
Sri Lanka zwischen den Fronten: Inselstaat verweigert US-Kampfjets die Landung
WĂ€hrend sich die Welt im Schatten des eskalierenden Iran-Konflikts neu sortiert, hat ein kleiner Inselstaat im Indischen Ozean eine bemerkenswerte Entscheidung getroffen. Sri Lanka hat den Vereinigten Staaten die Landegenehmigung fĂŒr zwei mit Schiffsabwehrraketen bestĂŒckte Kampfflugzeuge verweigert â und damit ein geopolitisches Signal gesendet, das weit ĂŒber die Grenzen des sĂŒdasiatischen Landes hinausreicht.
NeutralitĂ€t als Ăberlebensstrategie
Sri Lankas PrĂ€sident Anura Kumara Dissanayake bestĂ€tigte vor dem Parlament in Colombo, dass Washington am 26. Februar um Erlaubnis gebeten habe, zwei Kampfflugzeuge mit insgesamt acht Schiffsabwehrraketen auf dem zivilen Flughafen Mattala im SĂŒden des Landes zu stationieren. Die Maschinen hĂ€tten von der US-Basis in Dschibuti kommen sollen. Pikantes Detail: Die Anfrage erfolgte nur zwei Tage bevor die USA und Israel am 28. Februar ihren Krieg gegen den Iran begannen. Man muss kein Stratege sein, um zu erkennen, welchem Zweck diese âParkgelegenheit" â wie es Sri Lankas AuĂenminister Vijitha Herath mit feiner Ironie formulierte â wohl gedient hĂ€tte.
Doch damit nicht genug. Am selben Tag, dem 26. Februar, bat auch der Iran um Erlaubnis, drei Kriegsschiffe zu einem sogenannten Freundschaftsbesuch nach Sri Lanka zu entsenden. Auch diese Anfrage lehnte Colombo ab. Dissanayakes BegrĂŒndung vor den Abgeordneten war so schlicht wie einleuchtend: HĂ€tte man dem Iran zugestimmt, hĂ€tte man auch den USA zustimmen mĂŒssen â und umgekehrt. Eine salomonische Entscheidung, die in ihrer Konsequenz beeindruckt.
Torpedierung vor der eigenen HaustĂŒr
Wie brisant die Lage fĂŒr Sri Lanka tatsĂ€chlich ist, zeigte sich nur wenige Tage spĂ€ter auf dramatische Weise. Am 4. MĂ€rz torpedierte die US-Marine die iranische Fregatte âIris Dena" vor der srilankischen Hafenstadt Galle. 84 iranische Seeleute kamen bei dem Angriff ums Leben, 32 wurden von der srilankischen Marine gerettet. Ein zweites iranisches Kriegsschiff, die âIris Bushehr", musste wegen technischer Probleme ebenfalls in srilankische GewĂ€sser einlaufen. Derzeit beherbergt Sri Lanka rund 204 iranische Seeleute in einer Marineeinrichtung nahe Colombo.
Der Krieg klopft also buchstĂ€blich an Sri Lankas KĂŒste an. Ein ehemaliger AuĂenamtssekretĂ€r des Landes brachte es auf den Punkt: Die logistische Zusammenarbeit zwischen den USA und Sri Lanka sei grundsĂ€tzlich nichts Ungewöhnliches â US-Flugzeuge hĂ€tten in der Vergangenheit mehrfach srilankische FlughĂ€fen genutzt. âAber nicht, wenn ein Krieg im Gange ist", so seine nĂŒchterne Feststellung.
Wirtschaftliche AbhÀngigkeiten als Damoklesschwert
Sri Lankas Balanceakt auf dem geopolitischen Drahtseil wird durch die wirtschaftlichen RealitĂ€ten noch prekĂ€rer. Die USA sind der gröĂte Exportmarkt des Landes, insbesondere fĂŒr Textilien. Der Iran wiederum zĂ€hlt zu den wichtigsten Abnehmern srilankischen Tees. Sich auf eine Seite zu schlagen, könnte fĂŒr den Inselstaat, der sich noch immer von der verheerenden Finanzkrise des Jahres 2022 erholt, wirtschaftlich katastrophale Folgen haben.
Dass Dissanayakes ErklĂ€rung nur einen Tag nach einem Treffen mit dem US-Sondergesandten fĂŒr SĂŒd- und Zentralasien erfolgte, dĂŒrfte kein Zufall sein. Washington sei âĂŒberrascht, aber nicht verĂ€rgert" gewesen, lieĂ Sri Lankas AuĂenminister verlauten. Die Beziehungen beider LĂ€nder seien weiterhin gut. Ob diese diplomatische Höflichkeitsfloskel der RealitĂ€t standhĂ€lt, wird sich zeigen.
Ein LehrstĂŒck fĂŒr Europa?
Was Sri Lanka hier vorfĂŒhrt, könnte man durchaus als LehrstĂŒck fĂŒr europĂ€ische Nationen betrachten â auch und gerade fĂŒr Deutschland. Ein kleines, wirtschaftlich angeschlagenes Land wagt es, sowohl den USA als auch dem Iran die Stirn zu bieten, und beruft sich dabei auf seine NeutralitĂ€t. WĂ€hrend die EU â und mit ihr die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz â noch immer keine klare Linie zum Iran-Krieg findet und zwischen Trump-Druck und internen Blockaden laviert, zeigt Colombo, dass souverĂ€ne AuĂenpolitik auch ohne militĂ€rische GroĂmachtstellung möglich ist.
Die Auswirkungen des Nahostkonflikts verschĂ€rfen derweil die ohnehin angespannte Versorgungslage in Sri Lanka zusĂ€tzlich. Steigende Energiepreise, unterbrochene Handelsrouten und die allgemeine Unsicherheit in der Region treffen ein Land, das gerade erst begonnen hatte, sich von seinem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu erholen. Die Frage ist nicht, ob Sri Lanka seinen NeutralitĂ€tskurs durchhalten kann â sondern wie lange.
Eines steht fest: In einer Welt, in der GroĂmĂ€chte zunehmend rĂŒcksichtslos ihre Interessen durchsetzen und dabei auch vor der Torpedierung fremder Kriegsschiffe in neutralen GewĂ€ssern nicht zurĂŒckschrecken, wird es fĂŒr kleine Staaten immer schwieriger, sich aus den Konflikten der MĂ€chtigen herauszuhalten. Sri Lanka hat vorerst seine Wahl getroffen. Ob diese Wahl respektiert wird, steht auf einem anderen Blatt.
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