
CSU-Gemeinderat sucht Hilfe bei der AfD â und bringt seine eigene Partei in Rage
Was muss in einem Land passieren, damit ein langjĂ€hriger CSU-Kommunalpolitiker öffentlich bei der AfD um UnterstĂŒtzung bittet? Diese Frage dĂŒrfte sich mancher Beobachter stellen, nachdem ein bemerkenswerter Vorfall im niederbayerischen Thurmansbang fĂŒr erhebliche Unruhe in der bayerischen Parteienlandschaft gesorgt hat. Der Fall offenbart nicht nur einen eskalierenden Behördenkonflikt, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die wachsende Frustration an der konservativen Basis.
Ein Landwirt zwischen VeterinÀramt und Verzweiflung
Andreas Bauer ist kein politischer Neuling. Als dienstĂ€ltester CSU-Gemeinderat in Thurmansbang und Kandidat auf Listenplatz zwei fĂŒr die anstehenden Kommunalwahlen gehört er zum Inventar der lokalen Christsozialen. Doch am vergangenen Freitag betrat der 66-jĂ€hrige Landwirt eine BĂŒhne, die seine Parteifreunde in helle Aufregung versetzt hat: Er sprach bei einer AfD-Veranstaltung im benachbarten Solla vor rund 110 Zuhörern â und bat die politische Konkurrenz ausdrĂŒcklich um Hilfe gegen das, was er als âBehördenwillkĂŒr" bezeichnet.
Der Hintergrund ist ein seit lĂ€ngerem schwelender Konflikt mit dem VeterinĂ€ramt des Landkreises Freyung-Grafenau. Wiederholte Kontrollen auf Bauers Hof in Traxenberg hĂ€tten MĂ€ngel bei der Tierhaltung ergeben â unzureichende Futter- und TrĂ€nkemöglichkeiten sowie Beanstandungen am Allgemeinzustand einiger Rinder. Bauer soll mehrfach Besserung zugesagt haben. Am Freitag dann die Eskalation: Rinder wurden von einem TierhĂ€ndler abgeholt, anschlieĂend erschienen erneut VeterinĂ€re â diesmal in Begleitung der Polizei.
Plakate, Ermittlungen und ein ausgebrochener Jungstier
Die Situation hatte sich offenbar bereits im Vorfeld zugespitzt. Neben dem Hof prangte ein Plakat mit Aufschriften wie âGegen BeamtenwillkĂŒr" und âGegen Bauern Vernichtungsbehörde" â Formulierungen, die die Polizei als beleidigend einstufte und ein Ermittlungsverfahren nach sich zogen. Das Banner hing bezeichnenderweise neben einem AfD-Banner und musste entfernt werden.
Parallel belastet den Landwirt ein weiteres Verfahren: Anfang Dezember war ein Jungstier aus seiner Haltung ausgebrochen und auf die KreisstraĂe gelaufen, wo eine Autofahrerin leicht verletzt wurde. Bauer machte in sozialen Medien groĂe Beutegreifer â Wolf oder Luchs â fĂŒr den Ausbruch verantwortlich und berichtete von einem âqualvoll zerfleischten" Kalb. Eine Untersuchung des Landesamtes fĂŒr Umwelt kam allerdings zu einem nĂŒchternen Ergebnis: Das Kalb sei eines natĂŒrlichen Todes gestorben und erst danach von einem Tier angefressen worden.
Der Gang zur AfD als letzter Ausweg?
Nach eigenen Angaben verkaufte Bauer am Freitag seinen gesamten Tierbestand. In einer WhatsApp-Nachricht, die der regionalen Presse vorliegen soll, sprach er von der âletzten Rettung vor der BeamtenwillkĂŒr der VeterinĂ€re". Am Abend dann der Auftritt bei der AfD-Veranstaltung, an der auch der Bundestagsabgeordnete Stephan Protschka teilnahm. Bauers Botschaft war unmissverstĂ€ndlich: Er bat die Presse ausdrĂŒcklich darum zu schreiben, ein âCSU-Mitglied bittet AfD um Hilfe bei der BehördenwillkĂŒr".
Doch damit nicht genug. Bereits im Vorfeld soll Bauer in WhatsApp-Nachrichten offen zur Wahl der AfD aufgerufen haben. âWahltag ist Zahltag darum am 08.03.2026 AfD!" â so die Worte eines Mannes, der selbst als CSU-Kandidat bei den Kommunalwahlen antritt. Man muss kein politischer Analytiker sein, um zu erkennen, welche Sprengkraft in dieser Konstellation steckt.
Die CSU reagiert â aber wie?
Die Reaktion der Christsozialen lieĂ nicht lange auf sich warten, fiel aber erwartbar formelhaft aus. Der Ortsverband Thurmansbang erklĂ€rte, es sei âunvereinbar mit unseren GrundsĂ€tzen", wenn ein eigener Kandidat gleichzeitig eine andere Partei unterstĂŒtze. Der CSU-Kreisvorsitzende Olaf Heinrich kĂŒndigte an, der Kreisvorstand werde in seiner nĂ€chsten Sitzung ĂŒber âReaktionen" beraten. Ein CSU-Gemeinderat, der zur Wahl der AfD aufrufe, sei âvöllig inakzeptabel und mit nichts zu rechtfertigen".
Landrat Sebastian Gruber wies die VorwĂŒrfe Bauers zurĂŒck und erklĂ€rte, dieser versuche sich in einer âOpferrolle darzustellen" und die Verantwortung fĂŒr âausschlieĂlich selbst verursachte MissstĂ€nde" auf andere zu schieben.
Ein Symptom tieferliegender Probleme
Man mag ĂŒber den konkreten Fall geteilter Meinung sein â die Frage der Tierhaltung ist eine ernste Angelegenheit, und behördliche Kontrollen haben durchaus ihre Berechtigung. Doch der Vorgang offenbart etwas GrundsĂ€tzlicheres: die wachsende Kluft zwischen der politischen Basis und den Parteiapparaten der etablierten Parteien. Wenn ein langjĂ€hriger CSU-Kommunalpolitiker sich derart verzweifelt an die AfD wendet, dann ist das mehr als eine persönliche Eskapade â es ist ein Alarmsignal.
Die Frustration vieler Landwirte ĂŒber eine als ĂŒberbordend empfundene BĂŒrokratie ist kein Geheimnis. Die Bauernproteste der vergangenen Jahre haben dies eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dass sich ein Bauer nun ausgerechnet bei der AfD Gehör verschafft, wĂ€hrend seine eigene Partei reflexartig nach Sanktionen ruft, statt zunĂ€chst einmal zuzuhören, spricht BĂ€nde ĂŒber den Zustand der politischen Kultur in diesem Land.
Die CSU tĂ€te gut daran, nicht nur ĂŒber Parteiausschlussverfahren nachzudenken, sondern sich auch die Frage zu stellen, warum ihre eigenen Leute das Vertrauen in die Partei verlieren. Denn eines ist gewiss: Andreas Bauer dĂŒrfte mit seiner Frustration nicht allein stehen. Die Frage ist nur, ob die Christsozialen das begreifen â oder ob sie weiterhin lieber den Ăberbringer der schlechten Nachricht bestrafen, statt die Ursachen zu bekĂ€mpfen.










