
Moskaus eiskalte Forderung: Donbass-Kapitulation als Preis fĂŒr den Frieden

WĂ€hrend in Abu Dhabi die ersten direkten GesprĂ€che zwischen der Ukraine, Russland und den USA seit Monaten stattfinden, macht der Kreml unmissverstĂ€ndlich klar, was er als Mindestpreis fĂŒr einen Waffenstillstand betrachtet: Die vollstĂ€ndige Kontrolle ĂŒber die gesamte Donbass-Region. Eine Forderung, die nicht nur bitter klingt, sondern die geopolitische RealitĂ€t in ihrer ganzen HĂ€rte offenbart.
Verhandlungen unter dem Schatten russischer Raketen
Die Ironie könnte kaum gröĂer sein. WĂ€hrend Diplomaten in den klimatisierten KonferenzrĂ€umen der Vereinigten Arabischen Emirate ĂŒber Friedensparameter diskutieren, frieren in Kiew fast 6000 GebĂ€ude bei minus 12 Grad AuĂentemperatur. Ein russischer Angriff in der Nacht hat die WĂ€rmeversorgung lahmgelegt. Mindestens 15 Menschen wurden bei Angriffen auf Kiew und die Region Charkiw verletzt. BĂŒrgermeister Vitali Klitschko warnte seine BĂŒrger eindringlich: âKiew wird vom Feind massiv angegriffen. Verlassen Sie die SchutzrĂ€ume nicht."
Diese Gleichzeitigkeit von Verhandlung und Vernichtung ist kein Zufall. Sie ist Moskaus Verhandlungsstrategie in Reinform. Der Kreml verhandelt nicht trotz der Angriffe â er verhandelt mit ihnen. Jede Rakete, die auf ukrainische StĂ€dte niedergeht, ist ein stummes Argument am Verhandlungstisch.
Kreml-Sprecher Peskow legt die Karten auf den Tisch
Kurz vor Beginn der GesprĂ€che lieĂ Kreml-Sprecher Dmitri Peskow keinen Zweifel an Russlands Position aufkommen. Die ukrainischen StreitkrĂ€fte mĂŒssten sich aus der gesamten Donbass-Region zurĂŒckziehen â auch aus jenen Gebieten, die Kiew noch kontrolliert. Dies sei âeine sehr wichtige Bedingung", betonte Peskow mit der fĂŒr russische Diplomatie typischen UnverblĂŒmtheit. Solange dies nicht geschehe, sei es âsinnlos, auf den Abschluss eines langfristigen Abkommens zu hoffen".
Die Ukraine kontrolliert derzeit noch etwa 20 Prozent der ostukrainischen Donbass-Region. Diese Gebiete kampflos aufzugeben, wĂŒrde nicht nur einen territorialen Verlust bedeuten, sondern auch Millionen ukrainischer BĂŒrger unter russische Herrschaft stellen. Eine Vorstellung, die in Kiew auf entschiedene Ablehnung stöĂt.
Europa: Zuschauer im eigenen Hinterhof
Besonders bemerkenswert ist die Rolle â oder vielmehr die Nicht-Rolle â Europas bei diesen Verhandlungen. Der Vorsitzende des AuswĂ€rtigen Ausschusses im Bundestag, Armin Laschet, brachte es auf den Punkt: âWir selbst reden nicht mit Russland â und deshalb muss man sich nicht wundern, wenn man nicht am Tisch sitzt." Es sei âabsurd", dass FriedensvorschlĂ€ge von europĂ€ischen Regierungen erarbeitet, aber von US-Gesandten nach Moskau ĂŒberbracht wĂŒrden.
Diese Selbstmarginalisierung Europas ist ein Armutszeugnis fĂŒr die europĂ€ische AuĂenpolitik. WĂ€hrend der Kontinent Milliarden in die Ukraine pumpt und die wirtschaftlichen Konsequenzen der Sanktionen trĂ€gt, ĂŒberlĂ€sst er die Verhandlungen ĂŒber das Ende des Konflikts anderen. Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz, kritisierte zudem scharf, dass der âGrönland-Zirkus" in Davos von den eigentlichen Problemen abgelenkt habe.
Selenskyj zwischen Hoffnung und Realismus
Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj gab sich nach dem ersten Verhandlungstag vorsichtig optimistisch. âDas Wichtigste ist, dass Russland bereit ist, diesen Krieg zu beenden, den es begonnen hat", erklĂ€rte er auf Telegram. Gleichzeitig mahnte er zur Geduld: Es sei noch zu frĂŒh, um SchlĂŒsse aus den GesprĂ€chen zu ziehen.
Immerhin konnte Selenskyj einen diplomatischen Erfolg vermelden: Eine Einigung mit US-PrĂ€sident Donald Trump ĂŒber Sicherheitsgarantien. Bundeskanzler Friedrich Merz bestĂ€tigte dies bei einem Besuch in Rom und lobte die enge Abstimmung zwischen der Ukraine, Amerika und den EuropĂ€ern. Die GesprĂ€che in Abu Dhabi seien âunser gemeinsamer Wille und abgesprochen mit den Vereinigten Staaten von Amerika".
Der Wiederaufbau als Verhandlungsmasse
Parallel zu den FriedensgesprĂ€chen arbeiten EU, USA und Ukraine an einem milliardenschweren Aufbauplan. EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen sprach von einer âgemeinsamen Vision" fĂŒr die Zukunft der Ukraine nach dem Krieg. Nach Angaben des ungarischen Regierungschefs Viktor Orban fordert Kiew fĂŒr die ersten zehn Jahre nach einem Waffenstillstand 800 Milliarden US-Dollar â eine astronomische Summe, die zeigt, welches AusmaĂ die Zerstörung angenommen hat.
Russlands Gegenvorschlag, die im Westen eingefrorenen russischen Vermögenswerte fĂŒr den Wiederaufbau russisch kontrollierter Gebiete wie der Region Kursk zu verwenden, bezeichnete Selenskyj als âUnsinn". Die Ukraine werde darum kĂ€mpfen, alle eingefrorenen russischen Gelder fĂŒr den eigenen Wiederaufbau nutzen zu können.
Putins doppeltes Spiel
Trotz der Verhandlungsbereitschaft lieĂ Kreml-Berater Juri Uschakow keinen Zweifel daran, dass Russland seinen Kriegskurs fortsetzen wird. Putin sei zwar âaufrichtig interessiert" an einer diplomatischen Lösung, doch âbis dies erreicht ist, wird Russland weiterhin konsequent die Ziele der speziellen MilitĂ€roperation verfolgen. Dies gilt besonders auf dem Schlachtfeld."
Diese Aussage entlarvt die russische Verhandlungsstrategie: Man spricht von Frieden, wĂ€hrend man Krieg fĂŒhrt. Die GesprĂ€che in Abu Dhabi sind fĂŒr Moskau kein Ersatz fĂŒr militĂ€rische Operationen, sondern deren ErgĂ€nzung. Solange die Ukraine nicht kapituliert, werden die Raketen weiter fliegen.
Ein Blick in die Geschichte
Die Forderung nach dem gesamten Donbass erinnert an historische Muster russischer Expansionspolitik. Bereits bei der Annexion der Krim 2014 nutzte Moskau eine Mischung aus militĂ€rischem Druck und diplomatischer Verschleierung. Die internationale Gemeinschaft reagierte damals mit Sanktionen, die jedoch den weiteren Vormarsch nicht verhinderten. Heute, zehn Jahre spĂ€ter, steht die Welt vor der Frage, ob sie bereit ist, erneut territoriale ZugestĂ€ndnisse zu akzeptieren â oder ob sie den Preis fĂŒr einen echten Frieden zu zahlen bereit ist.
Die Verhandlungen in Abu Dhabi werden am Samstag fortgesetzt. Ob sie zu einem Durchbruch fĂŒhren oder nur ein weiteres Kapitel in diesem blutigen Konflikt darstellen, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch sicher: Der Kreml hat seine Karten auf den Tisch gelegt. Und sie zeigen ein Bild, das fĂŒr die Ukraine wenig Hoffnung verheiĂt.










