Kettner Edelmetalle
29.12.2025
15:35 Uhr

Gewerkschaft kontert Merz: „Stellen Sie sich mal ans Band!"

Die Debatte um die Arbeitsmoral der Deutschen nimmt an Schärfe zu. Bundeskanzler Friedrich Merz hat mit seiner Forderung nach mehr Arbeit und höherer Effizienz einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Besonders die Industriegewerkschaft Metall in Mannheim zeigt sich wenig begeistert von den Worten des CDU-Politikers und macht ihm ein ungewöhnliches Angebot.

Polemik statt Lösungen?

„Wir brauchen konstruktive Ideen zur Rettung des Standort Deutschlands und keine Polemik á la Merz!", heißt es in einer deutlichen Stellungnahme der IG Metall Geschäftsstelle. Die Gewerkschaft weist darauf hin, dass in den Betrieben der Mannheimer Metall- und Elektroindustrie längst eine Vielzahl flexibler Arbeitszeitmodelle existiere. Gleitzeit, Teilzeit, verkürzte Vollzeit und verschiedene Schichtmodelle seien zwischen Arbeitgebern und Betriebsräten ausgehandelt worden – maßgeschneidert auf die wirtschaftlichen Anforderungen der Unternehmen.

Thomas Hahl, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Mannheim, findet deutliche Worte für den Kanzler: „Ich empfehle dem Bundeskanzler Friedrich Merz, sich mal in drei Schichten ans Band bei John Deere oder beim Benz stellen oder in den Büros die Arbeit mit fehlendem Personal auszuüben." Diese Tätigkeiten seien Knochenjobs, die regelmäßigen Schichtwechsel eine enorme Belastung für die Beschäftigten.

Das eigentliche Problem liegt woanders

Die Gewerkschaft macht deutlich, dass das Problem nicht in mangelnden Arbeitsstunden liege. Vielmehr erleben die Angestellten derzeit eine „wirklich heftige Phase von Standort- und Personalabbau". Der Industriestandort Deutschland brauche echte Unterstützung, keine Schuldzuweisungen an die arbeitende Bevölkerung.

Besonders bitter schmeckt vielen Arbeitnehmern die Kritik des Kanzlers angesichts der strukturellen Probleme, mit denen sie täglich kämpfen. 86 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt – häufig von Angehörigen, die gleichzeitig berufstätig sind. Kita-Plätze fehlen nach wie vor flächendeckend, das Betreuungssystem steht unter massivem Druck.

Doppelbelastung trifft vor allem Frauen

„Wir haben viele Teilzeitbeschäftigte, überwiegend Frauen, weil sie regelrecht dazu gezwungen werden", erklärt Hahl. Die mangelnden Investitionen in qualifiziertes Personal für die Kinderbetreuung erschweren die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erheblich. Der Gewerkschafter bringt es auf den Punkt: „Ein Beschäftigter kann sich halt keine Nanny leisten, lieber Herr Merz."

Ein Kanzler, der liefern muss

Die Kritik der IG Metall trifft einen wunden Punkt. Während Merz die Deutschen zu mehr Leistung auffordert, warten viele auf konkrete politische Maßnahmen, die Arbeit überhaupt erst ermöglichen. Fehlende Betreuungsplätze, marode Infrastruktur und bürokratische Hürden – das sind die wahren Bremsen der deutschen Wirtschaft, nicht etwa die angebliche Faulheit der Arbeitnehmer.

Es mutet geradezu grotesk an, wenn ein Bundeskanzler, der selbst nie am Fließband gestanden hat, den hart arbeitenden Menschen in diesem Land mangelnden Einsatz vorwirft. Die neue Große Koalition hatte versprochen, Verantwortung für Deutschland zu übernehmen. Vielleicht sollte sie damit beginnen, die Rahmenbedingungen für Arbeit zu verbessern, anstatt diejenigen zu kritisieren, die trotz widriger Umstände täglich ihr Bestes geben.

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