Kettner Edelmetalle
05.02.2026
07:12 Uhr

Krankenhausreform: Milliarden fĂŒr ein System, das nicht besser wird?

Die schwarz-rote Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hat sich an die Überarbeitung der Krankenhausreform gewagt – und erntet dafĂŒr harsche Kritik von Wirtschaftsexperten und dem ehemaligen Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Was als notwendige Modernisierung des deutschen Gesundheitswesens gedacht war, droht nun zu einem teuren Rohrkrepierer zu werden, der weder den Patienten noch den Beitragszahlern nĂŒtzt.

Lauterbach warnt vor fatalen Folgen

Der frĂŒhere Gesundheitsminister zeigt sich alarmiert ĂŒber die Entwicklung. Die Reform drohe verwĂ€ssert zu werden, und das wĂ€re nach seinen Worten „fatal". Bis zu neun Milliarden Euro an jĂ€hrlichen Einsparungen könnten durch die Anpassungen verloren gehen. Lauterbach geht sogar noch weiter und wirft der Großen Koalition vor, nicht nur das Geld der Beitragszahler zu riskieren, sondern auch das Leben vieler Patienten. Eine Aussage, die aufhorchen lĂ€sst – selbst wenn man bedenkt, dass Lauterbach naturgemĂ€ĂŸ sein eigenes Reformwerk verteidigt.

Gesundheitsministerin Nina Warken von der CDU hat die Reform nach langem Tauziehen mit den BundeslĂ€ndern im vergangenen Herbst auf den Weg gebracht. Das parlamentarische Verfahren lĂ€uft derzeit. Die ursprĂŒnglichen Ziele klingen durchaus vernĂŒnftig: QualitĂ€tssteigerung und Spezialisierung der KrankenhĂ€user. Jedem Krankenhaus sollen bestimmte Fachgebiete zugewiesen werden, wobei die Kliniken dafĂŒr klare Kriterien erfĂŒllen mĂŒssen – eine gewisse Zahl an FachĂ€rzten, Mindestmengen an Behandlungen und entsprechende technische Ausstattung.

Wirtschaftsforscher schlagen Alarm

Forscher des renommierten Wirtschaftsforschungsinstituts RWI, die bereits Lauterbach bei der ursprĂŒnglichen Reform beraten hatten, haben die neuen AnsĂ€tze von Warken und den LĂ€ndern unter die Lupe genommen. Ihr Urteil fĂ€llt vernichtend aus. Man laufe Gefahr, dass es fĂŒr viel Geld keine Verbesserungen geben könnte, warnen die Experten. Christian Karagiannidis, einer der Mitautoren der Analyse, bringt es auf den Punkt: Wenn man die QualitĂ€tsstandards so stark unterlaufe, wie es derzeit diskutiert werde, dann werde die Reform schlicht verpuffen.

Besonders die weitreichenden Ausnahmerechte fĂŒr die BundeslĂ€nder stoßen den Experten sauer auf. Diese Ausnahmen sollen Abweichungen von QualitĂ€tsvorgaben ermöglichen, begrĂŒndet mit der sogenannten Versorgungssicherung. In der Praxis bedeutet das jedoch: Es wird weiterhin zu viele Kliniken mit unklarem Fokus geben, die sich teuer fĂŒr alle möglichen Behandlungen ausrĂŒsten – auf Kosten der Beitragszahler.

64 Milliarden Euro fĂŒr fragwĂŒrdige Ergebnisse

Die Zahlen sind beeindruckend – und erschreckend zugleich. Die laut RWI notwendigen Investitionen fĂŒr die Reform belaufen sich auf stolze 64 Milliarden Euro. Der Transformationsfonds soll davon 50 Milliarden Euro abdecken, vorausgesetzt, die Mittel werden zweckgebunden eingesetzt. Doch genau hier liegt das Problem: Wenn die Reformziele aus den Augen verloren werden, gibt man das Geld aus, ohne Verbesserungen zu erreichen.

Auch Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Ă€ußerte in einer Anhörung deutliche Kritik. Die Reform dĂŒrfe nicht zum „Krankenhausreform-Aufweichungsgesetz" werden, mahnte sie. Wenn bundesweite QualitĂ€tsvorgaben durch weitreichende Ausnahmeregelungen ausgehebelt werden könnten, gehe das auf Kosten der Patientensicherheit. Die geplanten Regelungen zur ErfĂŒllung der QualitĂ€tskriterien in Kooperationen und VerbĂŒnden drohten zum Einfallstor fĂŒr das Unterlaufen der bundesweiten Vorgaben zu werden.

Warken verteidigt ihren Kurs

Gesundheitsministerin Warken hingegen zeigt sich unbeeindruckt von der Kritik. Beim Krankenhausgipfel der Deutschen Krankenhausgesellschaft verteidigte sie die geplanten Anpassungen. Man halte an den grundsĂ€tzlichen Zielen der Krankenhausreform fest, betonte sie. Die Reform solle „praxistauglich" umgesetzt werden. VorwĂŒrfe, das Bundesgesundheitsministerium gehe zu stark auf die BundeslĂ€nder zu, wollte sie nicht gelten lassen. Die LĂ€nder mĂŒssten die Reform schließlich vor Ort umsetzen.

Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Wenn jedes Bundesland seine eigenen Ausnahmen definieren kann, wenn QualitĂ€tsstandards nach Belieben aufgeweicht werden dĂŒrfen, was bleibt dann noch von einer bundesweiten Reform ĂŒbrig? Die BefĂŒrchtung liegt nahe, dass am Ende ein Flickenteppich entsteht, der niemandem nĂŒtzt – außer vielleicht den Landesregierungen, die sich unbequemen Entscheidungen entziehen können.

Die deutsche Gesundheitspolitik steht einmal mehr vor der Frage, ob sie den Mut aufbringt, notwendige Strukturreformen auch gegen WiderstĂ€nde durchzusetzen – oder ob sie sich mit teuren Kompromissen zufriedengibt, die am Ende weder den Patienten noch dem Gesundheitssystem helfen.

Wissenswertes zum Thema