Kettner Edelmetalle
29.12.2025
15:35 Uhr

Chemie-Kollaps in Leuna: Wenn die Deindustrialisierung Deutschlands Fahrt aufnimmt

Die ostdeutsche Chemieindustrie erlebt einen weiteren schweren Schlag. Drei Tochterfirmen des belgischen Chemiekonzerns Domo Chemicals haben Insolvenz angemeldet – ein Alarmsignal, das weit über die betroffenen Standorte hinausreicht. In Leuna und Premnitz bangen nun 585 Beschäftigte um ihre Existenz, während die politisch Verantwortlichen einmal mehr hilflos zusehen müssen, wie ein weiterer Baustein der deutschen Industrielandschaft zu bröckeln beginnt.

Produktion läuft – vorerst

Der vorläufige Insolvenzverwalter Lucas Flöther bemüht sich um Schadensbegrenzung. Die Produktion laufe zunächst uneingeschränkt weiter, die Löhne seien für drei Monate über das Insolvenzgeld gesichert. Doch was danach kommt, steht in den Sternen. Die Gespräche über eine weitere Finanzierung sind gescheitert – ein Umstand, der die ganze Misere der deutschen Industriepolitik offenbart.

Am Standort Leuna arbeiten rund 480 Menschen bei der Domo Caproleuna GmbH, in Premnitz sind etwa 70 Mitarbeiter bei Domo Engineering Plastics beschäftigt. Die Unternehmen stellen Polymere, technische Kunststoffe und Hochleistungsfasern her – Produkte, die in der Automobilindustrie, im Bauwesen und in der Elektronikbranche dringend benötigt werden. Technologisch gehören diese Betriebe zur Spitze ihrer Branche, wie Flöther betont. Doch was nützt technologische Exzellenz, wenn die Rahmenbedingungen jeden Wettbewerbsvorteil zunichtemachen?

Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister verspricht Unterstützung

Wirtschaftsminister Sven Schulze von der CDU erklärt pflichtschuldig, man arbeite daran, negative Auswirkungen auf Zulieferer und andere Unternehmen zu verhindern. Gemeinsam mit dem Insolvenzverwalter, der Chemieparkgesellschaft Infra-Leuna und der Investitionsbank Sachsen-Anhalt suche das Land nach Lösungen. Schöne Worte, die man in den vergangenen Jahren schon bei zahlreichen anderen Industriepleiten gehört hat. Die Frage drängt sich auf: Wo war diese Unterstützung, bevor es zur Insolvenz kam?

Die wahren Ursachen der Krise

Der Fall Domo steht exemplarisch für die desaströse Lage der gesamten deutschen Chemieindustrie. Hohe Energiekosten, Materialknappheit und ein verschärfter internationaler Wettbewerb belasten die Branche seit Jahren. Besonders energieintensive Betriebe in Ostdeutschland kämpfen mit dauerhaft höheren Gaspreisen, nachdem die früheren Pipeline-Lieferungen aus Russland weggefallen sind.

Man muss es so deutlich sagen: Die ideologisch getriebene Energiepolitik der vergangenen Jahre rächt sich nun bitter. Während andere Industrienationen auf einen pragmatischen Energiemix setzen, hat Deutschland seine Industrie sehenden Auges in eine Sackgasse manövriert. Die Abschaltung der Kernkraftwerke, die überstürzte Energiewende und die fehlende Planungssicherheit haben ein Umfeld geschaffen, in dem selbst technologisch führende Unternehmen nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können.

63.000 Arbeitsplätze in Gefahr

Die chemische Industrie zählt zu den Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft. Allein in der chemisch-pharmazeutischen Industrie Ostdeutschlands arbeiten nach Angaben der Gewerkschaft IG BCE rund 63.000 Menschen. Die Befürchtungen, dass weitere Einschnitte ganze Regionen treffen könnten, sind mehr als berechtigt. Branchenvertreter warnen eindringlich, dass viele Anlagen nur noch mit reduzierter Auslastung betrieben werden – ein Zustand, der auf Dauer nicht tragbar ist.

Die Zeit läuft ab – so lautet die düstere Prognose vieler Experten für die ostdeutsche Chemieindustrie.

Was wir hier erleben, ist nichts weniger als die schleichende Deindustrialisierung eines einst stolzen Industriestandorts. Während China und die USA ihre Industrien mit günstiger Energie versorgen und massiv in Zukunftstechnologien investieren, diskutiert Deutschland über Gendersternchen und Klimakleber. Die Prioritäten könnten nicht falscher gesetzt sein.

Ein Weckruf, der verhallen wird?

Die Insolvenz in Leuna sollte ein Weckruf sein – für die Politik, für die Gesellschaft, für jeden, dem die Zukunft dieses Landes am Herzen liegt. Doch die Erfahrung lehrt, dass solche Weckrufe in Berlin regelmäßig überhört werden. Stattdessen werden Sondervermögen geschnürt, die kommende Generationen belasten, während die eigentlichen Probleme – überbordende Bürokratie, explodierende Energiekosten, fehlende Investitionsanreize – ungelöst bleiben.

Die 585 Beschäftigten in Leuna und Premnitz haben Besseres verdient als leere Versprechungen. Sie haben Anspruch auf eine Politik, die Arbeitsplätze schützt statt sie zu gefährden. Ob die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hier eine Kehrtwende einleiten kann, bleibt abzuwarten. Die bisherigen Signale stimmen nicht gerade optimistisch.

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