Kettner Edelmetalle
25.02.2026
20:43 Uhr

Corona-Aufarbeitung: Mathematiker zerlegt die Scheinsicherheit der Pandemiepolitik

Es sind Worte, die wie ein Skalpell durch das Gewebe der deutschen Corona-Politik schneiden. Der Mathematiker und Medizinstatistiker Gerd Antes, einst Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums und Mitbegründer des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin, rechnet in einem Interview mit der Berliner Zeitung schonungslos mit den Fehlern der Pandemiejahre ab. Als Sachverständiger der Corona-Enquetekommission im Bundestag weiß er, wovon er spricht. Und was er sagt, dürfte so manchem Verantwortlichen schlaflose Nächte bereiten.

Die Abkehr von der Evidenz – ein fataler Sündenfall

Der grundlegendste Fehler sei gewesen, so Antes, dass man sehr früh die Logik evidenzbasierten Arbeitens verlassen habe. Statt differenziert zu fragen, wie stark eine Maßnahme wirke, bei wem sie wirke und welche Nebenwirkungen sie verursache, habe man sich in politische Ja-Nein-Entscheidungen geflüchtet – garniert mit moralischer Aufladung. Wer Zweifel äußerte, wurde nicht als Teil eines wissenschaftlichen Diskurses behandelt, sondern als Störenfried abgestempelt. Oder schlimmer noch: als Gefahr.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Ein Land, das sich gerne als Wissenschaftsnation feiert, hat in seiner schwersten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten ausgerechnet die wissenschaftliche Methodik über Bord geworfen. Unsicherheit – jener völlig normale Bestandteil jeder seriösen Forschung – verschwand aus der öffentlichen Kommunikation. Annahmen wurden zu Gewissheiten erklärt. Kurzfristig mochte das beruhigen. Langfristig hat es das Vertrauen in Wissenschaft und Politik nachhaltig beschädigt.

Datensilos statt Erkenntnisgewinn

Besonders vernichtend fällt Antes' Urteil über die Datengrundlage aus. Deutschland hätte eigentlich hervorragende Voraussetzungen gehabt: Die Routinedaten der gesetzlichen Krankenkassen decken einen Großteil der Bevölkerung ab und enthalten detaillierte Informationen zu Diagnosen, Vorerkrankungen und Behandlungen. Auch das Robert-Koch-Institut habe wöchentlich Atemwegserkrankungen erfasst und publiziert. Nur habe diese Daten schlicht niemand wahrgenommen – sie seien „praktisch nutzlos" gewesen.

Stattdessen entstanden Datensilos. Impfungen wurden organisatorisch von den Routinedaten getrennt, Zuständigkeiten zersplitterten sich im föderalen Dickicht, und die Sicherheitsüberwachung stützte sich auf Spontanmeldesysteme, von denen seit jeher bekannt ist, dass sie nur einen Bruchteil der tatsächlichen Ereignisse erfassen. Antes nennt es kein Versagen einzelner Institutionen, sondern ein strukturelles Versagen. Andere Länder mit zentraleren Gesundheitssystemen hätten solche Daten deutlich schneller zusammenführen können.

„Daten sind nicht Wissen, und es bedarf erheblicher Anstrengungen, um Wissen aus Daten zu erzeugen."

Ein Satz, der wie ein Epitaph über der gesamten deutschen Corona-Datenpolitik steht. Föderalismus, übertriebener Datenschutz und fehlender politischer Wille hätten eine systematische Auswertung verhindert. Man fragt sich unwillkürlich: Wofür bezahlt der Steuerzahler eigentlich Milliarden in ein Gesundheitssystem, das im Ernstfall nicht einmal seine eigenen Daten sinnvoll nutzen kann?

Schweden als unbequemer Spiegel

Antes verweist auf Schweden – jenes Land, das während der Pandemie von deutschen Medien und Politikern wahlweise als verantwortungslos oder als Todeszone dargestellt wurde. Keine harten Lockdowns, keine flächendeckenden Schulschließungen für jüngere Kinder. Stattdessen Empfehlungen und Eigenverantwortung. Ja, zu Beginn sei dort vieles schiefgelaufen, insbesondere beim Schutz in Pflegeheimen. Doch dieser Fehler sei offen benannt und rasch aufgearbeitet worden.

Das Ergebnis über die gesamte Pandemie betrachtet? Internationale Auswertungen zur Übersterblichkeit – unter anderem von der WHO – zeigten, dass Schweden über die Jahre 2020 bis 2023 insgesamt nicht schlechter, sondern sogar besser abgeschnitten habe als Länder mit sehr strikten Maßnahmen. Von einem „Vielfachen" an Todesfällen könne keine Rede sein. Eine Ohrfeige für all jene, die das schwedische Modell jahrelang als Beweis für die Notwendigkeit harter Lockdowns instrumentalisierten.

Modellrechnungen als politische Waffe

Besonders scharf geht Antes mit der Verwendung von Modellrechnungen ins Gericht. Diese könnten zwar hilfreich sein, seien aber keine Realität. Ihre Ergebnisse hingen vollständig von ihren Annahmen ab. Zu Beginn der Pandemie seien häufig extreme Szenarien kommuniziert worden – etwa vom Imperial College in London –, die bewusst auf Worst-Case-Annahmen basierten, in der öffentlichen Wahrnehmung aber wie realistische Prognosen behandelt worden seien.

Die Mechanik war so simpel wie perfide: Politik suchte nach Gewissheit, Modelle lieferten Zahlen, und aus diesen Zahlen wurde eine scheinbare Notwendigkeit konstruiert. Unsicherheiten und Bandbreiten traten in den Hintergrund. Ein kompetenter englischer Kollege habe es treffend formuliert: „Excess mortality or excessive assumptions?" – also die Frage, ob tatsächlich eine Übersterblichkeit vorlag oder ob bestimmte Modellannahmen zu Aussagen führten, die deutlich von der Realität abwichen.

Die vergessenen Opfer: Kinder, Alte, Existenzen

Wer heute durch deutsche Schulen geht, sieht die Spuren einer Politik, die ihre Schwächsten am härtesten traf. Kinder und Jugendliche hatten von Beginn an ein sehr geringes Risiko für schwere Covid-Verläufe – das war früh bekannt und gut belegt. Trotzdem waren sie überproportional von Maßnahmen betroffen: Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, der Wegfall von Sport, Kultur und sozialen Routinen. Die Folgen – erhöhte depressive Symptome, Angststörungen, Essstörungen und erhebliche Lernrückstände – verschwinden nicht einfach wieder. Sie werden diese Generation noch Jahre begleiten.

In Pflegeheimen spielte sich derweil ein stilles Drama ab. Harte Besuchsregeln führten zu sozialer Isolation. Der Schutz vor Infektion wurde absolut gesetzt, während Einsamkeit, kognitive Verschlechterung und der Verlust von Lebensqualität kaum eine Rolle spielten. Auch gut gemeinte Maßnahmen können Schaden verursachen – eine Binsenweisheit, die in der Hysterie der Pandemiejahre offenbar in Vergessenheit geriet.

Medien als Verstärker statt als Korrektiv

Antes' Kritik an den Medien ist kaum weniger scharf. Viele hätten in dieser Phase eher verstärkt als hinterfragt. Gerade die sogenannten Mainstream-Medien seien immer wieder als Unterstützer harter staatlicher Maßnahmen aufgetreten und hätten auf die kritische Betrachtung des Geschehens verzichtet. Politische Narrative seien übernommen worden, statt sie konsequent gegen Daten, Unsicherheiten und Alternativen zu prüfen. Stimmen seien nicht nach Qualität der Argumente bewertet worden, sondern nach politischer Passung.

Wer sich an die Diffamierungskampagnen gegen kritische Wissenschaftler erinnert, an die Ausgrenzung abweichender Meinungen aus dem öffentlichen Diskurs, an die moralische Keule, die gegen jeden geschwungen wurde, der auch nur leise Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen äußerte – der wird Antes' Analyse kaum widersprechen können. Die vierte Gewalt hat in der Pandemie versagt. Nicht vollständig, aber in erschreckendem Ausmaß.

Aufarbeitung oder Vertuschung?

Ob eine ehrliche Aufarbeitung gelingt, lässt Antes offen. Er sieht die Tendenz, dass Erkenntnisse blockiert würden, um nicht mit eigenen Fehlern konfrontiert zu werden. Aufarbeitung heiße nicht, Schuldige zu suchen, sondern zu lernen. Was hat funktioniert, was nicht? Welche Daten fehlten? Welche Kommunikationsfehler gab es? Welche Maßnahmen hatten übergroße Schäden?

Die enge Verflechtung von Politik und Wissenschaft zähle zu den zentralen Problemen der Pandemiezeit. Wissenschaft solle beraten, nicht legitimieren. Sie sei kein Orakel, sondern ein Prozess – geprägt von Diskurs, Meinungsvielfalt und kontinuierlicher Korrektur.

Man darf gespannt sein, ob die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz den Mut aufbringt, diese Aufarbeitung ernsthaft voranzutreiben – oder ob auch sie dem Reflex erliegt, unbequeme Wahrheiten lieber unter den Teppich zu kehren. Die Bürger dieses Landes haben ein Recht darauf zu erfahren, warum ihre Grundrechte eingeschränkt, ihre Kinder isoliert und ihre Existenzen zerstört wurden. Und ob das alles wirklich nötig war. Die Antwort, die sich aus Antes' Analyse ergibt, ist so unbequem wie eindeutig: In vielen Fällen war es das nicht.

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