
Bangkoks knatternde Freiheit vor dem Aus: Wenn BĂŒrokraten der Seele einer Stadt den Stecker ziehen

Es gibt GerĂ€usche, die brennen sich ins GedĂ€chtnis ein wie ein Brandzeichen. Das heisere, stotternde âtuk-tuk-tukâ der dreirĂ€drigen Motorrad-Rikschas in Bangkok gehört zweifellos dazu â ebenso wie der Duft von Zitronengras, das Gewirr der GarkĂŒchen und das GleiĂen der goldenen Tempel. Nun aber könnte dieser Sound bald Geschichte sein. Thailands Verkehrsbehörde hat einen Verordnungsentwurf vorgelegt, der benzinbetriebene Tuk-Tuks aus dem Zentrum der Megametropole verbannen soll. BegrĂŒndung: LĂ€rm und Luftverschmutzung. Wer hĂ€tte das gedacht â die Klimarhetorik hat inzwischen auch SĂŒdostasien erreicht.
Ein Kulturgut wird zum Feindbild erklÀrt
Seit den 1960er Jahren rattern die DreirĂ€der durch Bangkok. Sie lösten damals die von Muskelkraft angetriebenen Fahrradrikschas, die Samlor, ab und wurden zum Symbol einer Stadt, die niemals stillsteht. Ende Juni waren mehr als 8.500 dieser GefĂ€hrte allein in Bangkok zugelassen. Ihnen stehen landesweit gerade einmal gut 1.000 elektrisch betriebene Exemplare gegenĂŒber. Die meisten der klassischen Knatterkisten sind zwischen zehn und fĂŒnfzig Jahre alt â gewartet, geflickt, weitergegeben, Generation fĂŒr Generation. Man könnte auch sagen: gelebte Nachhaltigkeit, lange bevor dieses Wort zur politischen Waffe umgeschmiedet wurde.
Doch fĂŒr die Planer in den Amtsstuben zĂ€hlt das offenbar wenig. Die Zukunft, so lautet die Ansage, habe elektrisch zu sein. Mehrere Hersteller produzieren bereits E-Tuk-Tuks fĂŒr den heimischen Markt, ein App-basierter Fahrdienst setzt ausschlieĂlich auf die lautlosen Varianten. Sauber, leise, modern â und vollkommen seelenlos.
Wer zahlt die Rechnung? Wie immer: der kleine Mann
Besonders bitter ist die Lage fĂŒr jene, die von diesen Fahrzeugen leben. Ein Tuk-Tuk-Besitzer schilderte gegenĂŒber dem Sender Thai PBS, er habe rund 500.000 Thai Baht â umgerechnet etwa 13.000 Euro â in sein Dreirad investiert. Eine UmrĂŒstung auf Elektroantrieb könne er sich schlicht nicht leisten. Sollte das Verbot kommen, sei er am Ende.
Wenn das wirklich durchgesetzt wird, dann bin ich am Ende.
Dieser Satz dĂŒrfte deutschen Ohren schmerzhaft vertraut klingen. Er ist das exakte Echo dessen, was hierzulande Handwerker sagten, als ihnen das Aus fĂŒr den Verbrenner verkĂŒndet wurde. Was Hausbesitzer sagten, als das Heizungsgesetz ĂŒber sie hereinbrach. Was Landwirte sagten, als ihnen der Agrardiesel gestrichen wurde. Immer trifft es zuerst die, die keine Lobby haben, keine RĂŒcklagen, keine Beratergremien. Und immer versichern die Verantwortlichen anschlieĂend, man habe doch nur das Beste gewollt.
Die alte Formel: erst das Symbol, dann der Rest
NatĂŒrlich ist Bangkoks Luft in der Trockenzeit tatsĂ€chlich gesundheitsschĂ€dlich. Schulen mĂŒssen schlieĂen, Behörden raten der Bevölkerung, in den HĂ€usern zu bleiben. Das ist real, das ist ernst. Nur: Sind 8.500 DreirĂ€der wirklich der Hebel, an dem in einer Millionenmetropole mit Verbrennungsöfen, Industrie, BrĂ€nden im Umland und einem Verkehrsaufkommen jenseits jeder Vorstellungskraft angesetzt werden muss? Oder ist das Tuk-Tuk schlicht das sichtbarste, wehrloseste Ziel â ein politisches Symbol, an dem sich HandlungsfĂ€higkeit demonstrieren lĂ€sst, ohne den wirklich MĂ€chtigen wehzutun? Man kennt dieses Muster. Es ist international.
Nostalgie gegen Verordnung
Immerhin: Anders als in Berlin oder BrĂŒssel wird die Bevölkerung tatsĂ€chlich gefragt. Bis zum 27. August lief nach Angaben der Zeitung âBangkok Postâ eine öffentliche Konsultation, in der sich BĂŒrger zu dem Vorhaben Ă€uĂern konnten. Alle Kommentare, so hieĂ es, wĂŒrden sorgfĂ€ltig geprĂŒft, bevor entschieden werde. Ob das mehr ist als demokratisches Dekor, wird sich zeigen. Aber allein die Tatsache, dass gefragt wird, ist bemerkenswert â hierzulande erfĂ€hrt der BĂŒrger von seiner BeglĂŒckung meist erst, wenn die Verordnung im Bundesgesetzblatt steht.
Unter den Thais selbst ist die Stimmung geteilt. Viele halten die alten DreirĂ€der fĂŒr laut, fĂŒr ĂŒberteuert und fĂŒr ein Ărgernis, das den Verkehr blockiere. Besonders die sogenannten Disco-Tuk-Tuks rund um die Khao San Road, die abends mit Neonlicht und dröhnenden BĂ€ssen durch die StraĂen ziehen, gelten Anwohnern als reine Zumutung. Touristen wiederum lieben genau das. Eine Berlinerin, die regelmĂ€Ăig nach Thailand reist, beschrieb ihren Zwiespalt: Sie trĂ€ume davon, ihrer Nichte eines Tages Bangkok zu zeigen, und ein Teil von ihr sei traurig, dass diese das Geknatter womöglich nie erleben werde â lieber jedoch zeige sie ihr eine Stadt, in der man atmen könne.
Ein ehrlicher Konflikt, den man respektieren muss. Und doch bleibt ein Unbehagen: Wo immer der Staat mit dem Argument der Reinheit antritt, verschwindet am Ende nicht nur RuĂ, sondern auch ein StĂŒck Eigenart. Aus Vielfalt wird Norm, aus gewachsener Kultur wird geregelter Betrieb. Erlaubt bleiben werden die Tuk-Tuks wohl weiterhin â nur eben stumm, glatt und per App bestellbar. Sicher ist: Der berĂŒhmte Sound könnte fĂŒr immer verstummen.
Was bleibt, wenn das Vertraute verschwindet
Vielleicht ist die Lehre aus Bangkok gerade fĂŒr uns Deutsche die wichtigste: Politische Verordnungen können in wenigen SĂ€tzen zerstören, was ĂŒber Jahrzehnte gewachsen ist â Berufe, Lebensgrundlagen, Traditionen. Wer sein Vermögen und seine UnabhĂ€ngigkeit sichern will, sollte sich daher nicht ausschlieĂlich auf das verlassen, was Behörden per Federstrich fĂŒr zulĂ€ssig oder unzulĂ€ssig erklĂ€ren können. Werte, die man in den HĂ€nden halten kann, haben UmbrĂŒche dieser Art schon oft ĂŒberdauert â auch dann, wenn der jeweils herrschende Zeitgeist etwas anderes verkĂŒndete.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die EinschĂ€tzung unserer Redaktion wieder und stellt weder eine Anlage-, Steuer- noch eine Rechtsberatung dar. FĂŒr eigene Entscheidungen ist jeder Leser selbst verantwortlich und sollte sich eigenstĂ€ndig informieren beziehungsweise fachkundigen Rat einholen.
- Themen:
- #Energie










