
Chaos in Washington: Kurzzeitiger Shutdown trotz Senatseinigung â Amerika zeigt seine politische Dysfunktion
Was fĂŒr ein Schauspiel bietet sich dem staunenden Beobachter diesseits des Atlantiks: Die Vereinigten Staaten von Amerika, selbsternannte FĂŒhrungsmacht der freien Welt, stolpern erneut in eine Haushaltssperre â und das, obwohl der Senat bereits einen Kompromiss verabschiedet hatte. In der Nacht zum Samstag trat der sogenannte Shutdown in Kraft, weil das ReprĂ€sentantenhaus schlichtweg nicht tagte. Man könnte meinen, die gröĂte Volkswirtschaft der Welt wĂŒrde ihre Haushaltsangelegenheiten mit etwas mehr ProfessionalitĂ€t handhaben.
Ein Kompromiss, der zu spÀt kam
Der US-Senat rang sich mit einer beachtlichen Mehrheit von 71 zu 29 Stimmen zu einem Kompromiss durch, der das Schlimmste hĂ€tte verhindern sollen. Doch was nĂŒtzt die schönste Einigung, wenn die andere Kammer des Kongresses erst am Montag wieder zusammentritt? Sprecher Mike Johnson kĂŒndigte zwar an, dass das ReprĂ€sentantenhaus am Montagabend ĂŒber das Paket abstimmen werde, doch bis dahin bleiben Teile der Bundesverwaltung ohne Finanzierung â ein Zustand, der in jedem anderen westlichen Industrieland als politisches Versagen ersten Ranges gewertet wĂŒrde.
PrĂ€sident Donald Trump forderte die Abgeordneten beider Parteien auf, mit âJa" zu stimmen. Ob dieser Appell Gehör findet, bleibt abzuwarten. Die Erfahrung lehrt, dass in Washington selbst die klarsten Ansagen im Dickicht parteilicher Interessen versickern können.
Tödliche SchĂŒsse als Auslöser der Krise
Der eigentliche ZĂŒndstoff fĂŒr diese politische Krise liegt jedoch tiefer. Zwei tödliche VorfĂ€lle im Zusammenhang mit EinsĂ€tzen der Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis haben die ohnehin aufgeheizte Debatte um die amerikanische Migrationspolitik weiter eskalieren lassen. Der 37-jĂ€hrige Krankenpfleger Alex Pretti wurde am 24. Januar von einem Grenzschutzbeamten erschossen, nur zwei Wochen nachdem die Demonstrantin Renee Good durch einen ICE-Beamten getötet worden war.
Die Demokraten witterten ihre Chance und forderten umgehend strengere Auflagen: Bodycams fĂŒr alle Beamten, ein Verbot von Gesichtsmasken, das Ende von Patrouillen ohne konkreten Anlass sowie die Pflicht, Durchsuchungsbefehle von Richtern einzuholen. Der demokratische MinderheitsfĂŒhrer im Senat, Chuck Schumer, erklĂ€rte dramatisch, das Land erreiche einen âKipppunkt".
Ein fragwĂŒrdiger Kompromiss
Der ausgehandelte Kompromiss sieht vor, dass die Finanzierung fĂŒr das Heimatschutzministerium separat behandelt und zunĂ€chst nur fĂŒr zwei Wochen verlĂ€ngert wird. In dieser Zeit sollen Verhandlungen ĂŒber neue Regeln fĂŒr ICE-EinsĂ€tze stattfinden. Die ĂŒbrigen Regierungsressorts â darunter Verteidigung, Gesundheit und Bildung â erhalten ihre Mittel immerhin bis Ende September.
Republikanische Senatoren zeigten sich verstĂ€ndlicherweise skeptisch gegenĂŒber weitreichenden ZugestĂ€ndnissen. Senator Lindsey Graham aus South Carolina warnte seine Partei davor, zu viel preiszugeben. ICE-Beamte seien âverleumdet und diffamiert" worden â eine EinschĂ€tzung, die angesichts der medialen Berichterstattung nicht von der Hand zu weisen ist.
Begrenzte Auswirkungen â diesmal
Im Gegensatz zum 43-tĂ€gigen Regierungsstillstand im vergangenen Herbst, der die US-Wirtschaft schĂ€tzungsweise elf Milliarden Dollar kostete, dĂŒrften die Auswirkungen diesmal begrenzt bleiben. Beide Parteien rechnen damit, dass der Stillstand nur wenige Tage andauern wird. Doch allein die Tatsache, dass es ĂŒberhaupt so weit kommen konnte, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der amerikanischen Demokratie.
âIch denke, die letzten paar Tage waren eine Verbesserung. Die Rhetorik hat sich in Minnesota etwas beruhigt."
So Ă€uĂerte sich der Senator von Kentucky, Rand Paul â ein Hoffnungsschimmer inmitten des politischen Chaos. Ob diese Beruhigung von Dauer sein wird, steht freilich auf einem anderen Blatt.
Ein LehrstĂŒck fĂŒr Europa
FĂŒr europĂ€ische Beobachter bietet dieses amerikanische Schauspiel durchaus Anlass zur Reflexion. WĂ€hrend man hierzulande gerne auf die vermeintliche Ăberlegenheit des eigenen politischen Systems verweist, zeigt sich in Washington, wohin eine zunehmende Polarisierung fĂŒhren kann. Die UnfĂ€higkeit, selbst grundlegende Haushaltsangelegenheiten ohne Drama zu regeln, sollte als Warnung dienen â auch fĂŒr Deutschland, wo die politische Kultur in den vergangenen Jahren ebenfalls rauer geworden ist.










