
Architektur-Albtraum in MĂŒnchen: Bretterbude schafft es ins Finale eines renommierten Preises
Man reibt sich die Augen und fragt sich unwillkĂŒrlich, ob man versehentlich auf eine Satireseite geraten ist. Doch nein â es ist bitterer Ernst. Ein GebĂ€ude im MĂŒnchner Stadtteil Ramersdorf-Perlach, das auf den ersten Blick an eine notdĂŒrftig zusammengezimmerte Behelfsbaracke erinnert, hat es tatsĂ€chlich ins Finale des renommierten DAM-Preises 2026 geschafft. Der Preis wird jĂ€hrlich vom Deutschen Architekturmuseum fĂŒr herausragende Bauten in Deutschland vergeben. Herausragend ist dieses Bauwerk zweifellos â allerdings nicht unbedingt im positiven Sinne.
âDas robuste Haus" â robust vor allem fĂŒr die Augen
Das Projekt trĂ€gt den programmatischen Namen âDas robuste Haus" und wurde vom ArchitekturbĂŒro etal. als sogenanntes Mehrgenerationen- und Gemeinschaftshaus konzipiert. Was sich dahinter verbirgt, liest sich wie das Manifest einer Ideologie, die IndividualitĂ€t und Ăsthetik auf dem Altar des Kollektivismus opfert: Sogenannte Clusterwohnungen, in denen private Zimmer mit gemeinschaftlich genutzten Wohn- und Essbereichen kombiniert werden. Werkstatt, Waschraum, Fahrradraum â alles geteilt, alles gemeinschaftlich. Man könnte meinen, die Architekten hĂ€tten sich weniger von der europĂ€ischen Bautradition als vielmehr von sowjetischen Kommunalkas inspirieren lassen.
Konstruktiv handelt es sich um einen Holzrahmenbau. Die oberirdischen Geschosse bestehen aus vorgefertigten Holzrahmenelementen, die Decken und tragenden Kerne aus Brettschichtholz. Als DĂ€mmstoffe kommen Zellulose und Holzwolle zum Einsatz. Die Fassade? Fichtenholzschalung, ergĂ€nzt durch Stahl-Trapezbleche als Wetterschutz. Im Inneren wurde auf jegliche Verkleidung verzichtet â der Zementestrich bleibt sichtbar, lediglich geschliffen und geölt. Reduktion als Prinzip, könnte man wohlwollend sagen. Oder schlicht: Kargheit als Programm.
Soziale Netzwerke laufen Sturm
In den sozialen Netzwerken sorgte die Nominierung fĂŒr heftige Diskussionen. Ein Beitrag auf der Plattform X behauptete, das GebĂ€ude bestehe unter anderem aus HolzabfĂ€llen und Metallresten. Diese EinschĂ€tzung bezog sich offenbar auf Fotografien aus einer frĂŒheren Bauphase, die das Haus in einem besonders unvorteilhaften Zustand zeigten. In den offiziellen Projektangaben finden sich keine Hinweise auf die Verwendung von Abfall- oder Restmaterialien. Dennoch bleibt der optische Eindruck â gelinde gesagt â gewöhnungsbedĂŒrftig.
Auf dekorative Elemente, glatte OberflĂ€chen oder gestalterische Ausformungen wurde bewusst verzichtet. Konstruktion und Materialien bleiben sichtbar. Was die Architekten vermutlich als ehrliche, authentische Bauweise verstanden wissen wollen, wirkt auf viele Betrachter wie das architektonische Ăquivalent eines Offenbarungseids. Die Kommentare im Netz sprechen BĂ€nde: Von âFavela-Architektur" ĂŒber âBehelfsbaracke" bis hin zu âhĂŒbsch hĂ€sslich" reicht das Spektrum der Reaktionen. Ein Nutzer merkte sĂŒffisant an, dass ein solches Bauwerk in jeder Schrebergartenanlage mit einer Fristsetzung zum Abriss bedacht wĂŒrde.
Symptom eines kulturellen Niedergangs?
Man muss kein Architekturkritiker sein, um zu erkennen, dass hier etwas grundlegend schieflĂ€uft. Deutschland war einst das Land der Baumeister, der Gotik, des Barock, des Jugendstils. Schinkel, Semper, Behrens â Namen, die fĂŒr architektonische Exzellenz stehen. Und heute? Heute wird eine Bretterbude mit Trapezblech-Fassade fĂŒr einen der wichtigsten Architekturpreise des Landes nominiert. Es drĂ€ngt sich die Frage auf, ob dieser Ă€sthetische Verfall nicht symptomatisch ist fĂŒr einen viel tiefgreifenderen kulturellen Niedergang.
Das Konzept der gemeinschaftlichen Wohnformen, der geteilten KĂŒchen und GemeinschaftsrĂ€ume mag fĂŒr manche einen gewissen idealistischen Charme besitzen. Doch wer genauer hinschaut, erkennt darin die schleichende Abkehr von dem, was Generationen von Deutschen als erstrebenswert galt: ein eigenes Heim, PrivatsphĂ€re, individuelle Gestaltungsfreiheit. Stattdessen wird nun das kollektive Wohnen in einer optisch fragwĂŒrdigen Holzkiste als zukunftsweisend gefeiert. Die Grundrisse seien so angelegt, dass RĂ€ume ĂŒber vorbereitete Ăffnungen verbunden oder getrennt werden könnten, heiĂt es in der Projektbeschreibung. FlexibilitĂ€t als Euphemismus fĂŒr Enge.
Wenn Ideologie ĂŒber Ăsthetik triumphiert
Es ist bezeichnend fĂŒr den Zeitgeist, dass ein solches Projekt nicht etwa kritisch hinterfragt, sondern mit einer Nominierung fĂŒr einen prestigetrĂ€chtigen Preis geadelt wird. Die Jury scheint weniger die architektonische QualitĂ€t als vielmehr die ideologische Botschaft zu honorieren: Nachhaltigkeit, Gemeinschaft, Verzicht. Alles Begriffe, die in bestimmten Kreisen lĂ€ngst zu Glaubensbekenntnissen geworden sind â unabhĂ€ngig davon, ob das Ergebnis auch nur annĂ€hernd den Ă€sthetischen AnsprĂŒchen genĂŒgt, die man an preiswĂŒrdige Architektur stellen sollte.
Ein erfahrener Kommentator brachte es auf den Punkt, als er anmerkte, dass selbst die sowjetischen Chruschtschow-Plattenbauten der 1960er Jahre gemĂŒtlicher gewirkt hĂ€tten. Und tatsĂ€chlich: Wer die Bilder des ârobusten Hauses" mit den Wohnblöcken vergleicht, die einst als Inbegriff architektonischer Tristesse galten, kommt nicht umhin festzustellen, dass der Fortschritt offenbar rĂŒckwĂ€rts marschiert.
Die Frage, die sich am Ende stellt, ist keine architektonische, sondern eine kulturelle: Wollen wir in einem Land leben, das BretterverschlĂ€ge prĂ€miert â oder in einem Land, das wieder den Mut hat, Schönheit zu fordern? Die Antwort darauf sollte eigentlich nicht schwerfallen. Doch in einem Deutschland, das sich in immer neuen Runden der Selbstbescheidung gefĂ€llt, scheint selbst diese einfache Erkenntnis verloren gegangen zu sein.










