
Schweigen aus Angst: 59 Prozent halten ihre Meinung zurück

Eine neue Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Insa liefert ein bedrückendes Stimmungsbild: 59 Prozent der Deutschen haben schon einmal ihre Meinung verschwiegen – aus Rücksicht auf andere oder um sich keine Nachteile einzubrocken. Nur 29 Prozent verneinten das. Die Zahlen wurden am 18. August 2026 veröffentlicht.
Ein Land redet um sich selbst herum
Es geht hier nicht um Höflichkeit am Kaffeetisch. Es geht um die Frage, ob Bürger in einem freien Land offen sagen können, was sie denken – im Betrieb, im Verein, in der Familie. Fast zwei Drittel antworten darauf: lieber nicht.
Der Befund passt in eine längere Entwicklung. Das Institut für Demoskopie Allensbach erhebt seit 1953, ob die Deutschen glauben, ihre politische Meinung frei äußern zu können. Medienberichten zufolge sank dieser Wert in den vergangenen Jahren auf Größenordnungen um 40 bis 46 Prozent – historische Tiefstände, die in den Jahrzehnten der alten Bundesrepublik regelmäßig deutlich höher lagen.
Wenn die Anzeige sinnlos erscheint
Noch alarmierender ist ein zweiter Befund der Insa-Umfrage: 30 Prozent der Befragten haben ein Verbrechen, das ihnen widerfahren ist, gar nicht erst zur Anzeige gebracht – weil sie sich davon keinen Erfolg versprachen. 56 Prozent hatten diese Erfahrung nicht.
Fast jeder Dritte hält den Gang zur Polizei also für vergeblich. Kriminologen nennen das Dunkelfeld – die Taten, die in keiner Statistik auftauchen. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Polizeiliche Kriminalstatistik ohnehin Rekordwerte bei der erfassten Kriminalität und einen deutlichen Anstieg bei Messerangriffen ausweist.
Aus Sicht unserer Redaktion ist dieser Vertrauensverlust kein Zufall, sondern die Rechnung für Jahre, in denen Justiz und Polizei unterausgestattet blieben, während politische Debatten um Symbolthemen kreisten. Für viele Bürger ist es die schlichte Erkenntnis: Der Staat schützt sie nicht mehr zuverlässig.
Altersarmut: 41 Prozent sehen sich nicht abgesichert
Auch beim Geld herrscht Unbehagen. 41 Prozent geben an, nicht genug vorgesorgt zu haben, um Altersarmut zu entgehen, 35 Prozent halten ihre Absicherung für ausreichend. Am häufigsten sehen sich laut der Erhebung Anhänger der Grünen (51 Prozent), der Union (49 Prozent) und der FDP (46 Prozent) ausreichend vorbereitet. Unter Unterstützern der Linkspartei, des BSW und der AfD ist der Anteil derjenigen, die sich nicht genügend abgesichert sehen, den Angaben zufolge am höchsten.
Kein Wunder: Inflation, kalte Progression und ein Rentensystem, das von immer weniger Beitragszahlern immer mehr Versprechen tragen muss, fressen die Rücklagen der Mittelschicht. Wer da noch auf staatliche Fürsorge hofft, plant riskant.
Sonntagsfrage: AfD vorn, FDP wieder im Spiel
Politisch bleibt das Bild angespannt. In der aktuellen Insa-Sonntagsfrage liegt die AfD bei 28,5 Prozent, CDU/CSU bei 20,5 Prozent, die Grünen bei 13 Prozent. Linkspartei und SPD stehen bei je zwölf Prozent – die Linke legt zu, die SPD verliert. Die FDP klettert auf fünf Prozent und wäre damit wieder im Bundestag, das BSW verharrt bei drei Prozent.
35,5 Prozent können sich vorstellen, die AfD zu wählen; das Potential der SPD liegt bei 34, das der Union bei 33,5 und das der Grünen bei 30 Prozent.
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