Kettner Edelmetalle
10.02.2026
19:32 Uhr

Gasspeicher auf historischem Tiefstand: Deutschland schlittert sehenden Auges in die nÀchste Energiekrise

Was sich derzeit in Deutschlands unterirdischen Gasspeichern abspielt, liest sich wie ein DĂ©jĂ -vu der schlimmsten Sorte. Gerade einmal 26,99 Prozent – so niedrig waren die FĂŒllstĂ€nde zuletzt wĂ€hrend der Energiekrise 2022, als das Land am Rande einer Gasmangellage taumelte. Doch wĂ€hrend damals wenigstens hektische Betriebsamkeit in Berlin herrschte, scheint die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz die HĂ€nde in den Schoß zu legen. Der Staat zieht sich zurĂŒck, der Markt versagt – und der deutsche BĂŒrger darf hoffen, dass der Winter gnĂ€dig ist.

Ein Absturz in Rekordgeschwindigkeit

Die Zahlen, die Gas Infrastructure Europe veröffentlicht hat, sind alarmierend. Ende Januar lagen die SpeicherstĂ€nde noch bei ĂŒber 41 Prozent. Innerhalb weniger Tage ist dieser Wert regelrecht kollabiert. Fernleitungsnetzbetreiber halten einen Korridor zwischen 30 und 40 Prozent fĂŒr notwendig, um Versorgungssicherheit und NetzstabilitĂ€t zu gewĂ€hrleisten. Dieses Minimum wird seit Tagen unterschritten. Dass Speicher im Winter sinken, ist eine Binsenweisheit. Dass sie derart rapide einbrechen, ist es nicht.

Besonders dramatisch stellt sich die Lage in Bayern dar. Der Speicher Wolfersberg dĂŒmpelt bei klĂ€glichen 4,23 Prozent, Breitbrunn bei 14,11 Prozent. Selbst Bierwang, mit 34,25 Prozent noch vergleichsweise komfortabel bestĂŒckt, leert sich in besorgniserregendem Tempo. Man muss kein Energieexperte sein, um zu erkennen: Im SĂŒden der Republik brennt es lichterloh – zumindest metaphorisch.

Ostdeutschland: AbhÀngig am Tropf der LNG-Importe

Im Osten Deutschlands zeigt sich auf den ersten Blick ein etwas freundlicheres Bild. Speicher wie Kraak (39,24 Prozent) oder Peckensen (34,37 Prozent) weisen noch akzeptable FĂŒllstĂ€nde auf. Doch dieser Schein trĂŒgt gewaltig. Denn die ostdeutsche Gasversorgung funktioniert nach einer grundlegend anderen Logik als die bayerische: Statt auf regionale Reserven setzt man hier zunehmend auf laufende Importe und LNG-Einspeisungen. Die Bundesnetzagentur bestĂ€tigt diese strukturelle Asymmetrie ausdrĂŒcklich.

Was das in der Praxis bedeutet? Ostdeutschland hĂ€ngt am Tropf. Solange das Gas fließt, ist alles in Ordnung. Doch wehe, es kommt zu Lieferunterbrechungen, geopolitischen Verwerfungen oder schlicht zu einem besonders kalten Februar. Dann fehlt genau jener Puffer, den Gasspeicher eigentlich bieten sollten. Sebastian Heinermann, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Speicherinitiative INES, formuliert es diplomatisch: Die Speicher hĂ€tten in den vergangenen Wochen „erheblich, teilweise sogar mehrheitlich" zur Gasversorgung beigetragen. Übersetzt: Ohne sie wĂ€re das Licht lĂ€ngst aus.

Rehden – Europas grĂ¶ĂŸter Speicher als Mahnmal des Versagens

Das vielleicht erschĂŒtterndste Symbol dieser Misere ist der Gasspeicher Rehden in Niedersachsen. Mit einem Arbeitsgasvolumen von rund vier Milliarden Kubikmetern stand er einst fĂŒr ein FĂŒnftel der gesamten deutschen SpeicherkapazitĂ€t. Heute liegt sein FĂŒllstand bei erbĂ€rmlichen 7,80 Prozent. Wie konnte es so weit kommen? Die Antwort ist so simpel wie erschreckend: Es lohnt sich schlicht nicht, Gas einzulagern. Bei den Vermarktungsauktionen im vergangenen Sommer fanden sich kaum HĂ€ndler, die bereit waren, Gas einzuspeichern, weil die erwartete Preisdifferenz zwischen Sommer und Winter zu gering erschien.

Ein Sefe-Sprecher – das Unternehmen betreibt Rehden seit der Verstaatlichung der einstigen Gazprom-Tochter Astora – schiebt die Verantwortung elegant weiter: FĂŒr die BefĂŒllung seien „letztlich die Speicherkunden verantwortlich". Der Markt also. Doch was, wenn der Markt versagt?

Der Staat zieht sich zurĂŒck – ausgerechnet jetzt

Hier wird es politisch brisant. Im Januar hat die Bundesregierung die Gasspeicher-Sicherheitsumlage abgeschafft – jenes Instrument, mit dem der Staat seit 2022 eigene SpeicherbefĂŒllungen finanziert hatte. Man fragt sich unwillkĂŒrlich: Welcher strategische Geist hat diese Entscheidung beseelt? In einer Zeit, in der die geopolitischen Risiken nicht etwa abnehmen, sondern sich verschĂ€rfen – der Ukraine-Krieg dauert an, die EnergiemĂ€rkte bleiben volatil –, zieht sich der Staat ausgerechnet aus der Gasvorsorge zurĂŒck. Das ist nicht Ordnungspolitik, das ist FahrlĂ€ssigkeit.

Stefan Dohler, Chef des Versorgungsunternehmens EWE, warnt seit Monaten vor genau diesem Szenario. Seine Worte könnten kaum deutlicher sein: Wenn Speichernutzer keine wirtschaftlich tragfĂ€higen Anreize hĂ€tten und sich der Staat zugleich aus der Verantwortung nehme, sei das Risiko real, dass die Speicher vor dem kommenden Winter nicht hinreichend gefĂŒllt wĂŒrden. Dohler plĂ€diert fĂŒr eine strategische Gasreserve nach österreichischem Vorbild. Doch im Bundeswirtschaftsministerium wird lediglich „geprĂŒft". GeprĂŒft, wĂ€hrend die Speicher leerlaufen.

Ein strukturelles Problem, das politisches Handeln erfordert

Die Bundesnetzagentur beschwichtigt zwar, die niedrigen FĂŒllstĂ€nde seien „kein Indiz fĂŒr eine Gasmangellage". Doch diese Formulierung klingt verdĂ€chtig nach jener Art von Beruhigungspillen, die man dem BĂŒrger verabreicht, bevor die eigentliche Diagnose kommt. Der ostdeutsche Netzbetreiber Ontras formuliert es nĂŒchterner und ehrlicher: Speicher seien fĂŒr die Sicherstellung der Energieversorgung im Winter „zwingend notwendig". LNG-Importe könnten FlexibilitĂ€t schaffen, die Rolle der Speicher aber nicht ersetzen.

Was wir hier beobachten, ist das Ergebnis einer Energiepolitik, die ĂŒber Jahre hinweg ideologisch getrieben war und nun ihre strukturellen SchwĂ€chen offenbart. Deutschland hat sich von russischem Pipeline-Gas verabschiedet – was angesichts der geopolitischen RealitĂ€ten nachvollziehbar sein mag –, ohne jedoch eine belastbare Alternative aufzubauen. Stattdessen setzt man auf teure LNG-Importe, schwimmende Terminals und die vage Hoffnung, dass der Markt es schon richten werde. Der Markt richtet es aber nicht. Nicht bei Rehden, nicht bei Wolfersberg, nicht bei Breitbrunn.

Je leerer die Speicher, desto dĂŒnner wird der Puffer – auch dort, wo heute noch genug Gas fließt. Dieser Satz sollte jedem Verantwortlichen in Berlin schlaflose NĂ€chte bereiten. Tut er das? Man darf daran zweifeln. Denn wĂ€hrend andere LĂ€nder strategische Reserven aufbauen und ihre Energieinfrastruktur absichern, diskutiert Deutschland noch immer ĂŒber ZustĂ€ndigkeiten zwischen Markt und Staat. Es ist ein Trauerspiel, das die BĂŒrger dieses Landes am Ende mit höheren Gaspreisen und wachsender Versorgungsunsicherheit bezahlen werden. Wieder einmal.

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