
CDU-Wirtschaftsrat will Zahnbehandlungen privatisieren: Der schleichende Tod des Solidarprinzips

Was sich da aus den Hinterzimmern des CDU-Wirtschaftsrats an die Ăffentlichkeit schleicht, lĂ€sst tief blicken. ZahnĂ€rztliche Behandlungen sollen kĂŒnftig keine Kassenleistung mehr sein â so lautet eine der Kernforderungen aus einem Papier mit dem wohlklingenden Titel âAgenda Arbeitnehmer". Der Adressat? Kein Geringerer als Bundeskanzler Friedrich Merz persönlich. Man fragt sich unwillkĂŒrlich: FĂŒr welche Arbeitnehmer soll diese Agenda eigentlich gut sein?
Die schleichende Privatisierung der Gesundheitsversorgung
Schon heute mĂŒssen Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung fĂŒr zahlreiche zahnĂ€rztliche Leistungen selbst in die Tasche greifen. Prothetik, hochwertige FĂŒllungen, professionelle Zahnreinigung â die Liste der Eigenleistungen wird immer lĂ€nger. Millionen Deutsche haben sich deshalb bereits private Zusatzversicherungen zugelegt. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Mehr als 31 Millionen Zusatzversicherungen verzeichneten die privaten Krankenversicherer zuletzt, ein Zuwachs von 4,5 Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr.
Die Profiteure dieser Entwicklung sitzen in den Vorstandsetagen der privaten Versicherungskonzerne. Sie reiben sich bereits die HĂ€nde, wĂ€hrend der normale BĂŒrger immer tiefer in die eigene Tasche greifen muss. âMehr Eigenverantwortung" nennt man das in den Sonntagsreden der Politik. In Wahrheit ist es nichts anderes als die systematische Demontage eines Solidarsystems, das einst zu den Errungenschaften der deutschen Sozialpolitik zĂ€hlte.
Ein System voller Konstruktionsfehler
Dabei sind die zahnĂ€rztlichen Behandlungen mit etwa viereinhalb Prozent der Gesamtausgaben ein vergleichsweise kleiner Posten im Budget der gesetzlichen Krankenversicherung. Der gröĂte Kostenfaktor sind die KrankenhĂ€user mit rund einem Drittel der Ausgaben. Auch hier schreitet die Privatisierung unaufhaltsam voran â mittlerweile befinden sich etwa 40 Prozent der Kliniken in privater Hand.
Das Ergebnis? BeitrĂ€ge der gesetzlich Versicherten landen teilweise auf den Konten von AktionĂ€ren. Ein Skandal, der seit Jahren bekannt ist, aber politisch nicht angegangen wird. Hinzu kommt ein weiterer Konstruktionsfehler: Die 75 Millionen gesetzlich Versicherten mĂŒssen bei BĂŒrgergeldempfĂ€ngern fĂŒr den Staat einspringen, weil dieser nicht genug Geld fĂŒr deren Gesundheitsversorgung aufbringt. Die privat Versicherten bleiben dabei fein auĂen vor.
Deutschland: Spitzenreiter bei den Gesundheitskosten
Im europĂ€ischen Vergleich gibt Deutschland pro Kopf mehr fĂŒr Gesundheit aus als Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande oder Ăsterreich. Ein wesentlicher Grund sind die hohen Preise fĂŒr neue, patentgeschĂŒtzte Medikamente. Die Pharmaindustrie verdient prĂ€chtig, wĂ€hrend die Versicherten mit steigenden BeitrĂ€gen konfrontiert werden.
Die jĂŒngste Forderung des CDU-Wirtschaftsrats ist als das zu verstehen, was sie ist: eine Strategie, die vor allem auf einen Abschied vom Solidarprinzip abzielt.
Reformen mit fragwĂŒrdigem Nutzen
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken plant zwar eine Reform, die HausĂ€rzte zum ersten Anlaufpunkt fĂŒr alle Patienten machen soll. Doch auch dies ist wieder nur eine EinzelmaĂnahme in einem System, das seit Jahren durch punktuelle Eingriffe immer unĂŒbersichtlicher und teurer wird. Eine grundlegende Neuaufstellung, die die Kostentreiber aus dem System verbannt, bleibt weiterhin aus.
Die Interessen der Lobbyisten sind offenbar zu mĂ€chtig. In einem Bereich der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge, in dem es viel zu verdienen gibt, haben die Profiteure lĂ€ngst die Oberhand gewonnen. Der normale BĂŒrger, insbesondere Menschen mit geringem Einkommen, bleibt auf der Strecke. Wer sich keine Zusatzversicherung leisten kann, wird kĂŒnftig möglicherweise mit schlechteren ZĂ€hnen leben mĂŒssen â oder sich verschulden.
Es ist an der Zeit, dass die Politik endlich die Interessen der BĂŒrger in den Vordergrund stellt und nicht die der Versicherungskonzerne und Pharmalobbyisten. Das Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung war einst ein Versprechen an alle Deutschen: Gesundheitsversorgung unabhĂ€ngig vom Geldbeutel. Dieses Versprechen droht nun endgĂŒltig gebrochen zu werden.










