
Frankfurts Kulturelite zelebriert den Niedergang: Schirn Kunsthalle flĂŒchtet in besetzte Druckerei
Was fĂŒr ein Schauspiel bietet sich da in der Mainmetropole: Die renommierte Schirn Kunsthalle, einst AushĂ€ngeschild der deutschen Kulturlandschaft, muss nach nicht einmal 40 Jahren Betrieb aus ihrem postmodernen Prachtbau fliehen. Die Sandsteinplatten bröckeln von der Fassade, die Energiebilanz spottet jeder Beschreibung. Ein Armutszeugnis fĂŒr die deutsche Baukunst der 1980er Jahre â und ein Symbol fĂŒr den Zustand unserer öffentlichen Infrastruktur unter jahrzehntelanger Misswirtschaft.
Doch wohin verschlĂ€gt es den Kunsttempel? Ausgerechnet in ein ehemals besetztes GebĂ€ude in Frankfurt-Bockenheim, das noch vor zwei Jahren dem Abriss geweiht war. Die alte Dondorf Druckerei, 1890 erbaut, sollte einem sterilen Neubau des Max-Planck-Instituts weichen. Dass es anders kam, verdankt Frankfurt einer Hausbesetzerszene, die unter dem Motto "Druckerei fĂŒr alle" das GebĂ€ude okkupierte.
Wenn Hausbesetzer zu Kulturrettern werden
Man mag es kaum glauben: Die gleichen Aktivisten, die sonst gerne mal PolizeieinsĂ€tze provozieren und den Rechtsstaat herausfordern, haben hier tatsĂ€chlich ein StĂŒck Industriegeschichte gerettet. Zweimal rĂ€umte die Polizei, doch am Ende gab das Max-Planck-Institut klein bei. Ein seltener Sieg der StraĂe ĂŒber die Institutionen â und vielleicht der einzige positive Aspekt dieser ganzen Geschichte.
Schirn-Direktor Sebastian Baden gibt sich begeistert von seinem neuen Domizil. "Ein GlĂŒcksfall", schwĂ€rmt er ĂŒber die mit bunten StahltrĂ€gern aufgepeppte Industrieruine. Man wolle hier nicht nur "hochkarĂ€tige Ausstellungen" zeigen, sondern auch einen "Ort der Begegnung" schaffen. Welch euphemistische Umschreibung fĂŒr eine Notlösung, die nur deshalb nötig wurde, weil man es in fast vier Jahrzehnten nicht geschafft hat, ein öffentliches GebĂ€ude ordentlich instand zu halten.
Die bewegte Geschichte eines deutschen Industriedenkmals
Die Historie der Dondorf Druckerei liest sich wie ein Spiegelbild deutscher Geschichte: GegrĂŒndet von einer jĂŒdischen Familie, produzierte man zunĂ€chst Spielkarten und Wertpapiere. In der NS-Zeit dann der moralische Bankrott â die Druckpressen spuckten Propagandaschriften aus. Nach dem Krieg beherbergte das GebĂ€ude die KunstpĂ€dagogik der Frankfurter UniversitĂ€t, bevor es dem Verfall preisgegeben wurde.
Dass ausgerechnet dieses geschichtstrÀchtige GebÀude nun zum temporÀren Kunsttempel wird, wÀhrend der eigentliche Prachtbau saniert werden muss, könnte symboltrÀchtiger nicht sein. Deutschland, einst Land der Dichter und Denker, kann nicht einmal mehr seine KulturstÀtten ordentlich unterhalten.
Tanzende Umzugshelfer und Techno-MĂ€rsche
Als wĂ€re die ganze Situation nicht schon grotesk genug, inszeniert man den Umzug als groĂes Spektakel. Die Berliner Choreografin Sasha Waltz wurde engagiert, um mit 100 LaientĂ€nzern den "rite de passage" zu zelebrieren. Begleitet von der Hamburger Techno-Marching-Band MEUTE soll am 7. September eine Parade vom alten zum neuen Standort ziehen. Tausende Schaulustige werden erwartet.
Man fragt sich unwillkĂŒrlich: Ist das noch Kunst oder schon Realsatire? WĂ€hrend ĂŒberall im Land die Infrastruktur zerfĂ€llt, Schulen schimmeln und BrĂŒcken gesperrt werden, feiert die Kulturelite ihren eigenen Niedergang als Event. Eine halbe Million Besucher jĂ€hrlich, die bisher Werke von Feininger, Chagall oder Basquiat bewunderten, dĂŒrfen sich nun zwei Jahre lang in einer umgebauten Druckerei wiederfinden.
Die Illusion der temporÀren Lösung
Baden gibt sich optimistisch: Nach zwei Jahren soll die Sanierung abgeschlossen sein, dann kehre man zurĂŒck. Doch wer die deutsche Baugeschichte kennt, weiĂ: Aus zwei Jahren werden schnell vier, aus temporĂ€ren Lösungen dauerhafte Provisorien. Immerhin, so versichert der Direktor, werde die Druckerei auch nach dem Auszug der Schirn erhalten bleiben. Die geschaffenen "perfekten Ausstellungshallen" wĂŒrden den langfristigen Erhalt sichern.
Ein schwacher Trost fĂŒr eine Stadt, die sich gerne als Finanzmetropole und Kulturhauptstadt inszeniert, aber nicht einmal ihre wichtigsten Kulturbauten pflegen kann. WĂ€hrend in Dubai und Shanghai hypermoderne Museen aus dem Boden schieĂen, bröckelt in Frankfurt der Putz von den WĂ€nden. Das ist die bittere RealitĂ€t des Kulturstandorts Deutschland im Jahr 2025 â ein Land, das seine Vergangenheit verklĂ€rt, seine Gegenwart verschlĂ€ft und seine Zukunft verspielt.
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