
Skandal bei der WM 2026: Wenn ein Präsident die Spielregeln umschreibt

Es gibt Momente im Sport, in denen die Grenze zwischen Fußball und Machtpolitik nicht nur verwischt, sondern regelrecht mit Füßen getreten wird. Genau ein solcher Moment ereignete sich in Seattle, als die USA im Achtelfinale der Weltmeisterschaft mit 4:1 gegen Belgien untergingen. Doch das eigentliche Erdbeben fand nicht auf dem Rasen statt, sondern in den Hinterzimmern der FIFA – und im Weißen Haus.
Ein Anruf, der die Fußballwelt erschütterte
Was war geschehen? US-Stürmer Folarin Balogun hatte im vorangegangenen Spiel gegen Bosnien und Herzegowina eine Rote Karte gesehen, nachdem er nach Videobeweis auf dem Knöchel eines Gegenspielers gelandet war. Die Folge: eine automatische Sperre für ein Spiel – so, wie es die Regeln seit über sechs Jahrzehnten Weltmeisterschaftsgeschichte unmissverständlich vorsehen.
Doch dann griff einer zum Telefon, der es gewohnt ist, dass sich Türen öffnen, wenn er anklopft: Donald Trump. Der US-Präsident kontaktierte FIFA-Chef Gianni Infantino persönlich und bat ihn, die Rote Karte zu überprüfen. Seine bemerkenswerte Begründung lieferte er später gleich selbst nach:
"Ich habe um eine Überprüfung gebeten, weil ich es nicht für ein Foul hielt. Ich wusste nicht einmal, was zum Teufel eine Rote Karte ist."
Man lasse sich diesen Satz auf der Zunge zergehen. Ein Mann, der nach eigenem Bekunden nicht weiß, was eine Rote Karte bedeutet, kippt mit einem einzigen Anruf eine jahrzehntealte Sportregel. Und die FIFA? Sie knickte ein.
FIFA bricht mit sechzig Jahren Tradition
Zum ersten Mal seit mehr als sechzig Jahren Weltmeisterschaftsgeschichte setzte die FIFA eine automatische Sperre aus. Man berief sich auf Artikel 27 des Disziplinarreglements, wonach ein Sportgremium die Vollstreckung einer Disziplinarmaßnahme "ganz oder teilweise aussetzen" könne. Balogun durfte spielen. Dass die USA das Spiel dennoch krachend verloren, entbehrt nicht einer gewissen bitteren Ironie.
Pikant ist der Zusammenhang zwischen Infantino und Trump: Die FIFA verlieh dem Präsidenten im vergangenen Jahr ihren erstmalig ausgelobten Friedenspreis. Und Trumps Finanzoffenlegung für 2025 enthüllte, dass Infantino ihm zehn Tickets im Wert von 15.000 Dollar für das Finale der Klub-WM zukommen ließ. Man kennt sich, man schätzt sich – und offenbar biegt man sich die Regeln zurecht, wenn es opportun erscheint.
Der Aufschrei aus Europa
Der belgische Fußballverband zeigte sich fassungslos und sprach von einem klaren Widerspruch zu den Wettbewerbsregeln. Man habe bis heute keinerlei Begründung für die Entscheidung erhalten – ein Verstoß gegen die FIFA-Statuten, wie die Belgier betonten. Noch deutlicher wurde die europäische Fußball-Union UEFA, die der FIFA vorwarf, eine "rote Linie überschritten" zu haben. Die Entscheidung sei "beispiellos, unbegreiflich und nicht zu rechtfertigen".
"Wenn die Verlässlichkeit der Regeln von ihren Hütern nicht mehr garantiert wird, steht die Integrität des Spiels auf dem Spiel und die Glaubwürdigkeit eines Wettbewerbs wird untergraben."
Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack
Der Fall wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wozu Regeln, wenn ein einziger einflussreicher Anruf genügt, um sie außer Kraft zu setzen? Der Sport lebt davon, dass überall dieselben Gesetze gelten – vom Bolzplatz bis zum WM-Finale. Genau diese Gleichheit wurde in Seattle mit einem Federstrich beschädigt. Die UEFA warnt zu Recht vor einem Präzedenzfall, der den gesamten Turnierverlauf infizieren könnte.
Am Ende steht die USA trotz aller politischen Manöver ohne Weiterkommen da – ebenso wie die Mitausrichter Kanada und Mexiko. Der Fußball hat gewonnen, könnte man sagen. Doch die Wunde, die diesem Turnier geschlagen wurde, wird bleiben. Denn wenn Macht wichtiger wird als Regeln, verliert am Ende jeder, der an die Fairness des Spiels geglaubt hat.










