Kettner Edelmetalle
08.07.2024
07:11 Uhr

Das plötzliche Gerede von der Vogelgrippe als neue Pandemie - und was dahinter steckt

Obwohl derzeit kaum Daten zur Vogelgrippe bei Menschen vorliegen und sogar die WHO kein Ansteckungsrisiko fĂŒr die Gesamtbevölkerung sieht, warnen Virologen vor der nĂ€chsten Pandemie. Jetzt sollen auch mRNA-Impfstoffe gegen das Virus entwickelt werden.

Entwicklung mRNA-Impfstoff

In den USA breitet sich die Vogelgrippe bei Rindern aus. Wissenschaftler warnen deshalb vor einer Übertragung auf den Menschen – obwohl es dazu keine Daten gibt. Obwohl die Vogelgrippe bereits vor ĂŒber 60 Jahren entdeckt wurde, wird das Virus derzeit zum nĂ€chsten Pandemiekandidaten hochstilisiert. Dabei hat nicht einmal die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Beweise fĂŒr die zwischenmenschliche Übertragbarkeit der Vogelgrippe. Dennoch warnen einschlĂ€gige Experten, darunter unter anderem der Virologe Christian Drosten, vor der GefĂ€hrlichkeit des H5N1-Virus fĂŒr den Menschen.

AusbrĂŒche und Maßnahmen

In den letzten Monaten hĂ€uften sich die Meldungen ĂŒber GeflĂŒgelpest-AusbrĂŒche in den USA. Auch in Deutschland wurde am Dienstag ein Fall in Niedersachsen bekannt, bei dem es sich um den Ausbruch der Mutation H7N5 handeln soll. Die Folge: 1,3 Millionen Tiere werden fĂŒr die nĂ€chsten drei Wochen isoliert, eine Schutzzone mit einem Radius von drei Kilometern wurde eingerichtet, in dem die Tiere nicht transportiert oder aus ihren Unterbringungen gelassen werden dĂŒrfen, 91.000 Legehennen wurden aus Vorsicht vor weiteren Ansteckungen getötet.

Übertragungen auf den Menschen sind wĂ€hrenddessen in Deutschland nicht bekannt. Dennoch warnt Drosten im RND, die aktuelle Entwicklung könnte „schon der Anlauf zu einer nĂ€chsten Pandemie sein, den wir hier live mitverfolgen.“ Auch auf politischer Ebene werden die ersten Maßnahmen ergriffen: Am 22. Februar empfahl die EuropĂ€ische Arzneimittelagentur EMA bereits zwei H5N1-Impfstoffe von der Firma Seqirus fĂŒr die Zulassung, es fehlt nur noch die Zustimmung durch die EU-Kommission. Bei beiden Impfstoffen handelt es sich um Proteinimpfstoffe.

40 Millionen Impfdosen mehr – wofĂŒr?

Anfang Juni wurde bekannt, dass 15 europĂ€ische Staaten zusammen 665.000 Impfdosen bestellt haben. Außerdem sicherten sie sich die Option auf weitere 40 Millionen Impfdosen. Mit den zunĂ€chst bestellten 665.000 Impfdosen sollen bei Bedarf Personen, die mit GeflĂŒgel in Kontakt stehen, geimpft werden. Deutschland hat sich an der gemeinsamen Bestellung des Impfstoffs nicht beteiligt, kann aber jederzeit eigenstĂ€ndig Impfstoff ordern.

Mit den 665.000 Impfdosen sollen vor allem Arbeiter in der Landwirtschaft und TierĂ€rzte oder Ă€hnliche Berufsgruppen immunisiert werden. Wozu in dem Vertrag, der auf maximal vier Jahre datiert ist, eine Option auf weitere 40 Millionen Impfdosen festgehalten ist, bleibt aber fraglich. Denn: Seit 2003 bis Februar dieses Jahres haben sich gerade einmal 887 Menschen mit der Vogelgrippe infiziert. Und laut Robert-Koch-Institut gibt es „derzeit weltweit keine Hinweise fĂŒr eine fortgesetzte Mensch-zu-Mensch-Übertragung mit aviĂ€ren Influenzaviren“, also der Vogelgrippe.

Wovor warnen die Experten?

Wovor warnen also Drosten und Co., wenn sie von dem nĂ€chsten Pandemiekandidaten sprechen? Und warum hĂ€lt sich die EU die Möglichkeit bereit, 40 Millionen Impfdosen gegen das Virus zu bestellen? Die Vogelgrippe ist keine neue Erscheinung. In den vergangenen Jahren mussten weltweit GeflĂŒgelfarmen immer wieder mit AusbrĂŒchen kĂ€mpfen und die eigenen Tiere töten, auch in den vergangenen Monaten gab es in Deutschland einige FĂ€lle.

In den USA sorgt derweil eine andere Entwicklung fĂŒr Aufsehen: Das Virus wurde seit MĂ€rz vermehrt bei MilchkĂŒhen nachgewiesen. 132 Herden in zwölf Bundesstaaten sollen von der Vogelgrippe betroffen sein. In diesem Zusammenhang infizierten sich laut der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) drei Personen mit dem Virus. Genau damit argumentieren jetzt Wissenschaftler: Erstmals ist das Virus nicht nur auf ein SĂ€ugetier ĂŒbergesprungen, sondern habe sich dort als ansteckend erwiesen und könnte zudem wegen der Verarbeitung der Rinderprodukte auch fĂŒr den Menschen gefĂ€hrlich werden.

Laut CDC wird das Gesundheitsrisiko fĂŒr die Gesamtbevölkerung derzeit dennoch als gering eingestuft. Und auch in verarbeiteten Milchprodukten konnte H5N1 nicht nachgewiesen werden, nur fĂŒr Rohmilch bestehe ein gewisses Ansteckungsrisiko, meinen Forscher im amerikanischen Journal of Virology.

Experten warnen vor „neue[r] Dynamik“

Im ZDF sah der PrĂ€sident des in Deutschland zustĂ€ndigen Friedrich-Loeffler-Instituts, Professor Martin Beer, zwar noch keine eindeutige Pandemiegefahr, aber mahnte, dass „man jetzt die Dinge beobachten“ und „die Verbreitung im Rind“ stoppen mĂŒsse. Andere Experten werden da wesentlich konkreter und ziehen bedrohliche SchlĂŒsse aus dem Ausbruch bei Kuhherden.

Der Epidemiologe Timo Ulrichs mahnte bei ntv, dass das Virus auf eine andere Spezies, also vom GeflĂŒgel auf das Rind ĂŒbergreift, eine „neue Dynamik“ sei. Diese Entwicklung sei also auch fĂŒr eine Übertragung auf den Menschen denkbar. Und „da ist die Überlebenswahrscheinlichkeit nur 50 Prozent“, mahnt Ulrichs – unterschlĂ€gt aber, dass es in den vergangenen 20 Jahren nicht einmal 1.000 Infektionen gab. Von den bis Februar registrierten 887 erkrankten Personen starben laut WHO 462 Menschen, also etwa 52 Prozent.

Ein Lösungsvorschlag des Epidemiologen: Impfungen fĂŒr die KĂŒhe. Auch Drosten hatte dieses Gedankenspiel bereits in den Ring geworfen. Laut Ulrich könnte man dann auch die Informationen ĂŒber das Virus nutzen, um „möglichst schnell“ neue Impfstoffe fĂŒr den Menschen zu entwerfen. In den USA wird das bereits RealitĂ€t: Das Pharma-Unternehmen Moderna, das bereits durch seinen Covid-Impfstoff Bekanntheit erlangte, sicherte sich die finanzielle UnterstĂŒtzung ĂŒber 176 Millionen Dollar von der US-Regierung fĂŒr neue Vakzine zu. Damit könnte neben dem von Seqirus entwickelten Proteinimpfstoff bald auch das erste mRNA-PrĂ€parat in die Startlöcher gehen.

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