
Schattenflotte vor Europas Küsten: Russische „Sicherheitsagenten" an Bord chinesisch geführter Öltanker
Was sich derzeit vor den Küsten Europas abspielt, liest sich wie ein Spionageroman – ist aber bittere Realität. In Brest, im Nordwesten Frankreichs, wurde am Montag der Fall des chinesischen Kapitäns Zhangjie Chen verhandelt, der das unter Verdacht stehende Schattenflotten-Schiff „Boracay" kommandierte. Die Details, die dabei ans Licht kamen, werfen ein grelles Schlaglicht auf das perfide Netzwerk, mit dem Russland seine Ölexporte trotz westlicher Sanktionen aufrechterhält.
Russisches Öl im Wert von 100 Millionen Dollar – ohne Flagge unterwegs
Die „Boracay" wurde im vergangenen September von französischen Spezialkräften in internationalen Gewässern vor der Küste von Saint-Nazaire geentert. Das Schiff fuhr ohne Flagge – ein klarer Verstoß gegen internationales Seerecht. An Bord: rund 100 Millionen Dollar an russischem Rohöl, geladen im baltischen Hafen Primorsk. Der 39-jährige Kapitän Chen, der dem Prozess nicht persönlich beiwohnte und sich durch seinen Anwalt vertreten ließ, steht wegen Missachtung von Anordnungen der Strafverfolgungsbehörden vor Gericht.
Besonders brisant: Zwei Männer mit russischen Pässen befanden sich an Bord. Chen erklärte laut verlesener Aussagen, diese seien „auf Wunsch der Reederei" als „Sicherheitsagenten" an Bord gewesen. Er habe nicht gewusst, was genau sie auf dem Schiff taten. Die beiden Männer sollen für die Moran Security Group gearbeitet haben – eine russische private Sicherheitsfirma. Einer von ihnen soll zuvor sogar für die berüchtigte Wagner-Gruppe tätig gewesen sein.
Drohnen über Dänemark – hybride Kriegsführung?
Der Fall gewinnt eine zusätzliche geopolitische Dimension durch einen Vorfall in Dänemark. Als die „Boracay" vor der dänischen Küste kreuzte, wurden Drohnen in der Nähe mehrerer Flughäfen des Landes gesichtet. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sprach von einem „hybriden Angriff" und vermutete, das Schiff könnte als Startrampe gedient haben. Direkte Beweise dafür wurden bei den anschließenden Untersuchungen allerdings nicht gefunden, wie ein französischer Diplomat einräumte. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Dass Russland hybride Kriegsführung als festen Bestandteil seiner Strategie betrachtet, dürfte mittlerweile niemanden mehr überraschen.
Die dreiste Flaggen-Lüge
Fast schon komödiantisch mutet die Erklärung des Kapitäns an, warum sein Schiff keine Flagge führte. Gegenüber der französischen Marine behauptete Chen zunächst, unter der Flagge Benins zu fahren – er habe sie nur nicht gehisst, „weil es regnete". Die beninischen Behörden stellten jedoch klar, dass das Schiff bei ihnen gar nicht registriert sei. Laut den französischen Ermittlungen war die „Boracay" das einzige Schiff ihrer in Hongkong registrierten Reederei. Ein Briefkastenkonstrukt, wie es im Buche steht.
Die Staatsanwaltschaft forderte eine einjährige Haftstrafe, eine Geldbuße von 150.000 Euro – die Höchststrafe für das betreffende Vergehen – sowie einen internationalen Haftbefehl gegen Chen. Sein Anwalt Henri de Richemont argumentierte dagegen, sein Mandant habe den Anweisungen des französischen Fregattenkapitäns Folge geleistet und lediglich die Genehmigung seiner Reederei einholen wollen.
Europas Kampf gegen Putins Schattenflotte
Der Prozess fällt in eine Zeit, in der die EU ihr 20. Sanktionspaket gegen Russland finalisiert. Hunderte Tanker durchkreuzen die Weltmeere, um russisches Öl an den Sanktionen vorbei zu verkaufen – eine Schattenflotte, die Putins Kriegskasse füllt und seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine finanziert. Über 600 Schiffe hat die EU bereits mit Sanktionen belegt. Frankreich, das über eine der längsten Küstenlinien der EU verfügt, setzt Militärfregatten im Atlantik und im Mittelmeer ein, um diese Geisterschiffe aufzuhalten.
Doch wie so oft in der europäischen Politik gibt es einen Bremsklotz: Ungarn blockiert weitergehende Maßnahmen, die über einzelne Schiffe hinausgehen und maritime Dienstleistungen sowie russische Häfen ins Visier nehmen sollen. Frankreichs Präsident Macron forderte am Montag ein „totales Verbot maritimer Dienstleistungen für russische Ölexporte". Ob diese Worte mehr als diplomatische Rhetorik sind, wird sich zeigen müssen.
Deutschland muss endlich aufwachen
Was dieser Fall einmal mehr verdeutlicht: Europa steht einem Gegner gegenüber, der mit allen Mitteln arbeitet – von Briefkastenfirmen in Hongkong über ehemalige Wagner-Söldner als „Sicherheitsagenten" bis hin zu mutmaßlichen Drohnenoperationen über NATO-Territorium. Während Frankreich immerhin Fregatten entsendet und Schiffe beschlagnahmt, fragt man sich unwillkürlich, was Deutschland in dieser Hinsicht unternimmt. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hat zwar eine härtere Gangart gegenüber Russland angekündigt, doch konkrete maritime Maßnahmen zur Bekämpfung der Schattenflotte in Nord- und Ostsee lassen weiter auf sich warten.
Die Schattenflotte ist kein abstraktes Phänomen – sie ist eine direkte Bedrohung für die europäische Sicherheitsarchitektur. Jeder Tanker, der ungehindert russisches Öl transportiert, finanziert Raketen, die auf ukrainische Städte fallen. Und jeder „Sicherheitsagent" mit Wagner-Vergangenheit an Bord eines flaggenlosen Schiffes vor europäischen Küsten sollte uns daran erinnern, dass dieser Krieg längst nicht nur in der Ukraine stattfindet.
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