der schönsten Monate geworden, welche die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben.
Was uns diese Debatte wirklich lehrt
Die reflexhafte Empörung über eine solche Szene sagt am Ende mehr über den Zustand unserer Debattenkultur aus als über den Vorgang selbst. Statt sich mit den historischen Fakten auseinanderzusetzen, wird lieber gleich der Skandal ausgerufen. Dabei täte uns allen etwas mehr Nachdenklichkeit gut.
Denn im Kern schwingt in diesem alten Ruf eine Sehnsucht mit, die auch heute nichts von ihrer Kraft verloren hat. In einer Zeit, in der die Gesellschaft durch politische Grabenkämpfe tiefer gespalten scheint denn je, in der Familie, Zusammenhalt und nationale Identität von manchen politischen Kräften geringgeschätzt werden, wirkt der Gedanke fast tröstlich: Wäre es nicht schön, wenn wir uns – trotz aller Zerwürfnisse – wieder als ein „Deutschland, einig Vaterland“ verstehen könnten?
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lehre dieser vermeintlichen Aufregung: dass die wahren Werte unserer Geschichte nicht in der künstlichen Empörung von heute liegen, sondern in der Erinnerung an jene Momente, in denen ein ganzes Volk gemeinsam für Freiheit und Einheit auf die Straße ging.
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