155 Jahre Goldmark: Wie die Reichsgoldwährung von 1871 das Silber entthronte und den Silberpreis über Jahrzehnte drückte
Am 4. Dezember 1871 unterzeichnete Kaiser Wilhelm I. ein Gesetz mit nüchternem Titel, das die Geldgeschichte der Welt verändern sollte: das „Gesetz, betreffend die Ausprägung von Reichsgoldmünzen“. Es schuf die Mark, band sie an das Gold und leitete das Ende des Silbers als Geld ein. 155 Jahre später zeigt die Geschichte der Goldmark, wie eine Entscheidung in Berlin eine Kettenreaktion von Paris bis Washington auslöste – und warum der Silberpreis danach über Jahrzehnte unter Druck stand.
Vor 1871: Ein Reich, aber kein gemeinsames Geld
Als im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871 das Deutsche Kaiserreich ausgerufen wurde, war Deutschland politisch geeint – im Geldbeutel aber noch lange nicht. Laut dem Kalenderblatt des Deutschen Bundestags waren in den 25 Bundesstaaten sieben verschiedene Münzsysteme mit 119 Münzsorten im Umlauf. Wer Waren von Königsberg nach Stuttgart verkaufte, rechnete zwangsläufig in mehreren Währungen.
Grob ließ sich das Land in zwei Währungsräume teilen: Im Norden, angeführt von Preußen, rechnete man in Talern und Groschen. Im Süden – in Bayern, Württemberg, Baden und Hessen – galten Gulden und Kreuzer. Beide Systeme hatten eines gemeinsam: Sie beruhten auf Silber. Der Vereinstaler, seit dem Wiener Münzvertrag von 1857 die wichtigste Großsilbermünze im deutschen Raum, enthielt 16,667 Gramm Feinsilber. Silber war das Geld des Alltags, Gold eher die Domäne von Kaufleuten und Banken.
Für Händler, Banken und Bürger bedeutete das Nebeneinander der Systeme:
- ständiges Umrechnen zwischen Talern, Gulden und zahlreichen Landesmünzen,
- Wechselgebühren und Kursverluste bei Geschäften über Landesgrenzen hinweg,
- Unsicherheit über Gewicht und Feingehalt abgegriffener oder fremder Münzen,
- eine Abhängigkeit vom Silberpreis, während der wichtigste Finanzplatz der Welt, London, längst auf Gold setzte.
Großbritannien hatte sich bereits Anfang des 19. Jahrhunderts faktisch für den Goldstandard entschieden. Deutsche Ökonomen wie Adolf Soetbeer und der Bankier und liberale Reichstagsabgeordnete Ludwig Bamberger drängten darauf, dem britischen Vorbild zu folgen. Soetbeer hatte schon 1861 sinngemäß gewarnt: Wer als Erster zur Goldwährung übergehe, opfere weniger als die Zögernden. Dieser Satz sollte sich als ziemlich genaue Prognose erweisen – mit Folgen, die weit über Deutschland hinausreichten.
Das Gesetz vom 4. Dezember 1871: Die Geburt der Mark
Der Reichstag beriet die Münzfrage im Herbst 1871. Am 4. Dezember unterzeichneten Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck das „Gesetz, betreffend die Ausprägung von Reichsgoldmünzen“, am 7. Dezember wurde es im Reichsgesetzblatt verkündet. Bamberger bezeichnete es – so zitiert ihn der Deutsche Bundestag – als „die unvermeidliche Vorbereitung zur gänzlichen Regenerierung unseres deutschen Münzsystems“. Der Gesetzestext selbst ist erstaunlich kurz. Und doch steckt in wenigen Paragraphen die komplette Weichenstellung.
Die Kernpunkte im Gesetzestext
- § 1: Aus einem Pfund Feingold werden 139½ Goldmünzen geprägt – die späteren 10-Mark-Stücke.
- § 2: Der zehnte Teil dieser Münze heißt „Mark“ und wird in 100 Pfennige eingeteilt.
- § 3: Daneben entstehen 20-Mark-Stücke, 69¾ Stück aus einem Pfund Feingold.
- § 4: Die Legierung besteht aus 900 Teilen Gold und 100 Teilen Kupfer.
- § 8: Ein 10-Mark-Stück entspricht 3⅓ Talern beziehungsweise 5 Gulden 50 Kreuzern.
- § 10: Grobe Silbermünzen werden „bis auf Weiteres“ nicht mehr ausgeprägt, Denkmünzen ausgenommen.
- § 11: Der Reichskanzler darf die Einziehung der groben Silbermünzen anordnen.
Die eigentliche Sprengkraft lag in den Paragraphen 10 und 11. Gold wurde zum neuen Fundament, Silber verlor sein Recht auf Prägung – und der Staat behielt sich vor, die vorhandenen Silbermünzen einzusammeln. Das „Pfund“ war dabei das Zollpfund zu 500 Gramm. Daraus ergeben sich die Feingoldgewichte, die bis heute jeder Sammler von Reichsgoldmünzen kennt, etwa vom 20-Mark-Stück mit dem Porträt Wilhelms I.
| Nominal | Stück je Pfund Feingold | Feingold | Raugewicht (900/1000) | Gegenwert laut Gesetz |
|---|---|---|---|---|
| 1 Mark (Rechnungseinheit) | 1.395 | 0,358 g | – | ⅓ Taler |
| 10 Mark | 139½ | 3,584 g | 3,982 g | 3⅓ Taler / 5 Gulden 50 Kreuzer |
| 20 Mark | 69¾ | 7,168 g | 7,965 g | 6⅔ Taler / 11 Gulden 40 Kreuzer |
Warum gerade 0,358 Gramm? Die Rechnung hinter der Mark
Rechenbeispiel
Die neue Mark wurde so gewählt, dass die Umstellung möglichst reibungslos verlief. Der Vereinstaler enthielt 16,667 Gramm Feinsilber. Drei Mark sollten einem Taler entsprechen – also 5,556 Gramm Silber je Mark. Teilt man diesen Wert durch das damals übliche Wertverhältnis von 15,5 zu 1, ergeben sich 0,3584 Gramm Gold. Genau das ist die Mark: 1.000/2.790 Gramm Feingold.
Die Mark war also ein Kompromiss: in Gold definiert, aber am alten Silbertaler geeicht. Ein 30-Mark-Stück, das genau zehn Talern entsprochen hätte, scheiterte laut Bundestag am Widerstand des Südens, der darin einen verkappten Taler fürchtete. Mit dem Verhältnis von 15,5 zu 1 übernahm das Reich zudem genau jene Relation, die Frankreich und die Lateinische Münzunion seit Jahrzehnten stützten. Dass Deutschland gerade dabei war, diese Stütze ins Wanken zu bringen, ahnten 1871 nur wenige.
Französisches Gold und das Münzgesetz von 1873
Woher kam das viele Gold? Die Antwort liegt im Deutsch-Französischen Krieg. Im Frieden von Frankfurt im Mai 1871 musste Frankreich eine Kriegsentschädigung von fünf Milliarden Francs zusagen. Diese Reparationen lieferten, wie der Bundestag festhält, das Gold für die neue Währung. Laut einer Studie des IWF-Ökonomen Johannes Wiegand stellte die Berliner Münze ihre Silberprägung bereits am 3. Juli 1871 ein; kurz darauf begannen umfangreiche Goldkäufe in London.
Die Dimensionen waren gewaltig. Nach den im IWF-Papier zitierten Schätzungen wuchs der Goldbestand im Reich zwischen 1871 und 1874 von rund 300 auf etwa 1.150 Millionen Mark. Der Silberbestand sank im gleichen Zeitraum von rund 1.750 auf etwa 1.500 Millionen Mark – und das war erst der Anfang.
Das Münzgesetz vom 9. Juli 1873
Formell vollendet wurde der Übergang mit dem Münzgesetz vom 9. Juli 1873. Es machte die Mark zur einheitlichen Rechnungseinheit im ganzen Reich und regelte die Einziehung der alten Landesmünzen. Silber gab es weiterhin – aber nur noch als Scheidemünze. Ein silbernes 1-Mark-Stück enthielt 5 Gramm Feinsilber, also weniger als die 5,556 Gramm, die einer Mark nach alter Taler-Rechnung entsprochen hätten. Die Münze war bewusst unterwertig ausgeprägt: Ihr Wert hing am Gesetz, nicht am Metall. Entsprechend eng zog das Gesetz die Grenzen: Laut Artikel 9 war niemand verpflichtet, Reichssilbermünzen im Betrag von mehr als 20 Mark in Zahlung zu nehmen.
Per Verordnung vom 22. September 1875 galt die Reichswährung ab dem 1. Januar 1876 im ganzen Reich. Im selben Jahr nahm die Reichsbank ihre Arbeit auf. Die alten Taler blieben vorerst im Umlauf – ein Detail, das noch wichtig werden sollte. Wer die Scheidemünzen jener Zeit heute in der Hand hält, etwa die Silber-Nominale zu ½, 1 und 3 Mark, hält im Grunde ein Stück Währungspolitik: Silber als Kleingeld, Gold als eigentliches Geld.
„Wohin mit dem Silber?“ – Die Kettenreaktion in Europa
Bamberger selbst hatte das Problem früh benannt. Sinngemäß sagte er 1871, die Schwierigkeit bestehe nie darin, das Gold zu finden, sondern in der Frage: Wohin mit dem Silber? Es gehe darum, 300 oder 400 Millionen in Silber loszuwerden, ohne sie geradewegs ins Wasser zu werfen. So gibt Wiegand die Äußerung in seinem IWF-Arbeitspapier wieder.
Die Antwort war so einfach wie folgenreich: Das Reich zog Taler und Gulden ein, schmolz sie ein und verkaufte das Silber am Markt. Der natürliche Abnehmer war Frankreich. Die Lateinische Münzunion – Frankreich, Belgien, Italien und die Schweiz, ab 1868 auch Griechenland – prägte Gold und Silber zu einem festen Verhältnis von 15,5 zu 1. Zwei silberne 5-Francs-Stücke mit zusammen 45 Gramm Feinsilber waren genauso viel wert wie ein goldenes 10-Francs-Stück mit 2,9032 Gramm Feingold. Solange die Münzstätten jedes angebotene Silber zu diesem Kurs ausprägten, wirkte die Union wie ein Puffer für den Weltmarkt.
Doch der Puffer hielt dem deutschen Silberstrom nicht stand. Laut IWF-Papier beglich Frankreich seine Kriegsentschädigung am 5. September 1873 vollständig – 18 Monate früher als geplant – und begrenzte bereits am folgenden Tag die Silberprägung. Im Januar 1874 zogen die übrigen Staaten der Münzunion nach. Damit stabilisierte niemand mehr das alte Wertverhältnis. Die skandinavischen Länder und die Niederlande wechselten ebenfalls zum Gold. Am 5. November 1878 verlängerte die Lateinische Münzunion ihren Vertrag – und stellte die Prägung silberner 5-Francs-Stücke ein.
Zugleich strömte neues Silber auf den Markt. Mit Funden wie dem Comstock Lode in Nevada stieg der Wert der weltweiten Silberproduktion laut IWF-Papier von 310 Millionen Francs im Jahr 1871 auf 500 Millionen Francs im Jahr 1879. Mehr Angebot traf auf immer weniger Münzstätten, die Silber noch als Geld annahmen. Am 19. Mai 1879 stellte das Reich seine Silberverkäufe ein – wegen des gesunkenen Preises und der Verluste, die beim Verkauf entstanden waren.
Chronik der Silber-Demonetisierung
- 3. Juli 1871 Die Berliner Münze stellt laut IWF-Papier die Silberprägung ein.
- 4. Dezember 1871 Gesetz über die Reichsgoldmünzen: Mark auf Goldbasis, Stopp für grobe Silbermünzen.
- 12. Februar 1873 US-Präsident Ulysses S. Grant unterzeichnet den Coinage Act.
- 9. Juli 1873 Deutsches Münzgesetz: Die Mark wird Rechnungseinheit, Silber nur noch Scheidemünze.
- 6. September 1873 Frankreich begrenzt die Silberprägung, im Januar 1874 folgen die übrigen Staaten der Lateinischen Münzunion.
- 1. Januar 1876 Die Reichswährung gilt im ganzen Kaiserreich.
- 5. November 1878 Die Lateinische Münzunion stellt die Prägung silberner 5-Francs-Stücke ein.
- 19. Mai 1879 Das Reich stoppt seine Silberverkäufe wegen hoher Verluste.
- 30. September 1907 Der Vereinstaler verliert seinen Status als gesetzliches Zahlungsmittel.
Das „Crime of 1873“: Wie Amerika den Silberdollar strich
Auf der anderen Seite des Atlantiks fiel eine ähnliche Entscheidung – leiser, aber mit lautem Nachhall. Am 12. Februar 1873 unterzeichnete Präsident Ulysses S. Grant den Coinage Act, der am 1. April 1873 in Kraft trat. Das Gesetz war ein umfangreiches Regelwerk zur Münzprägung. Was fehlte, fiel vielen erst später auf: der Standard-Silberdollar. Seit 1834 hatten die USA Gold und Silber im Verhältnis von 16 zu 1 geprägt. Mit dem Wegfall des Silberdollars endete die freie Prägung von Silber, und die Vereinigten Staaten standen faktisch auf dem Goldstandard – nicht durch eine offene Grundsatzentscheidung, sondern durch eine Lücke im Gesetz.
Statt des Standarddollars schuf der Kongress den Trade Dollar, eine Silbermünze für den Handel mit Asien, die im Inland nur bis zu einem Betrag von fünf Dollar als gesetzliches Zahlungsmittel galt. Als Silberproduzenten 1876 ihr Metall zur Münze brachten, erfuhren sie, dass dort kein Silber mehr zu Geld geprägt wurde. Der Silberpreis war inzwischen gefallen, die Prägung zum alten Kurs wäre für sie ein gutes Geschäft gewesen. Die Empörung war groß, und die Gegner gaben dem Gesetz einen Namen, der bis heute haften blieb: „Crime of '73“ – das Verbrechen von 1873.
Bland-Allison, Sherman und der Kampf um „free silver“
Die Silberfrage beherrschte die amerikanische Politik für ein Vierteljahrhundert. Der Kongress versuchte mehrfach, dem Silber eine Brücke zu bauen:
- Bland-Allison Act (1878): Das Schatzamt musste monatlich Silber im Wert von zwei bis vier Millionen Dollar kaufen und vermünzen.
- Sherman Silver Purchase Act (1890): Die Ankaufspflicht stieg auf 4,5 Millionen Unzen pro Monat – und wurde 1893 wieder aufgehoben.
- Präsidentschaftswahl 1896: William Jennings Bryan zog mit der Forderung nach „free silver“, der freien Silberprägung, in den Wahlkampf – und verlor.
- Gold Standard Act (1900): Der Goldstandard wurde gesetzlich festgeschrieben.
Fast 120 Jahre später nahm sich ausgerechnet Nobelpreisträger Milton Friedman das Thema vor. In einem Aufsatz im Journal of Political Economy kam er 1990 zu dem Befund, der Standard-Silberdollar sei absichtlich weggelassen worden – in voller Kenntnis der wahrscheinlichen Folgen und in der Überzeugung, dass diese Folgen wünschenswert seien. Für ein Gesetz, dessen Tragweite viele Zeitgenossen erst Jahre später begriffen, ist das ein bemerkenswertes Urteil.
Die Gold-Silber-Ratio: Von 15,5 zu 1 auf über 30 zu 1
Bis Anfang der 1870er-Jahre lag das Wertverhältnis von Gold zu Silber nahe 15,5 zu 1. Frankreich und die Lateinische Münzunion hielten es dort, die USA prägten zu 16 zu 1. Diese Relation war kein Naturgesetz, sondern Ergebnis staatlicher Münzpolitik: Solange große Wirtschaftsräume beide Metalle zu einem festen Kurs ausprägten, verankerten sie den Preis. Mit der Demonetisierung zwischen 1871 und 1878 fiel dieser Anker weg. Silber war fortan ein Rohstoff wie jeder andere – und das Angebot wuchs.
Die Folgen lassen sich an einer einzigen Münze ablesen. Der Vereinstaler blieb im Kaiserreich bis zum 30. September 1907 gesetzliches Zahlungsmittel zum Kurs von drei Mark. Doch um 1905 lag das Wertverhältnis von Silber zu Gold bei etwa 1 zu 34. Der Metallwert eines Talers betrug damit nur noch rund 1,37 Mark – weniger als die Hälfte seines Nennwerts. Deshalb spricht man von einer „hinkenden Goldwährung“: Formal liefen Gold- und Silbermünzen nebeneinander, faktisch stand das Reich auf dem reinen Goldstandard.
Für die Wirtschaft im Goldblock hatte die Umstellung eine Kehrseite. Weil immer mehr Länder ihr Geld an das knappe Gold banden, wurde Geld insgesamt knapper. Laut IWF-Papier folgte eine Phase schwerer Deflation, die als „Große Depression“ von 1873 bis Mitte der 1890er-Jahre in die Geschichte einging. Länder, die beim Silber blieben, erlebten das Gegenteil: Ihre Währungen werteten stark ab. Soetbeers Kalkül ging damit zumindest teilweise auf: Wer früh umstieg, verkaufte sein Silber in einen noch aufnahmefähigen Markt. Wer zögerte, fand kaum noch Abnehmer.
Und heute? Am 20. Oktober 2026 lag die Gold-Silber-Ratio laut goldpreis.de bei knapp 73 zu 1. Für eine Unze Gold erhält man also fast fünfmal so viel Silber wie zu Zeiten des festen Verhältnisses. Im März 2020 stieg die Ratio zeitweise über 120, im Mai 2025 lag sie laut einer Kettner-Analyse bei 99 zu 1. Dauerhaft zum alten Anker zurückgekehrt ist das Verhältnis seit den 1870er-Jahren nie – selbst der Silberrausch von 1980 brachte es nur kurzzeitig in die Nähe der alten Marke. Mehr zur Kennzahl lesen Sie in unserem Beitrag zur Gold-Silber-Ratio.
1914: Als der Staat das Goldversprechen aufkündigte
Die Goldmark hielt, was sie versprach – solange der Staat es wollte. Gemessen an allem, was danach kam, war sie bis 1914 eine bemerkenswert stabile Währung: In den Jahren der Deflation nach 1873 sanken die Preise sogar, erst ab Mitte der 1890er-Jahre zogen sie wieder moderat an. Die Reichsbank gab Banknoten aus, die in Gold eingelöst werden konnten; für mindestens ein Drittel des Notenumlaufs musste sie Barreserven vorhalten. Gesetzliches Zahlungsmittel wurden die Reichsbanknoten allerdings erst zum 1. Januar 1910. Vertrauen in das Papier musste sich der Staat erst erarbeiten.
Dann kam der Krieg. Am 31. Juli 1914, noch vor der Mobilmachung, stellte die Reichsbank die Einlösung ihrer Noten in Gold ein. Am 4. August 1914 folgte das passende Gesetzespaket, darunter eine Änderung des Münzgesetzes. Darlehnskassenscheine kamen als zusätzliches Papiergeld hinzu. Unter dem Motto „Gold gab ich für Eisen“ wurden die Bürger aufgefordert, ihre Goldmünzen und ihren Goldschmuck beim Staat abzuliefern – im Tausch gegen Papiergeld oder eiserne Erinnerungsstücke.
Erst jetzt entstand übrigens der Begriff „Goldmark“: als Abgrenzung zur „Papiermark“, die zwar weiter Mark hieß, aber nicht mehr in Gold eingelöst werden konnte. Was folgte, ist bekannt: Kriegsfinanzierung über die Notenpresse, Inflation und schließlich die Hyperinflation von 1923. Am 15. November 1923 wurde die Rentenmark eingeführt, mit dem Münzgesetz vom 30. August 1924 folgte die Reichsmark.
Die Bilanz ist eindeutig: Wer 1914 seine Goldmünzen gegen Papier eingetauscht und das Papier behalten hatte, besaß neun Jahre später praktisch nichts mehr. Wer sie behalten hatte, besaß weiterhin rund 7,17 Gramm Gold je 20-Mark-Stück. Diese Erfahrung ist der Kern dessen, was Edelmetalle bis heute ausmacht. Ein Goldversprechen auf Papier ist nur so viel wert wie der Wille des Staates, es zu halten. Das Metall in der eigenen Hand braucht diesen Willen nicht.
Unsere Einordnung: Was 155 Jahre Goldmark heute lehren
Die Geschichte der Goldmark wird gern als Erfolgsgeschichte erzählt: Ein junges Reich schafft Ordnung im Münzchaos und bekommt eine harte Währung. Das stimmt – aber es ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte lautet: Über den Wert des Geldes entschieden Parlamente, Kanzler und Präsidenten, nicht die Bürger. Ein Federstrich in Berlin und einer in Washington genügten, um einem Metall, das seit Jahrtausenden als Geld diente, diese Rolle zu nehmen. Die Folgen trugen Sparer, Bauern, Bergleute und ganze Volkswirtschaften über Jahrzehnte.
Kettner-Blick
Die Demonetisierung des Silbers war keine Entscheidung des Marktes, sondern eine politische. Der Markt hat Silber 1873 nicht „abgewählt“ – Staaten haben es per Gesetz aus dem Geldsystem gedrängt. Wer heute über Edelmetalle nachdenkt, sollte diese Lektion ernst nehmen: Die Spielregeln des Geldes schreiben diejenigen, die das Geld ausgeben – und das sind selten die Sparer.
Aus 155 Jahren Goldmark lassen sich aus unserer Sicht vier Lehren ziehen:
- Geldordnungen sind politisch und widerrufbar. 1871 wurde Silber entthront, 1914 das Goldversprechen ausgesetzt, 1971 die Goldbindung des US-Dollars aufgegeben. Keine dieser Entscheidungen wurde den Bürgern zur Abstimmung vorgelegt.
- Ein gesetzlicher Wert schützt nicht vor Entwertung. Ein Taler blieb bis 1907 drei Mark wert – auf dem Papier. Sein Metall war zuletzt nicht einmal die Hälfte davon wert.
- Papierversprechen halten nur so lange, wie der Staat sie halten will. Die Einlösungspflicht der Reichsbank verschwand 1914 praktisch über Nacht. Die Goldmünzen in privater Hand behielten ihren Gehalt.
- Wer früh handelt, trägt geringere Kosten. Soetbeers Kalkül von 1861 gilt sinngemäß bis heute. Dass seit einigen Jahren ausgerechnet Notenbanken zu den größten Goldkäufern zählen, halten wir für ein bemerkenswertes Signal.
Und das Silber? Es hat seine Rolle als Geld nie zurückerhalten. Heute ist es vor allem Industriemetall – in Solarzellen, Elektronik und Medizintechnik – und zugleich ein Wertaufbewahrungsmittel für Anleger, die sich nicht allein auf Gold verlassen wollen. Die Gold-Silber-Ratio von knapp 73 zeigt, wie weit Silber vom alten Verhältnis entfernt ist. Ob und wann sich der Abstand verringert, kann niemand seriös vorhersagen. Die Frage muss aber erlaubt sein, ob ein Preisverhältnis, das seine heutige Gestalt einer politischen Entscheidung von 1873 verdankt, für immer Bestand haben muss.
Auch heute wird an den Spielregeln des Geldes gearbeitet: Der digitale Euro, Bargeldobergrenzen und neue Meldepflichten verändern, wie frei Bürger über ihr Vermögen verfügen können. Die Erfahrungen von 1871, 1873 und 1914 legen nahe, solche Reformen nicht an ihren Versprechen zu messen, sondern an den Möglichkeiten, die sie dem Staat eröffnen. Physisches Gold und Silber sind an kein Konto, keine Bank und keine Einlösungszusage gebunden. Genau das macht sie für viele Anleger zu einem Baustein ihres Vermögensschutzes.
Aktuelle Meldungen zum Silbermarkt
Münzen aus der Zeit der Goldmark
Reichsgoldmünzen zu 10 und 20 Mark sowie silberne Scheidemünzen des Kaiserreichs sind bis heute im Handel erhältlich. Einen ausführlichen Überblick über Jahrgänge, Varianten und Feingewichte bietet unser Ratgeber zu den Kaiserreich-Goldmünzen.
Häufige Fragen zur Goldmark von 1871
Was ist die Goldmark?
Als Goldmark bezeichnet man die Mark des Deutschen Kaiserreichs von 1871 bis 1914. Eine Mark entsprach gesetzlich 0,358 Gramm Feingold (1.000/2.790 Gramm). Der Begriff „Goldmark“ selbst entstand erst nach 1914, um die goldgedeckte Mark von der Papiermark der Kriegs- und Inflationsjahre zu unterscheiden.
Wie viel Gold enthält eine 20-Mark-Goldmünze des Kaiserreichs?
Nach dem Gesetz von 1871 wurden aus einem Pfund (500 Gramm) Feingold 69¾ Zwanzigmarkstücke geprägt. Jede Münze enthält damit rund 7,17 Gramm Feingold bei einem Gesamtgewicht von etwa 7,96 Gramm, denn die Legierung bestand zu 900/1000 aus Gold und zu 100/1000 aus Kupfer. Ein 10-Mark-Stück enthält die Hälfte, rund 3,58 Gramm Feingold.
Warum hat Deutschland 1871 das Silber aufgegeben?
Die Befürworter wollten das Nebeneinander von sieben Münzsystemen und 119 Münzsorten beenden und sich dem goldbasierten Finanzplatz London anschließen. Die französischen Reparationen lieferten das nötige Gold. Nach § 10 des Gesetzes wurden keine groben Silbermünzen mehr ausgeprägt. Seit dem Münzgesetz von 1873 entstanden neue Silbermünzen nur noch als Scheidemünzen; die alten Vereinstaler liefen allerdings bis 1907 weiter.
Was war das „Crime of 1873“?
So nannten Kritiker den US-amerikanischen Coinage Act vom 12. Februar 1873. Er strich den Standard-Silberdollar und beendete damit die freie Prägung von Silber. Die USA standen dadurch faktisch auf dem Goldstandard. Der Ökonom Milton Friedman kam 1990 zu dem Schluss, der Silberdollar sei absichtlich und in voller Kenntnis der wahrscheinlichen Folgen gestrichen worden.
Was bedeutet „hinkende Goldwährung“?
Der Begriff beschreibt die Lage im Kaiserreich bis 1907: Neben den Goldmünzen blieben die alten Vereinstaler als gesetzliches Zahlungsmittel zu drei Mark im Umlauf, obwohl ihr Silbergehalt um 1905 nur noch rund 1,37 Mark wert war. Formal liefen zwei Metalle nebeneinander, faktisch galt der Goldstandard. Am 30. September 1907 verlor der Taler seinen Status als gesetzliches Zahlungsmittel.
Wann endete die Goldmark?
Am 31. Juli 1914 stellte die Reichsbank die Einlösung ihrer Banknoten in Gold ein. Formal blieb die Mark die Währung, doch sie war nun eine Papiermark ohne Einlösungspflicht. Nach der Hyperinflation wurde am 15. November 1923 die Rentenmark eingeführt; mit dem Münzgesetz vom 30. August 1924 folgte die Reichsmark.
Wie hat sich die Gold-Silber-Ratio seit 1871 entwickelt?
Bis Anfang der 1870er-Jahre hielten Frankreich und die Lateinische Münzunion das Verhältnis bei 15,5 zu 1. Nach der Demonetisierung des Silbers stieg es deutlich: Um 1905 lag es bei etwa 34 zu 1. Am 20. Oktober 2026 betrug es laut goldpreis.de knapp 73 zu 1. Dauerhaft zum alten Niveau zurückgekehrt ist es seitdem nie.
Quellen: Gesetz, betreffend die Ausprägung von Reichsgoldmünzen, vom 4. Dezember 1871 (RGBl. 1871, S. 404–406); Münzgesetz vom 9. Juli 1873 (RGBl. 1873, S. 233–240); Deutscher Bundestag, Kalenderblatt zur Einführung der Mark; Johannes Wiegand: „Destabilizing the Global Monetary System“, IMF Working Paper WP/19/32 (2019); Milton Friedman: „The Crime of 1873“, Journal of Political Economy, Bd. 98, Nr. 6 (1990); United States Mint; Wikipedia: Mark (1871), Lateinische Münzunion, Coinage Act of 1873; goldpreis.de (Gold-Silber-Ratio, Stand 20.10.2026).
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