Kettner Edelmetalle
11.02.2026
20:30 Uhr

Trotz WHO-Austritt: USA kehren bei Grippeimpfstoff-Planung an den Verhandlungstisch zurĂŒck

Es ist eine jener Volten der internationalen Politik, die man sich kaum besser ausdenken könnte: Die Vereinigten Staaten, die erst im Januar unter PrĂ€sident Donald Trump offiziell aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgetreten sind, werden nun Ende des Monats an einem WHO-Treffen zur Zusammensetzung kommender Grippeimpfstoffe teilnehmen. Pragmatismus schlĂ€gt Prinzipien – zumindest wenn es um die eigene Bevölkerung geht.

Ein Austritt mit HintertĂŒr

Washington hatte den Austritt aus der UN-Gesundheitsbehörde mit deren angeblichem Versagen beim Management der COVID-19-Pandemie begrĂŒndet. Ein Jahr lang hatte die Trump-Administration gewarnt, gedroht und schließlich vollzogen, was viele Experten als gefĂ€hrlichen Alleingang bezeichneten. Doch nun zeigt sich: Ganz so konsequent ist die Abkehr dann doch nicht. Maria Van Kerkhove, WHO-Direktorin fĂŒr Epidemie- und Pandemievorsorge, bestĂ€tigte auf einer Pressekonferenz, dass die USA an der Sitzung des globalen Influenza-Überwachungs- und Reaktionsnetzwerks teilnehmen werden – einem System von mehr als 150 Laboratorien in 130 LĂ€ndern, das saisonale und zoonotische Grippeviren verfolgt und alle sechs Monate Impfstoffempfehlungen aktualisiert.

Sieben sogenannte Kooperationszentren bilden das RĂŒckgrat dieses Netzwerks, darunter Einrichtungen in den USA, Großbritannien und Australien. Man kann die WHO also verlassen, aber offenbar nicht gĂ€nzlich auf ihre Infrastruktur verzichten. Ein bemerkenswertes EingestĂ€ndnis, das freilich niemand in Washington so nennen wĂŒrde.

Finanzierungsprobleme bremsen globale VirusĂŒberwachung

Van Kerkhove rĂ€umte zudem ein, dass es nach Finanzierungsschwierigkeiten einen „leichten RĂŒckgang" bei der weltweiten Zirkulation von Influenza-Virusproben gegeben habe. Die Lieferungen seien mittlerweile jedoch wieder aufgenommen worden. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um einen Zusammenhang zwischen dem amerikanischen RĂŒckzug aus internationalen Gesundheitsstrukturen und derartigen FinanzierungsengpĂ€ssen zu vermuten. Wenn der grĂ¶ĂŸte Geldgeber den Tisch verlĂ€sst, wird die Rechnung fĂŒr alle anderen teurer.

Ethik-Streit um Hepatitis-B-Studie in Guinea-Bissau

Doch die Grippeimpfstoff-Kooperation war nicht das einzige brisante Thema der Pressekonferenz. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus bezeichnete eine von den USA finanzierte Studie in Guinea-Bissau, die die Auswirkungen von Hepatitis-B-Impfungen auf Neugeborene untersuchen soll, unmissverstĂ€ndlich als unethisch. „Was die Position der WHO betrifft, ist es unethisch, mit dieser Studie fortzufahren", erklĂ€rte Tedros, fĂŒgte jedoch hinzu, dass es letztlich eine innerstaatliche Entscheidung sei.

Die Studie hat erhebliche Kritik auf sich gezogen, und das aus gutem Grund: Einige der beteiligten Neugeborenen wĂŒrden den Impfstoff nicht erhalten – in einem Land mit hohen Hepatitis-B-Raten, wo die Krankheit hĂ€ufig wĂ€hrend der Geburt von der Mutter auf das Kind ĂŒbertragen wird und zu Leberversagen und Krebs fĂŒhren kann. Wissenschaftler weltweit haben sich gegen das Vorhaben ausgesprochen, da der Impfstoff nachweislich sicher sei und Leben rette.

Die fragwĂŒrdige Argumentation der Forscher

Die an der Studie beteiligten Forscher verteidigen ihr Projekt mit dem Argument, der Impfstoff werde in Guinea-Bissau ohnehin nicht bei der Geburt verabreicht, sondern erst im Alter von sechs Wochen. Die Untersuchung sollte mögliche „unspezifische Effekte" des Impfstoffs erforschen, darunter Hauterkrankungen und neurologische Entwicklungsstörungen wie Autismus. Afrikanische Gesundheitsbeamte erklĂ€rten im Januar, die Studie sei nicht abgesagt, werde aber einer weiteren ethischen ÜberprĂŒfung unterzogen.

Man darf sich durchaus fragen, ob es moralisch vertretbar ist, Neugeborenen in einem der Ă€rmsten LĂ€nder der Welt einen lebensrettenden Impfstoff vorzuenthalten, um wissenschaftliche Hypothesen zu testen, die in westlichen LĂ€ndern lĂ€ngst als widerlegt gelten. Die Verbindung zwischen Impfungen und Autismus – einst von einem diskreditierten britischen Arzt in die Welt gesetzt – geistert offenbar weiterhin durch manche ForschungsantrĂ€ge.

Amerikas zwiespÀltiges VerhÀltnis zur Weltgesundheit

Die gleichzeitige Teilnahme an WHO-Impfstofftreffen und die Finanzierung ethisch fragwĂŒrdiger Studien in Afrika zeichnen ein widersprĂŒchliches Bild der amerikanischen Gesundheitspolitik unter Trump. Einerseits erkennt man die Unverzichtbarkeit internationaler Kooperation bei der GrippebekĂ€mpfung an, andererseits untergrĂ€bt man das Vertrauen in multilaterale Institutionen durch den demonstrativen Austritt.

FĂŒr Europa und insbesondere fĂŒr Deutschland sollte dies eine Mahnung sein. Die AbhĂ€ngigkeit von einem einzigen dominanten Akteur in der globalen Gesundheitsarchitektur ist ein Risiko, das sich in Krisenzeiten bitter rĂ€chen kann. Wer heute bei der Grippeimpfstoff-Zusammensetzung kooperiert, kann morgen wieder den Verhandlungstisch verlassen. VerlĂ€sslichkeit sieht anders aus.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Washington und der WHO in den kommenden Monaten entwickeln wird. Die Teilnahme am Influenza-Treffen mag ein pragmatisches Zeichen sein – doch Pragmatismus allein ersetzt keine konsistente Gesundheitspolitik. Die Welt braucht verlĂ€ssliche Partner, keine launischen GroßmĂ€chte, die je nach Tagesform ein- und austreten.

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