Margin Call an der COMEX: Wie Einschussforderungen Gold und Silber 2026 zum Einsturz brachten
Am 29. Januar 2026 kostete eine Unze Gold 5.594,82 US-Dollar — ein Rekord. Zwei Handelstage später war das Metall fast 900 Dollar billiger, Silber hatte rund ein Drittel seines Werts verloren. Wer damals nach einer Erklärung suchte, fand vor allem Schlagworte: Zinswende, Dollarstärke, Gewinnmitnahmen. Der eigentliche Auslöser war unspektakulärer und mechanischer — eine Änderung an den Sicherheitsleistungen der Terminbörse COMEX. Dieser Artikel erklärt, wie aus einer Buchungsvorschrift eine Verkaufslawine wird.
Die Kernpunkte in Kürze
- 13. Januar 2026: Die CME Group stellt die Margin-Berechnung für Gold, Silber, Platin und Palladium von festen Dollarbeträgen auf einen Prozentsatz des Kontraktwerts um.
- Drei Anhebungen in acht Tagen (30. Januar, 2. Februar, 6. Februar): Gold von 6 auf 9 Prozent, Silber von 11 auf 18 Prozent.
- Folge: Gold verlor am 30. Januar 9,8 Prozent an einem Tag — der stärkste Tagesverlust seit 1983. Silber fiel vom Rekord bei 121,64 Dollar bis Anfang Februar zeitweise auf 63,99 Dollar.
- Entscheidend: Die Bewegung entstand am Papiermarkt durch erzwungene Verkäufe — nicht durch einen Einbruch der physischen Nachfrage.
Was im Januar 2026 tatsächlich passierte
Der Winter 2025/26 war für Edelmetalle außergewöhnlich. Silber hatte 2025 nach Angaben von Marktbeobachtern rund 147 Prozent zugelegt und war von etwa 30 Dollar zu Jahresbeginn 2025 bis Ende Januar 2026 über die Marke von 120 Dollar gestiegen. Gold markierte am 29. Januar 2026 mit 5.594,82 US-Dollar ein Allzeithoch, Platin bereits am 26. Januar mit 2.918,80 Dollar. Es war eine Rally, die immer weniger von Käufern getragen wurde, die ihr Metall bezahlen und abholen — und immer mehr von Positionen, die auf Kredit aufgebaut waren.
Der Umschwung kam in zwei Wellen. Zunächst sorgte die Nominierung von Kevin Warsh als künftiger Vorsitzender der US-Notenbank für einen festeren Dollar: Investoren erwarteten zwar Zinssenkungen, rechneten aber zugleich mit einer Straffung der Fed-Bilanz. In diese ohnehin nervöse Lage hinein kündigte die CME am 30. Januar höhere Sicherheitsleistungen an. Was danach folgte, war keine geordnete Korrektur mehr.
- 30. Januar: Gold verliert 9,8 Prozent — der schärfste Tagesrückgang seit 1983.
- 2. Februar: Gold fällt im Handelsverlauf um fast 10 Prozent und notiert im Tagesverlauf bei 4.708,19 Dollar. Silber gibt zwischenzeitlich 15 Prozent ab und liegt bei 81,65 Dollar — rund 33 Prozent unter dem Rekord.
- 6. Februar: Silber rutscht auf ein Zwischentief von 63,99 Dollar, Gold auf 4.654,29 Dollar, bevor beide Metalle noch am selben Tag deutlich drehen.
- Auch die Nebenmetalle geraten in den Sog: Platin fällt vom Rekord bis zum 2. Februar auf 2.070,64 Dollar und damit um knapp 30 Prozent, Palladium notiert bei 1.662,68 Dollar.
Bemerkenswert ist das Muster: extreme Tagesverluste, gefolgt von ebenso heftigen Erholungen innerhalb derselben Sitzung. Das ist typisch für Zwangsverkäufe. Wenn Positionen liquidiert werden müssen, fragt niemand nach dem fairen Preis — es wird verkauft, bis das Konto gedeckt ist. Sobald die Welle durch ist, kehrt der Preis oft ein gutes Stück zurück.
Was eine Margin ist — und warum sie kein Kaufpreis ist
An einer Terminbörse kaufen Sie kein Metall, sondern einen Vertrag über die künftige Lieferung von Metall. Für diesen Vertrag zahlen Sie nicht den vollen Wert, sondern hinterlegen nur eine Sicherheitsleistung — die Margin. Sie ist keine Anzahlung und kein Preis, sondern ein Pfand, das die Börse gegen das Ausfallrisiko des Vertragspartners absichert.
Zwei Begriffe sind dabei zu unterscheiden:
- Initial Margin (Ersteinschuss): der Betrag, den Sie beim Eröffnen einer Position hinterlegen müssen.
- Maintenance Margin (Mindesteinschuss): der Betrag, der dauerhaft auf dem Konto bleiben muss. Fällt das Guthaben darunter, erhalten Sie eine Einschussforderung — den berühmten Margin Call.
Ein Margin Call ist keine höfliche Bitte. Er ist eine Frist, die in der Regel binnen eines Handelstages erfüllt sein muss. Wer nicht nachzahlt, dessen Position wird vom Broker geschlossen — automatisch, ohne Rücksicht auf die Marktlage. Genau an dieser Stelle verwandelt sich ein Risikopuffer in einen Verkaufsauftrag.
Ein Rechenbeispiel aus dem Januar 2026
Der Standardkontrakt COMEX 5000 Silver Futures umfasst 5.000 Unzen Silber. Bei einem Preis von 120 Dollar je Unze entspricht das einem Kontraktwert von 600.000 Dollar. Bei einer Margin von 11 Prozent mussten dafür 66.000 Dollar hinterlegt werden — der Rest war Hebel. Nach der Anhebung auf 18 Prozent waren es 108.000 Dollar. Für eine einzige, unveränderte Position musste ein Händler also gut 42.000 Dollar zusätzlich aufbringen. Wer zehn Kontrakte hielt, brauchte über Nacht eine knappe halbe Million Dollar frisches Kapital.
Bei Gold sieht die Rechnung ähnlich aus. Der COMEX 100 Gold Futures umfasst 100 Unzen. Auf dem Rekordniveau von rund 5.594 Dollar war ein Kontrakt etwa 559.400 Dollar wert. Bei 6 Prozent Margin genügten rund 33.600 Dollar, bei 9 Prozent waren gut 50.300 Dollar fällig.
| Kontrakt | Margin vor den Anhebungen | Margin nach dem 6. Februar | Hebel vorher | Hebel nachher |
|---|---|---|---|---|
| COMEX 100 Gold (100 oz) | 6 % | 9 % | rund 17-fach | rund 11-fach |
| COMEX 5000 Silber (5.000 oz) | 11 % | 18 % | rund 9-fach | rund 6-fach |
Die Prozentsätze gelten für Konten ohne erhöhtes Risikoprofil (Non-Heightened Risk Profile). Für Konten mit erhöhtem Risikoprofil setzt die Börse höhere Sätze an. Der Hebel ist der Kehrwert des Margin-Satzes und dient hier nur der Veranschaulichung.
Der stille Systemwechsel vom 13. Januar
Die eigentliche Weichenstellung fand zwei Wochen vor dem Absturz statt und bekam kaum Aufmerksamkeit. Zum 13. Januar 2026 stellte die CME Group die Margin-Ermittlung für Gold, Silber, Platin und Palladium um: Statt fester Dollarbeträge je Kontrakt gilt seither ein Prozentsatz des Kontraktwerts.
Der Unterschied klingt technisch, ist aber grundlegend. Im alten Modell blieb die Sicherheitsleistung nominal stehen, wenn der Preis stieg — der effektive Hebel wuchs also mit jeder Rally automatisch an. Die Börse musste aktiv eingreifen, um gegenzusteuern. Im neuen Modell passt sich die Margin von selbst an: Steigt der Silberpreis von 80 auf 120 Dollar, steigt die hinterlegte Summe im gleichen Verhältnis mit, ohne dass jemand einen Beschluss fassen muss.
Für die Stabilität der Börse ist das sinnvoll. Für Marktteilnehmer mit Hebel hat es eine unangenehme Nebenwirkung: Das Verfahren wirkt prozyklisch. In einer steilen Aufwärtsbewegung bindet jede Position laufend mehr Kapital — und wenn die Börse in dieser Lage zusätzlich den Prozentsatz anhebt, multiplizieren sich beide Effekte. Genau das geschah Ende Januar: Der Systemwechsel verstärkte die Wirkung jeder folgenden Anhebung.
Drei Anhebungen in acht Tagen
Seit der Methodenumstellung hat die CME die Sätze nach Angaben von Reuters bis zum 6. Februar dreimal erhöht — gezählt werden dabei der 30. Januar, der 2. Februar und der 6. Februar. Vollständig mit Zahlen dokumentiert sind zwei dieser Runden:
- Ankündigung Freitag, 30. Januar (14:00 Uhr New Yorker Zeit), wirksam nach Handelsschluss am Montag, 2. Februar: Gold steigt von 6 auf 8 Prozent des Kontraktwerts, Silber von 11 auf 15 Prozent, Platin von 12 auf 15 Prozent, Palladium von 14 auf 16 Prozent. Auch bei Kupfer wurde die Sicherheitsleistung erhöht.
- Ankündigung Donnerstag, 5. Februar, wirksam nach Handelsschluss am Freitag, 6. Februar: Gold geht von 8 auf 9 Prozent, Silber von 15 auf 18 Prozent.
Unter dem Strich verdoppelte sich der Satz bei Silber damit nahezu — von 11 auf 18 Prozent —, während er bei Gold von 6 auf 9 Prozent kletterte. Ein Detail des 30. Januar verdient besondere Beachtung: Weil die Börse die Anhebung vor dem Freitagsschluss bekannt gab, wussten alle Marktteilnehmer, dass jede über das Wochenende gehaltene Position ab Montag deutlich mehr Kapital binden würde. Ein Teil von ihnen löste seine Kontrakte deshalb noch in den letzten Handelsstunden des Freitags auf — das erklärt, warum sich der Kursrutsch an jenem Tag zum Handelsende hin beschleunigte.
Die Börse begründete die Schritte mit der Absicherung gegen Risiken aus der stark gestiegenen Volatilität. Das ist die klassische Rolle einer Clearingstelle: Sie soll verhindern, dass ein Ausfall einzelner Teilnehmer das gesamte Abwicklungssystem gefährdet. Der Zielkonflikt ist trotzdem offensichtlich — eine Maßnahme, die den Markt beruhigen soll, löst zunächst genau die Verkaufswelle aus, gegen die sie gerichtet ist.
Wie aus einer Sicherheitsleistung eine Verkaufswelle wird
Der Ablauf ist immer derselbe und lässt sich in sieben Schritten beschreiben:
- Der Preis steigt über Wochen, immer mehr Positionen werden mit Hebel aufgebaut.
- Die Volatilität nimmt zu — die Börse sieht ihr Ausfallrisiko wachsen.
- Die Margin wird angehoben. Jede bestehende Position benötigt sofort mehr hinterlegtes Kapital.
- Ein Teil der Marktteilnehmer kann oder will nicht nachschießen.
- Diese Positionen werden geschlossen — freiwillig oder per Zwangsliquidation durch den Broker.
- Die Verkäufe drücken den Preis. Dadurch rutschen weitere Konten unter die Mindestdeckung.
- Neue Einschussforderungen, neue Verkäufe. Die Rückkopplung verstärkt sich selbst.
Der Analyst Zain Vawda von MarketPulse by OANDA beschrieb den Mechanismus Anfang Februar treffend: Höhere Sicherheitsleistungen machten spekulative Positionen unattraktiver und zwängen vor allem Privatanleger ohne Liquiditätsreserve zum Verkauf. Es entstehe, so Vawda, eine Rückkopplungsschleife, in der fallende Preise weitere Einschussforderungen und damit weitere Verkäufe auslösten.
Zwei Verstärker kommen hinzu. Erstens treffen Zwangsverkäufe häufig auf eine dünne Orderbuchlage: In Panikphasen ziehen Market Maker ihre Kauflimits zurück, jeder Verkauf bewegt den Preis überproportional. Zweitens setzen viele professionelle Adressen volatilitätsgesteuerte Modelle ein, die ihre Positionsgröße automatisch reduzieren, wenn die Schwankungsbreite steigt. Beide Effekte laufen in dieselbe Richtung — nach unten.
Ein Detail, das selten erwähnt wird: Das Prozentmodell wirkt in der Abwärtsbewegung auch dämpfend. Sinkt der Silberpreis von 120 auf 70 Dollar, fällt der Kontraktwert von 600.000 auf 350.000 Dollar — 18 Prozent davon sind 63.000 Dollar und damit weniger, als 11 Prozent auf dem Hoch gebunden hätten. Die Kaskade bremst sich also mit fallenden Preisen selbst aus. Das erklärt, warum die heftigsten Abstürze im Februar innerhalb weniger Stunden zum Teil wieder aufgeholt wurden.
Warum der Papierpreis stärker fällt als die physische Knappheit es hergibt
Hier liegt der Kern der Verunsicherung vieler Käufer: Der Preis, den Sie auf jedem Kursportal sehen, entsteht ganz überwiegend am Terminmarkt. Die COMEX und der Londoner Handel setzen den globalen Referenzpreis — und an diesen Referenzpreis koppeln sich anschließend Barren, Münzen, Schmuck und Industrieeinkauf.
Das Volumen, das an der Terminbörse gehandelt wird, übersteigt die Menge an Metall, die tatsächlich gefördert und geliefert wird, um ein Vielfaches. Die überwiegende Mehrheit der Kontrakte wird vor Fälligkeit glattgestellt und nie physisch erfüllt. Daraus folgt eine Asymmetrie, die man verstanden haben muss:
- Der Preis reagiert auf Positionierung — also darauf, wie viel Kapital gerade gehebelt long oder short steht — deutlich schneller als auf Angebot und Nachfrage nach echtem Metall.
- Eine Margin-Anhebung verändert die physische Knappheit um exakt null Gramm. Sie verändert nur, wie viel Kapital nötig ist, um eine Papierposition zu halten.
- Fallende Notierungen und steigende physische Nachfrage können deshalb gleichzeitig auftreten. In Phasen scharfer Kurskorrekturen steigt die Nachfrage nach Barren und Anlagemünzen erfahrungsgemäß, weil Käufer das tiefere Niveau nutzen.
Ein praktischer Indikator dafür ist der Aufschlag auf den Spotpreis, den Sie beim Kauf von Barren und Münzen zahlen. Bricht der Terminpreis ein, während gleichzeitig die Prägeanstalten ausverkauft sind und die Aufschläge steigen, dann sagt Ihnen der Markt zweierlei: Der Papierpreis fällt, das physische Metall wird knapper. Beides ist kein Widerspruch — es sind zwei verschiedene Märkte, die nur eine gemeinsame Preisnotierung teilen.
Was das für Käufer ohne Hebel bedeutet
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieses Börsenjahres ist zugleich die unspektakulärste: Wer physisches Metall vollständig bezahlt hat, kann keinen Margin Call bekommen. Es gibt keinen Vertragspartner, der Nachschuss verlangen kann, keine Mindestdeckung, keine Frist von 24 Stunden, keine automatische Glattstellung durch einen Broker. Ein Barren im Tresor hat keine Fälligkeit.
Das ist keine Aussage über die künftige Preisentwicklung — die kennt niemand, und Edelmetalle schwanken erheblich. Es ist eine Aussage über die Struktur des Risikos. Eine gehebelte Position kann bei einem Kursrückgang von 18 Prozent vollständig ausgelöscht werden, obwohl der Markt danach wieder steigt. Der Preisverfall des Februars 2026 hat zahllose Terminpositionen vernichtet, während die dahinterliegenden Unzen unverändert existierten und lediglich den Besitzer wechselten.
Daraus lassen sich einige nüchterne Schlüsse ziehen:
- Trennen Sie Preis und Besitz. Der tägliche Kurs ist die Momentaufnahme eines gehebelten Marktes, nicht die Bewertung Ihres Bestands durch die Realwirtschaft.
- Rechnen Sie mit Volatilität statt gegen sie. Silber schwankt strukturell stärker als Gold — ein Blick auf das Gold-Silber-Verhältnis, das derzeit bei knapp 75 liegt, ordnet solche Bewegungen historisch ein.
- Beobachten Sie Aufschläge, nicht nur Spotpreise. Die Differenz zwischen Notierung und tatsächlichem Kaufpreis für Silberbarren oder Goldbarren ist das ehrlichere Signal für physische Marktenge.
- Vermeiden Sie Zeitdruck. Wer nicht verkaufen muss, unterliegt auch keiner Liquidationsmechanik — das ist der praktische Vorteil eines schuldenfrei aufgebauten Bestands.
Für den Einstieg in physisches Silber sind teilbare Standardformate verbreitet, etwa der 1-Kilogramm-Silberbarren verschiedener Hersteller oder der 1-kg-Barren von Umicore. Bei Anlagemünzen zählen der Silber Maple Leaf 2026 und sein Pendant, der Gold Maple Leaf 2026, zu den international geläufigsten Stücken. Welches Format sinnvoll ist, hängt von Anlagehorizont, gewünschter Stückelung und Lagerung ab — nicht von der Tagesnotierung.
Die Lage vor der Fed-Sitzung am 28. Oktober
Neun Monate nach dem Einbruch ist von einer Beruhigung nichts zu sehen. Am 23. Oktober notiert Gold bei rund 4.020 US-Dollar je Unze und hat binnen eines Monats knapp 6 Prozent verloren — damit liegt es sogar leicht unter dem Stand von vor einem Jahr. Silber steht noch stärker unter Druck: Mit rund 54 Dollar notiert es auf dem tiefsten Stand des Jahres und etwa 15 Prozent unter dem Niveau von Ende September. Allein am 22. Oktober gab das Metall im Handelsverlauf mehr als 5,5 Prozent ab. Das Gold-Silber-Verhältnis ist dadurch auf knapp 75 gestiegen.
Der Auslöser ist diesmal nicht die Börse, sondern die Geldpolitik. Am 16. September hatte das Federal Open Market Committee den Leitzins einstimmig um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben — die erste Erhöhung seit 2023. Die Inflationsdaten seither haben den Druck eher verstärkt: Die US-Verbraucherpreise lagen im September um 3,7 Prozent über dem Vorjahr, die Erzeugerpreise sogar um 6,3 Prozent. Dazu kommt der Ölpreis: Die Nordseesorte Brent kletterte zuletzt über 108 Dollar je Barrel. Höhere Energiepreise heben die Inflationserwartungen und die Anleiherenditen — klassischer Gegenwind für Metalle, die keine Zinsen abwerfen. Nach Marktberichten lief der Verkaufsdruck der vergangenen Tage vor allem über den Terminmarkt, nicht über eine schwächere Nachfrage nach Münzen und Barren.
Am 28. Oktober entscheidet die Fed erneut. Mitte Oktober preisten die Zinsterminmärkte laut CNBC nur noch eine Wahrscheinlichkeit von rund 15 Prozent für eine weitere Anhebung ein; eine Erhöhung im Dezember gilt als offen. Notenbankchef Kevin Warsh hat sich ausdrücklich nicht festgelegt und lehnt es grundsätzlich ab, Entscheidungen vorab anzukündigen. Für einen Markt mit Hebel ist genau das heikel: Eine Überraschung träfe auf Positionen, die fest mit einer Pause rechnen.
Unsere Einschätzung: Eine Zahl verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommt. Laut aktueller Margin-Übersicht der CME liegt der Mindesteinschuss für den Silber-Standardkontrakt derzeit bei rund 22.000 Dollar. Bei einem Kurs von 54 Dollar sind das rechnerisch gut 8 Prozent des Kontraktwerts — weniger als die 11 Prozent vor den Anhebungen und weniger als die Hälfte der 18 Prozent vom Februar. Der rechnerische Hebel liegt damit wieder bei rund 12-fach. Die Struktur, die im Februar die Kaskade ausgelöst hat, ist also nicht entschärft, sondern wieder aufgebaut. Und dass Gold bei 3,7 Prozent Inflation fällt, widerlegt seine Schutzfunktion nicht. Es zeigt nur, dass der kurzfristige Preis am Terminmarkt entsteht — und nicht im Tresor.
Woran Sie die nächste Margin-Welle frühzeitig erkennen
Niemand kann Kursbewegungen vorhersagen. Die strukturellen Vorboten einer Liquidationswelle sind jedoch beobachtbar und öffentlich zugänglich:
- Die Margin-Mitteilungen der CME selbst. Die Börse veröffentlicht Änderungen der Sicherheitsleistungen vorab — in der Regel mit Wirkung nach dem nächsten Handelsschluss.
- Steil steigende Notierungen bei gleichzeitig zunehmendem Open Interest. Wenn Preis und Zahl offener Kontrakte parallel nach oben laufen, baut sich Hebel auf.
- Sprunghaft steigende Tagesschwankungen. Volatilität ist die Kenngröße, an der Clearingstellen ihre Risikomodelle ausrichten — sie ist der verlässlichste Frühindikator für eine Anhebung.
- Auseinanderlaufende Aufschläge. Wenn physische Aufschläge steigen, während der Terminpreis fällt, ist die Bewegung überwiegend papiergetrieben.
Wer diese vier Signale im Blick behält, wird von einem Absturz wie dem des 30. Januar nicht weniger hart getroffen — aber er versteht, was er sieht. Und das ist erfahrungsgemäß der entscheidende Unterschied zwischen einer überlegten Entscheidung und einem Verkauf aus Panik.
Häufige Fragen zu Margin Calls bei Gold und Silber
Kann ich als Besitzer physischer Barren einen Margin Call bekommen?
Nein. Eine Einschussforderung setzt eine kreditfinanzierte oder gehebelte Position gegenüber einem Broker oder einer Clearingstelle voraus. Wenn Sie einen Barren oder eine Münze vollständig bezahlt haben und das Metall in Ihrem Eigentum steht, existiert kein Vertragspartner, der eine Nachzahlung verlangen könnte. Anders sieht es bei gehebelten Zertifikaten, CFDs, Futures oder Optionen aus — dort gelten die Regeln des jeweiligen Anbieters.
Warum hebt eine Börse die Margin ausgerechnet dann an, wenn die Kurse fallen?
Die Clearingstelle steht bei jedem Geschäft zwischen Käufer und Verkäufer und garantiert die Erfüllung. Ihr Risiko steigt mit der Schwankungsbreite, nicht mit der Richtung. Wenn ein Markt an einem Tag zweistellig schwankt, reicht der bisherige Puffer rechnerisch nicht mehr aus, um einen Ausfall über Nacht abzudecken. Die Anhebung schützt also das Abwicklungssystem — dass sie kurzfristig zusätzlichen Verkaufsdruck erzeugt, wird dabei in Kauf genommen.
Was bedeutet die Umstellung auf einen Prozentsatz des Kontraktwerts konkret?
Bis zum 13. Januar 2026 legte die CME die Sicherheitsleistung als festen Dollarbetrag je Kontrakt fest. Seither ist es ein Prozentsatz des jeweils aktuellen Kontraktwerts. Der Effekt: Die Margin steigt automatisch mit dem Preis und sinkt automatisch mit ihm. In einer Rally bindet dieselbe Position damit laufend mehr Kapital, ohne dass die Börse einen neuen Beschluss fassen muss.
Bedeutet ein Margin-bedingter Kurssturz, dass die Nachfrage nach Gold und Silber eingebrochen ist?
Nicht zwangsläufig. Eine Margin-Anhebung verändert ausschließlich die Kapitalanforderung für Papierpositionen, nicht die geförderte oder verarbeitete Metallmenge. Ob sich gleichzeitig auch die physische Nachfrage abschwächt, lässt sich nicht am Kurs ablesen, sondern eher an Aufschlägen, Lieferzeiten und Lagerbeständen. Im Februar 2026 fiel der Preis, während die Nachfrage nach Barren und Anlagemünzen nach Branchenbeobachtungen anzog.
Wie hoch war der Hebel an der COMEX vor und nach den Anhebungen?
Bei Gold entsprach eine Margin von 6 Prozent rechnerisch einem rund 17-fachen Hebel; nach der Anhebung auf 9 Prozent waren es noch etwa 11-fach. Bei Silber sank der Hebel von rund 9-fach bei 11 Prozent Margin auf etwa 6-fach bei 18 Prozent. Diese Werte gelten für Konten ohne erhöhtes Risikoprofil; Broker können zusätzlich eigene, strengere Anforderungen stellen.
Warum fiel Silber deutlich stärker als Gold?
Dafür kommen mehrere Gründe zusammen. Der Silbermarkt ist gemessen am gehandelten Wert erheblich kleiner und damit weniger liquide, wodurch dieselbe Verkaufsmenge den Preis stärker bewegt. Zudem war der Margin-Satz bei Silber sowohl vor als auch nach den Anhebungen höher als bei Gold, und er wurde in absoluten Prozentpunkten stärker angehoben — von 11 auf 18 Prozent gegenüber 6 auf 9 Prozent bei Gold. Schließlich war Silber nach dem Anstieg von rund 30 Dollar Anfang 2025 auf über 120 Dollar deutlich stärker von spekulativem Kapital getragen.
Kann sich ein solcher Ablauf wiederholen?
Ja. Der Mechanismus ist fester Bestandteil der Marktarchitektur und keine Ausnahmesituation. Jedes Mal, wenn sich in einem Terminmarkt über längere Zeit Hebel aufbaut und die Schwankungsbreite anschließend sprunghaft zunimmt, sind Anhebungen der Sicherheitsleistungen und daraus folgende Liquidationen wahrscheinlich. Das bekannteste Beispiel ist der Silbermarkt des Jahres 2011: Damals hob die CME die Sicherheitsleistungen nach Marktberichten innerhalb von neun Tagen fünfmal an, was eine vergleichbare Entschuldungswelle auslöste. Auch die Silberkrise von 1980 um die Brüder Hunt endete damit, dass Einschussforderungen nicht mehr bedient werden konnten.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und der Einordnung von Marktmechanismen. Er stellt keine Anlageberatung, Kaufempfehlung oder Prognose künftiger Preisentwicklungen dar. Edelmetallpreise unterliegen erheblichen Schwankungen. Alle genannten Kurse und Margin-Sätze geben den Stand der jeweils angegebenen Zeitpunkte wieder. Quellen unter anderem: CME Group, Reuters, CNBC, Bloomberg, Federal Reserve.
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