
Tödliche Lawine am Ortler: Wenn der Berg zur Falle wird
Die majestĂ€tischen Gipfel SĂŒdtirols haben wieder einmal ihre unbarmherzige Seite gezeigt. FĂŒnf deutsche Bergsteiger fanden am Samstagnachmittag in der eisigen Nordwand der Vertainspitze den Tod â verschlungen von einer Lawine, die sie auf etwa 3.200 Metern Höhe ĂŒberraschte. Ein Drama, das einmal mehr die Frage aufwirft: Wie viele Opfer fordert der moderne Bergtourismus noch?
Das UnglĂŒck im Detail
Kurz vor 16 Uhr riss eine Lawine zwei unabhĂ€ngig voneinander aufsteigende Gruppen deutscher Bergsteiger in den Tod. Die 3.345 Meter hohe Vertainspitze im Ortlergebirge, bekannt fĂŒr ihre spektakulĂ€re Rundsicht, wurde zur tödlichen Falle. Drei Bergsteiger starben sofort, zwei weitere â ein Vater und seine Tochter â galten zunĂ€chst als vermisst, wurden aber spĂ€ter ebenfalls tot aufgefunden.
Was besonders bitter aufstöĂt: Die Lawinengefahr galt an diesem Tag als gering. Olaf Reinstadler von der Bergrettung Sulden vermutet, dass starke Verwehungen und die mangelnde Verbindung zwischen Neuschnee und Untergrund die Katastrophe auslösten. Ein fataler Irrtum der Natur â oder doch menschliche SelbstĂŒberschĂ€tzung?
Die trĂŒgerische Sicherheit der Moderne
Die Nordwand der Vertainspitze gilt unter Alpinisten als "hochalpine Eistour" â nichts fĂŒr SonntagsausflĂŒgler. Seil, Steigeisen und komplette EisausrĂŒstung seien zwingend erforderlich, heiĂt es in Fachkreisen. Doch reicht das aus? In Zeiten, in denen jeder zweite Hobbybergsteiger glaubt, mit teurer AusrĂŒstung und GPS-Tracker sei er gegen alle Gefahren gewappnet, zeigt die Natur ihre wahre Macht.
Zwei MĂ€nner ĂŒberlebten das UnglĂŒck â ein schwacher Trost angesichts von fĂŒnf Todesopfern. Der Einsatz von Hubschrauber Pelikan 3, mehreren Drohnen sowie KrĂ€ften der Bergwacht, Finanzpolizei und Feuerwehr konnte nur noch die Bergung der Leichen sicherstellen.
SĂŒdtirol: Spielplatz fĂŒr deutsche Bergsteiger?
SĂŒdtirol zĂ€hlt zu den beliebtesten Klettergebieten deutscher Urlauber. Der 3.905 Meter hohe Ortler lockt Jahr fĂŒr Jahr Tausende in die Region. Doch mit welchem Recht nehmen wir uns die Freiheit, jeden noch so gefĂ€hrlichen Gipfel zu "erobern"? WĂ€hrend unsere Vorfahren aus Notwendigkeit in die Berge stiegen, treibt uns heute oft nur noch die Sucht nach dem perfekten Instagram-Foto oder dem nĂ€chsten Adrenalinkick hinauf.
Die Bergrettung arbeitet professionell und aufopferungsvoll â keine Frage. Doch sollten wir nicht langsam beginnen, unseren Umgang mit der Natur zu ĂŒberdenken? Jedes Jahr sterben Menschen in den Bergen, weil sie ihre eigenen FĂ€higkeiten ĂŒberschĂ€tzen oder die Naturgewalten unterschĂ€tzen.
Ein PlĂ€doyer fĂŒr Demut
FĂŒnf Familien trauern heute um ihre Angehörigen. FĂŒnf Menschen, die vermutlich nur das Abenteuer suchten und den Tod fanden. Es ist an der Zeit, dass wir unsere Hybris ablegen und der Natur wieder mit dem nötigen Respekt begegnen. Nicht jeder Gipfel muss bezwungen, nicht jede Nordwand durchstiegen werden.
In einer Zeit, in der unsere Gesellschaft ohnehin genug Herausforderungen zu bewĂ€ltigen hat â von der gescheiterten Energiewende bis zur ausufernden KriminalitĂ€t in unseren StĂ€dten â sollten wir vielleicht unsere PrioritĂ€ten ĂŒberdenken. Statt immer höher, schneller und extremer zu streben, tĂ€te uns allen etwas mehr Bodenhaftung gut. Die Berge werden es uns danken â und vielleicht bewahrt es das eine oder andere Leben.
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