Kettner Edelmetalle
19.01.2026
17:25 Uhr

Steuersenkung in der Gastronomie: Wer profitiert wirklich vom Mehrwertsteuer-Rabatt?

Steuersenkung in der Gastronomie: Wer profitiert wirklich vom Mehrwertsteuer-Rabatt?

Seit Januar gilt fĂŒr Speisen, die vor Ort in Restaurants verzehrt werden, nur noch der ermĂ€ĂŸigte Mehrwertsteuersatz von sieben statt 19 Prozent. Was auf den ersten Blick wie ein ĂŒppiges Geschenk an die gebeutelte Gastronomie-Branche wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als weitaus komplexer. Kritiker sprechen bereits von einer „Schnitzelsubvention" und werfen den Wirten vor, sich die Taschen vollzumachen. Doch stimmt das wirklich?

Die RealitÀt hinter den Kulissen der Gastronomie

WĂ€hrend einige Betriebe wie das MĂŒnchner Giesinger BrĂ€u die Steuersenkung tatsĂ€chlich an ihre GĂ€ste weitergeben – der Bachsaibling kostet dort nun zwei Euro weniger, das Wiener Schnitzel einen Euro –, halten die meisten Gastronomen ihre Preise stabil. Die Pizza- und Pastakette L'Osteria etwa hat bewusst keine Preissenkungen vorgenommen. Finanzchef JĂŒrgen Wallmann erklĂ€rt dies mit einer nĂŒchternen betriebswirtschaftlichen Analyse: Eine pauschale Preissenkung sei schlicht nicht seriös darstellbar, ohne an der Substanz und QualitĂ€t zu rĂŒtteln.

Der Deutsche Hotel- und GaststĂ€ttenverband Dehoga bringt es auf den Punkt: „Preissenkungen sind nicht eine Frage des Wollens, sondern des Könnens." Diese Aussage von PrĂ€sident Guido Zöllick verdeutlicht das Dilemma einer Branche, die sich seit sechs Jahren im permanenten Krisenmodus befindet.

Sechs Jahre Dauerkrise haben tiefe Spuren hinterlassen

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Im Oktober 2025 lagen die realen UmsĂ€tze der Gastronomie noch immer 20 Prozent unter dem Niveau von Oktober 2019 – also vor der Corona-Pandemie. Kaum eine andere Branche wurde von den Lockdowns und Restriktionen derart hart getroffen. Die zwischenzeitliche Absenkung der Mehrwertsteuer von Mitte 2020 bis Ende 2023 war lediglich ein Pflaster auf einer klaffenden Wunde.

Die RĂŒckkehr zum vollen Steuersatz Anfang 2024 fiel dann ausgerechnet mit der allgemeinen Inflationswelle zusammen. Das Ergebnis: Die Preise in der Gastronomie explodierten regelrecht. Eine Hauptspeise kostete im Dezember 2025 satte 35,4 Prozent mehr als noch im Januar 2020. Bei Fast Food lag der Anstieg sogar bei 38,9 Prozent. Zum Vergleich: Der allgemeine Verbraucherpreisindex stieg im selben Zeitraum „nur" um 22,7 Prozent.

Die Deutschen bleiben zu Hause

Diese Preisexplosion hat Folgen. Die Zahl der Restaurantbesuche ist seit 2019 um etwa 13 Prozent eingebrochen – von 12,4 Milliarden auf deutlich weniger. McDonald's-Deutschlandchef Mario Federico formulierte es bereits 2024 drastisch: „Viele Deutsche gehen ĂŒberhaupt nicht mehr essen." Eine bittere Erkenntnis fĂŒr eine Branche, die vom Zuspruch ihrer GĂ€ste lebt.

Warum der Steuerrabatt nicht einfach weitergegeben werden kann

Rein rechnerisch steigt der Nettoerlös fĂŒr jedes Gericht bei stabilem Preis um 11,2 Prozent. Doch diese Zahl tĂ€uscht ĂŒber die tatsĂ€chlichen VerhĂ€ltnisse hinweg. GetrĂ€nke profitieren nĂ€mlich ĂŒberhaupt nicht vom Steuerrabatt – hier bleibt die Mehrwertsteuer unverĂ€ndert bei 19 Prozent. Klassische Restaurants erwirtschaften jedoch rund 40 Prozent ihres Umsatzes mit GetrĂ€nken.

Noch gravierender ist die Situation bei Fast-Food-Ketten: Etwa 60 Prozent ihres GeschĂ€fts entfallen auf Liefer- und Mitnahmeessen, fĂŒr das ohnehin schon immer der ermĂ€ĂŸigte Steuersatz galt. Bei McDonald's Deutschland liegt der Anteil des Vor-Ort-Verzehrs aktuell bei gerade einmal 40 Prozent. Unterm Strich bringt der Steuerrabatt den Schnellrestaurants daher nur eine Entlastung von etwa 2,5 Prozentpunkten bei der Marge – und dieser bescheidene Gewinn kommt primĂ€r den lokalen Franchisenehmern zugute, nicht den Konzernzentralen.

Der Mindestlohn als grĂ¶ĂŸter Kostentreiber

Was die Steuersenkung auf der einen Seite gibt, nimmt die Politik auf der anderen Seite wieder. Der gesetzliche Mindestlohn stieg zum Jahreswechsel erneut – um 1,08 Euro auf 13,90 Euro pro Stunde. Anfang 2027 wird er auf 14,60 Euro angehoben. Zwischen 2022 und Anfang 2027 erhöht sich der Mindestlohn damit um atemberaubende 48,7 Prozent.

FĂŒr die Gastronomie ist dies besonders schmerzhaft, denn in kaum einer anderen Branche arbeiten so viele NiedriglohnempfĂ€nger. Erstmals gab es im Gastgewerbe im Juni 2024 sogar mehr geringfĂŒgig BeschĂ€ftigte als sozialversicherungspflichtig Angestellte. Der MĂŒnchner Gastronom Michael KĂ€fer bringt das Problem auf den Punkt: „Beim Mindestlohn bleibt es ja nicht. Als Wirt muss ich das ganze GehaltsgefĂŒge nach oben anpassen. Sonst verdient unser Koch plötzlich genauso viel wie unsere KĂŒchenhilfe."

Die Personalkosten in klassischen Restaurants liegen laut Dehoga inzwischen bei mehr als 40 Prozent des Umsatzes. Vor der Pandemie waren es bei vielen Betrieben noch etwa 30 Prozent. Hinzu kommen gestiegene Energiekosten seit dem Ukrainekrieg und teurere Lebensmittel – beschleunigt durch Missernten infolge des Klimawandels. Zucker und Backwaren verteuerten sich 2025 um 14 Prozent, Fleisch um 7,4 Prozent.

Preissenkungen bringen kaum mehr GĂ€ste

Selbst wenn Gastronomen die Preise senken wĂŒrden – die erhoffte Wirkung bliebe wohl aus. Marktforscher Jochen Pinsker von Circana formuliert es nĂŒchtern: „Wenn das Schnitzel nun 16 statt 18 Euro kostet, kommt kaum ein Gast mehr." Eine Umfrage seines Instituts im Herbst bestĂ€tigte diese EinschĂ€tzung: Zwei Drittel der Verbraucher wĂŒrden auch bei Preissenkungen nicht hĂ€ufiger essen gehen.

Ohnehin rechnen lediglich 13 Prozent der Deutschen ĂŒberhaupt mit sinkenden Preisen durch den Mehrwertsteuerrabatt. Die Skepsis der Bevölkerung ist also groß – und offenbar berechtigt.

GĂŒnstige Einstiegsgerichte statt flĂ€chendeckender Rabatte

Statt die Preise pauschal zu senken, setzen viele Gastronomen auf gezielte Aktionen und gĂŒnstige Einsteigergerichte. L'Osteria etwa bietet vier italienische Klassiker fĂŒr je 9,95 Euro an. McDonald's hatte bereits 2023 McSmart-SparmenĂŒs eingefĂŒhrt. Die Strategie: Preissensible GĂ€ste mit Lockangeboten zurĂŒckgewinnen, ohne die Margen insgesamt zu gefĂ€hrden.

Ein notwendiges Übel fĂŒr das Überleben der Branche

Die Kritik von Verbraucherorganisationen wie Foodwatch an der vermeintlichen „Schnitzelsubvention" greift zu kurz. Der Fiskus verzichtet zwar in den nĂ€chsten zehn Jahren auf geschĂ€tzte 38 Milliarden Euro – doch diese Entlastung ist fĂŒr viele Betriebe schlicht ĂŒberlebensnotwendig. „Die niedrigere Mehrwertsteuer ist entscheidend fĂŒr das Überleben vieler Bedienrestaurants", betont Branchenexperte Pinsker.

Eine Stabilisierung der Preise sei schon ein guter Effekt der Steuersenkung. „Sonst mĂŒssten die Gastronomen in diesem Jahr die Preise wieder zwischen drei und acht Prozent erhöhen", so Pinsker. Die Alternative wĂ€re ein weiteres Massensterben in einer Branche, die ohnehin schon am Limit operiert.

Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte: Die Gastronomen bereichern sich nicht am Steuerrabatt – sie kĂ€mpfen vielmehr ums nackte Überleben. Dass die Politik mit der einen Hand gibt und mit der anderen nimmt, ist dabei ein typisch deutsches PhĂ€nomen, das die BĂŒrger und Unternehmer gleichermaßen frustriert.

Wissenswertes zum Thema