
Claude spricht jetzt Chinesisch – doch Peking muss draußen bleiben!
Der US-KI-Konzern Anthropic hat seinem Chatbot Claude Chinesisch als Sprache für die Bedienoberfläche beigebracht. Laut einem Bericht der South China Morning Post aus Hongkong vom 8. Oktober 2026 lassen sich im Web-Interface jetzt vereinfachte und traditionelle chinesische Schriftzeichen auswählen. Nutzer in Festlandchina bleiben trotzdem ausgesperrt.
Ist das der erste Schritt nach Peking? Analysten winken ab. Sie sehen ein anderes Ziel.
Ein Menü, das kurz auftauchte und wieder verschwand
Nach Prüfungen der Zeitung können Nutzer in Ländern, in denen Claude angeboten wird, ihre Anzeigesprache auf Chinesisch umstellen. Auffällig: Für kurze Zeit soll China sogar als Land für die Rechnungsadresse auswählbar gewesen sein. Danach war der Eintrag wieder aus den Einstellungen verschwunden.
Ein Testlauf? Ein Programmierfehler? Oder ein Blick auf künftige Pläne? Darauf gibt es bislang keine Antwort. Anthropic reagierte laut dem Bericht zunächst nicht auf eine Anfrage.
UnionPay an der Kasse?
Zusätzlich verbreiteten Nutzer auf X Screenshots, die beim Bezahlen UnionPay als Option zeigen sollen. UnionPay ist das mit Abstand größte Kartennetz der Volksrepublik. Ob man damit tatsächlich bezahlen kann, konnte die Zeitung nach eigenen Angaben nicht bestätigen.
Das wäre bemerkenswert. Bisher nahm Anthropic laut Branchenportalen nur internationale Karten wie Visa, Mastercard oder American Express an. UnionPay, Alipay und WeChat Pay wurden demnach nicht unterstützt. Chinesische Entwickler mussten über teure und oft unseriöse Zwischenhändler ausweichen.
Anthropic gilt als Chinas schärfster Kritiker im Silicon Valley
Brisant ist das wegen der Vorgeschichte. Im September 2025 verschärfte Anthropic seine Regeln deutlich. Seither dürfen auch Firmen Claude nicht mehr nutzen, die direkt oder indirekt zu mehr als 50 Prozent Unternehmen aus nicht unterstützten Regionen wie China gehören. Das gilt unabhängig davon, wo sie ihren Sitz haben.
Als Begründung nannte das Unternehmen, Firmen unter chinesischer Kontrolle könnten gesetzlich gezwungen werden, Daten herauszugeben oder mit Geheimdiensten zusammenzuarbeiten. Außerdem könnten sie die US-Modelle durch sogenannte Destillation kopieren und damit ihre eigene KI aufrüsten. Anthropic setzt sich zugleich für strenge Exportkontrollen ein.
Laut Medienberichten waren die Folgen spürbar. Programmierwerkzeuge mit Geld chinesischer Tech-Konzerne wie ByteDance gerieten unter Druck. Chinesische Konkurrenten wie Z.ai, früher Zhipu AI, warben sofort um die abgewiesenen Kunden. Erst vor Kurzem warnte Anthropic Berichten zufolge vor den Hacker-Fähigkeiten eines neuen chinesischen Modells.
Das eigentliche Ziel: Chinesen im Ausland
Ein Kurswechsel? Eher nicht, meinen Analysten. Sie gehen davon aus, dass Anthropic vor allem die chinesischsprachigen Gemeinschaften außerhalb der Volksrepublik ansprechen will. Dazu gehören Taiwan, Hongkong, Singapur, Malaysia und die große Diaspora in Nordamerika und Europa. Das sind Millionen kaufkräftige Nutzer, die bisher mit einer englischen Oberfläche arbeiten mussten.
Auf den Festlandmarkt kann Anthropic ohnehin kaum hoffen. Peking hat für Nutzer in China bislang kein ausländisches Sprachmodell zugelassen. Die dortigen Anwendungen laufen fast ausschließlich mit heimischen Modellen. Die digitale Mauer steht auf beiden Seiten.
Die Welt der KI zerfällt in Blöcke
Der Fall zeigt deutlich, wie sehr sich die KI-Welt in Lager aufteilt. Washington und Peking bauen getrennte Technik-Systeme auf. Die großen Konzerne müssen dabei zwischen Gewinn und Politik abwägen. Anthropic will ein Stück vom Markt der chinesischsprachigen Nutzer, ohne seine harte Linie gegenüber Peking aufzugeben.
Für Europa ist das eine unangenehme Lehre. Während sich die USA und China ein Wettrennen um die wichtigste Technologie des Jahrhunderts liefern, ist der Kontinent vor allem mit neuen Regeln beschäftigt. Wer keine eigenen Spitzenmodelle hat, sucht sich am Ende nur aus, wessen Sprache seine Software spricht.
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