Kettner Edelmetalle
25.02.2026
20:42 Uhr

Berliner XXL-Tram: Millionenprojekt scheitert an simplen Rechenfehlern

Man könnte meinen, in einem Land, das einst Ingenieurkunst in die Welt exportierte, sei das korrekte Berechnen von Gewichtslasten eine SelbstverstĂ€ndlichkeit. Doch weit gefehlt. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben es tatsĂ€chlich geschafft, den mit Spannung erwarteten Start ihrer neuen XXL-Straßenbahn – des sogenannten „Urbanliners" von Alstom – durch falsche Lastberechnungen zu torpedieren. Was als großes Prestigeprojekt fĂŒr den Berliner Nahverkehr gefeiert werden sollte, entpuppt sich als weiteres Kapitel im endlosen Buch deutscher Infrastruktur-Blamagen.

Premierenfahrt abgeblasen – zwei Tage vor dem großen Auftritt

Die GĂ€steliste las sich wie das Who's who der Berliner Landespolitik. Der Regierende BĂŒrgermeister Kai Wegner, Verkehrssenatorin Ute Bonde und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey – sie alle sollten am 16. Februar im Straßenbahn-Betriebshof Weißensee dabei sein, wenn der fast 51 Meter lange Koloss erstmals mit FahrgĂ€sten auf die stark frequentierte Linie M4 geschickt wĂŒrde. 312 Menschen fasst die neue Tram, 92 Sitz- und 220 StehplĂ€tze. Doch nur zwei Tage vor dem geplanten Festakt kam die ernĂŒchternde Nachricht: Alles abgesagt.

Der Grund? Die BVG konnte nicht nachweisen, dass die Tunnelanlagen unter dem Alexanderplatz das Gewicht der neuen Straßenbahn ohne Schaden ĂŒberstehen wĂŒrden. Leer wiegt der Urbanliner bereits 63,5 Tonnen, das zulĂ€ssige Gesamtgewicht beziffert Hersteller Alstom mit satten hundert Tonnen. Und ausgerechnet der U2-Tunnel unter dem Alexanderplatz – ein Bauwerk, das nach einer Havarie im Jahr 2022 ohnehin unter Stress steht und aufwĂ€ndig stabilisiert werden musste – steht im Zentrum der Bedenken.

Zwei Jahre Zulassungsverfahren – und dann falsche Zahlen

Besonders pikant ist der Zeitplan, der nun ans Licht kam. Das Zulassungsverfahren fĂŒr den Urbanliner lĂ€uft bereits seit rund zwei Jahren. Zwei Jahre! Und dennoch schloss die BVG ihre Berechnungen zum Nachweis der Befahrbarkeit erst am 13. Februar 2026 ab – am Freitag vor der geplanten Premierenfeier. Man fragt sich unwillkĂŒrlich: Was haben die Verantwortlichen in den 24 Monaten zuvor eigentlich getrieben?

Damit nicht genug: Die Technische Aufsichtsbehörde (TAB) sah sich gezwungen, die vorgelegten Berechnungen zurĂŒckzuweisen. Der Grund ist so banal wie beschĂ€mend – die BVG hatte schlicht mit falschen Lastannahmen gearbeitet. Verkehrssenatorin Bonde bestĂ€tigte dies im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses. Die TAB konnte das Verfahren unter diesen UmstĂ€nden nicht fortsetzen, zumal ihre Mitarbeiter der Privathaftung unterliegen. Wer ein Fahrzeug durchwinkt und es kommt zu Problemen, haftet persönlich. Eine Verantwortung, die offenbar bei der BVG selbst weniger ernst genommen wird.

Bestandsschutz fĂŒr alte Bahnen – neue Regeln fĂŒr den Urbanliner

Ironischerweise schneidet die XXL-Tram bei der entscheidenden Kennzahl – der Achslast – sogar besser ab als die derzeit auf der M4 verkehrenden Doppeltraktionen vom Typ GT6. WĂ€hrend der Urbanliner mit etwa zehn Tonnen Achslast ĂŒber die Gleise rollt, bringen es die alten Bahnen auf elf Tonnen. MĂŒsste man sich dann nicht eigentlich eher um die bestehenden Fahrzeuge Sorgen machen? Theoretisch ja. Doch diese genießen eine Art Bestandsschutz. Seit dem teilweisen Einsturz der CarolabrĂŒcke in Dresden im Jahr 2024 gelten verschĂ€rfte Bestimmungen – allerdings nur fĂŒr neue Fahrzeuge. Ein SchildbĂŒrgerstreich, der seinesgleichen sucht.

Monate statt Wochen: Wann rollt die Tram endlich?

Die BVG wurde nun aufgefordert, eine neue Lastberechnung mit korrekten Messannahmen vorzulegen. Senatorin Bonde erklĂ€rte, das Unternehmen wolle die Daten noch in dieser oder der kommenden Woche einreichen. Doch selbst wenn die Zahlen diesmal stimmen sollten, dĂŒrfte es noch lange dauern. Experten rechnen damit, dass bis zum tatsĂ€chlichen Fahrgasteinsatz auf der M4 noch Monate vergehen werden. „Im MĂ€rz oder April wird das sicher nichts mehr", so ein Kenner der Materie.

Erschwerend kommt hinzu, dass die bisherige BrĂŒckenfreigabe offenbar nur fĂŒr die Linie M4 gilt. Auf allen anderen Linien darf sich der Urbanliner vorerst nur ohne FahrgĂ€ste bewegen. Die BVG habe zwar geprĂŒft, ob die neue Tram auf unproblematischeren Strecken eingesetzt werden könnte – doch auch dafĂŒr fehle noch die Freigabe.

Symptom einer tiefgreifenden Malaise

Was sich in Berlin abspielt, ist mehr als nur eine peinliche Panne eines Verkehrsunternehmens. Es ist symptomatisch fĂŒr den Zustand der deutschen Infrastruktur insgesamt. Marode BrĂŒcken, einsturzgefĂ€hrdete Tunnel, endlose Planungsverfahren und am Ende dann auch noch falsche Berechnungen – das ist die RealitĂ€t eines Landes, das sich einst als Ingenieurnation verstand. WĂ€hrend andere Metropolen weltweit ihre Nahverkehrssysteme modernisieren und ausbauen, scheitert Berlin daran, eine einzelne Straßenbahnlinie mit einem neuen Fahrzeug zu bestĂŒcken.

Die BĂŒrger dieser Stadt, die tĂ€glich in ĂŒberfĂŒllten Bahnen und Bussen stehen, haben ein Recht darauf, dass ihre Steuergelder kompetent eingesetzt werden. Stattdessen erleben sie ein Trauerspiel aus Inkompetenz und BĂŒrokratie, das man sich in dieser Form kaum ausdenken könnte. Vielleicht sollte man in Berlin weniger Zeit mit ideologischen Prestigeprojekten verbringen und sich stattdessen wieder auf das Wesentliche konzentrieren: funktionierende Infrastruktur, die den Menschen dient. Aber das wĂ€re wohl zu viel verlangt.

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