
Budapests neuer Premier: Vier ZugestÀndnisse, dreiundzwanzig offene Rechnungen

Was fĂŒr ein Schauspiel sich derzeit auf der europĂ€ischen BĂŒhne abspielt, verdient das PrĂ€dikat âpolitisches Theater" im besten Sinne des Wortes. PĂ©ter Magyar, Ungarns designierter Premierminister, hat BrĂŒssel wissen lassen, worĂŒber er zu verhandeln gedenkt â und worĂŒber eben nicht. Das Ergebnis ist so aufschlussreich wie ernĂŒchternd: Vier Themen bietet er an, dreiundzwanzig Forderungen der EU-Kommission ignoriert er schlicht.
Die Kunst der selektiven Kooperation
Man muss Magyar eine gewisse taktische Raffinesse zugestehen. Seine vier Verhandlungsangebote sind keineswegs bedeutungslos: der Beitritt zur EuropĂ€ischen Staatsanwaltschaft, Antikorruptionsreformen, die Freigabe eingefrorener EU-Mittel in Höhe von rund 17 Milliarden Euro sowie ein Ende der systematischen Blockadepolitik in den EU-Institutionen. Das klingt nach Aufbruch. Das klingt nach Neuanfang. Ursula von der Leyen reagierte denn auch prompt mit historischen Vergleichen â 1956, 1989, und nun 2026.
Doch wer genauer hinschaut, erkennt das KalkĂŒl hinter der vermeintlichen GroĂzĂŒgigkeit. Magyar wĂ€hlt exakt jene Punkte, die ihm innenpolitisch am wenigsten wehtun und haushaltspolitisch am meisten einbringen. Die eingefrorenen KohĂ€sions- und Corona-Hilfsgelder plus 16 Milliarden aus dem europĂ€ischen Verteidigungsprogramm âSafe" â das ist keine Konzession, das ist schlichte Interessenpolitik. Und eine ziemlich clevere dazu.
Das beredte Schweigen zu den heiklen Themen
Weitaus interessanter als das, was Magyar anbietet, ist das, was er verschweigt. Die BrĂŒsseler Forderungsliste umfasst tiefgreifende Justizreformen, die UnabhĂ€ngigkeit der Gerichte, die Neuordnung der Sicherheitsdienste, akademische Freiheit und â besonders kostspielig â die Beilegung des Streits ĂŒber Ungarns Asylgesetzgebung. Letztere hat Budapest bereits eine knappe Milliarde Euro an Strafzahlungen gekostet, eine Million pro Tag, die BrĂŒssel direkt vom ungarischen Anteil am EU-Haushalt abzieht.
Zu all dem: Schweigen. Kein Wort, kein Signal, nicht einmal ein vages Versprechen.
AuĂenpolitik: OrbĂĄns Erbe in neuem Gewand
Noch deutlicher wird die KontinuitĂ€t in der AuĂenpolitik. Den 90-Milliarden-Euro-Kredit fĂŒr die Ukraine will Magyar nur unter der Bedingung mittragen, dass Ungarn selbst nicht daran teilnimmt â exakt die Formel seines VorgĂ€ngers Viktor OrbĂĄn. Einen EU-Beitritt der Ukraine schlieĂt er fĂŒr mindestens ein Jahrzehnt aus. Waffenlieferungen an Kiew lehnt er kategorisch ab â keinen Transit, keine Ausbildungsmissionen, keine ungarischen Waffen. Die Russland-Sanktionen möchte er aufheben, sobald der Krieg endet. Und wĂ€hrend BrĂŒssel das Ende russischer Ăl- und Gasimporte bis 2027 anstrebt, plant Magyar die Reduktion der EnergieabhĂ€ngigkeit von Moskau erst bis 2035. Acht Jahre Differenz â in der Energiepolitik eine Ewigkeit.
Die groĂe SelbsttĂ€uschung des Westens
Und hier offenbart sich die eigentliche Pointe dieser Geschichte: die geradezu groteske SelbsttĂ€uschung, die derzeit von Berlin ĂŒber BrĂŒssel bis Paris zirkuliert. Magyar wird in westeuropĂ€ischen Kommentarspalten als RĂŒckkehr Ungarns auf den âeuropĂ€ischen Pfad" gefeiert. Bundeskanzler Friedrich Merz spricht von einem âSignal gegen Rechtspopulismus". Von der Leyen erklĂ€rt, Europa sei âungarisch, ohne jede Frage".
Nur: Was genau ist an Magyars Programm progressiv? Was ist daran auch nur liberal im europĂ€ischen Sinne? Der Mann will den Grenzzaun behalten. Er lehnt den EU-Migrationspakt ab. Sein engster politischer Berater bestĂ€tigt öffentlich, dass der neue Premier sich ânoch weniger Einwanderung" wĂŒnsche als die VorgĂ€ngerregierung. Und als der ukrainische PrĂ€sident im Wahlkampf eine aggressive Bemerkung ĂŒber OrbĂĄn machte, forderte Magyar die EU auf, den Kontakt zu Kiew einzustellen â ein Reflex, der in der Sache von OrbĂĄn selbst hĂ€tte stammen können.
Die Wahrheit ist unbequem, aber sie liegt offen zutage: Der Unterschied zwischen Magyar und OrbĂĄn verlĂ€uft entlang der Achse Stil gegen Substanz, nicht entlang der Achse rechts gegen links. Magyar ist ein national-konservativer Politiker, der die Methoden seines VorgĂ€ngers ablehnt, dessen inhaltliches Koordinatensystem aber weitgehend ĂŒbernommen hat. Dass westeuropĂ€ische Politiker und Medien dies als demokratischen Durchbruch feiern, sagt mehr ĂŒber deren Wunschdenken aus als ĂŒber die politische RealitĂ€t in Budapest.
Ein LehrstĂŒck fĂŒr die europĂ€ische Politik
FĂŒr den aufmerksamen Beobachter ist dieser Vorgang ein LehrstĂŒck darin, wie europĂ€ische Politik tatsĂ€chlich funktioniert. BrĂŒssel braucht Erfolgsgeschichten. Die EU-Kommission braucht das Narrativ, dass ihr Druck auf Budapest gewirkt habe. Und Magyar braucht die eingefrorenen Milliarden. Es ist ein GeschĂ€ft auf Gegenseitigkeit â nur dass die eine Seite vier ZugestĂ€ndnisse macht und die andere dreiundzwanzig offene Rechnungen unter den Tisch fallen lĂ€sst.
Dass Magyar dabei in der Migrationsfrage und in seiner Haltung gegenĂŒber der unkontrollierten Zuwanderung eine Position vertritt, die von einem GroĂteil der europĂ€ischen Bevölkerung geteilt wird, verschweigen die Jubelmeldungen aus BrĂŒssel geflissentlich. Denn es passt nicht ins Bild. Es passt nicht in das Narrativ vom bösen OrbĂĄn und dem guten Magyar. Dabei zeigt gerade diese KontinuitĂ€t, dass die ungarische Bevölkerung offenbar sehr genau weiĂ, was sie will â und was nicht. Vielleicht sollte man in Berlin und BrĂŒssel einmal darĂŒber nachdenken, warum national-konservative Positionen in ganz Europa immer mehr Zuspruch finden, statt sie reflexhaft als âpopulistisch" abzutun.
Der Honeymoon zwischen Magyar und BrĂŒssel dĂŒrfte jedenfalls von kurzer Dauer sein. SpĂ€testens wenn die dreiundzwanzig unbequemen Forderungen wieder auf den Tisch kommen, wird sich zeigen, ob Ungarns neuer Premier tatsĂ€chlich ein neues Kapitel aufschlĂ€gt â oder ob er lediglich das alte Buch mit einem frischen Einband versehen hat.
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