Kettner Edelmetalle
23.02.2026
09:17 Uhr

Atompoker in Genf: Iran und USA ringen um Nuklearabkommen – doch die Gräben sind tiefer denn je

Während die Welt gebannt auf den schwelenden Nahost-Konflikt blickt, bereiten sich Teheran und Washington auf eine weitere Runde im diplomatischen Kräftemessen vor. Am Donnerstag sollen in Genf erneut Verhandlungen über das iranische Atomprogramm stattfinden. Der iranische Außenminister Abbas Araghtschi habe sich zuversichtlich gezeigt, dort einen „tragfähigen Text" für ein Abkommen ausarbeiten zu können. Doch wer die Geschichte dieses Konflikts kennt, weiß: Optimismus allein hat noch nie eine Bombe entschärft.

Ein Abkommen, das über Wien hinausgehen soll

In einem Interview mit dem US-Sender CBS News erklärte Araghtschi, er rechne mit konkreten Fortschritten. Ziel sei eine Vereinbarung, die den zivilen Charakter des iranischen Nuklearprogramms absichere und im Gegenzug die Aufhebung westlicher Sanktionen vorsehe. Eine solche Regelung könne sogar über das Wiener Atomabkommen von 2015 hinausgehen – jenes Abkommen wohlgemerkt, das nach dem Ausstieg der USA im Jahr 2018 unter der ersten Trump-Präsidentschaft faktisch zu Makulatur wurde.

Man muss sich diese Ausgangslage auf der Zunge zergehen lassen: Dasselbe Land, das einst den Vertrag einseitig aufkündigte, sitzt nun wieder am Verhandlungstisch und stellt Maximalforderungen. Und der Iran, der in der Zwischenzeit seine Urananreicherung massiv hochgefahren hat, gibt sich als kooperationswilliger Partner. Ein diplomatisches Schauspiel, das seinesgleichen sucht.

Die Urananreicherung – der Elefant im Raum

Die zentralen Streitpunkte könnten kaum fundamentaler sein. Washington und Israel fordern eine vollständige Einstellung der Urananreicherung. Teheran hingegen beruft sich auf sein souveränes Recht zur zivilen Nutzung der Kernenergie und weist diese Forderung kategorisch zurück. Nach iranischer Darstellung sei man lediglich bereit, den derzeitigen Anreicherungsgrad von bis zu 60 Prozent zu senken.

Was diese Zahl bedeutet, sollte jedem klar sein: Fachleute stufen dieses Niveau als technisch gefährlich nahe an waffenfähigem Material ein. Zwar wären für den Bau einer Atombombe weitere Schritte notwendig, doch der Sprung von 60 auf die erforderlichen 90 Prozent ist nach Einschätzung von Experten in vergleichsweise kurzer Zeit machbar. Wer hier von „ziviler Nutzung" spricht, betreibt bestenfalls semantische Akrobatik.

Trumps Kanonenboot-Diplomatie

Parallel zu den diplomatischen Bemühungen hat die Trump-Administration die militärische Präsenz der USA im Nahen Osten deutlich verstärkt. US-Sondergesandter Steve Witkoff ließ verlauten, Präsident Trump frage sich angesichts dieses massiven Drucks, warum der Iran bislang nicht kapituliert habe. Eine bemerkenswert unverblümte Aussage, die wenig Raum für diplomatische Interpretation lässt.

Die Antwort aus Teheran ließ nicht lange auf sich warten. Außenminister Araghtschi konterte auf der Plattform X mit den Worten: „Neugierig, warum wir nicht kapitulieren? Weil wir IRANER sind." Ein Satz, der weniger an die internationale Gemeinschaft gerichtet sein dürfte als vielmehr an die eigene Bevölkerung. Denn die iranische Führung steht innenpolitisch unter enormem Druck – wirtschaftliche Belastungen durch die Sanktionen und wiederkehrende Proteste nagen an der Legitimität des Regimes.

Die Lehren aus der Geschichte

Es lohnt sich, einen Blick zurückzuwerfen. Das Wiener Atomabkommen von 2015, der sogenannte JCPOA, galt einst als diplomatischer Meilenstein. Der Iran verpflichtete sich, seine Urananreicherung drastisch zu begrenzen, im Gegenzug wurden Sanktionen gelockert. Doch das Abkommen hatte von Anfang an Schwächen: Es enthielt keine Regelungen zum iranischen Raketenprogramm und war zeitlich begrenzt. Trumps Ausstieg 2018 war zwar umstritten, doch die Kritik an den Defiziten des Vertrags war durchaus berechtigt.

Nun, in seiner zweiten Amtszeit, scheint Trump einen härteren Kurs fahren zu wollen als je zuvor. Die verstärkte Militärpräsenz im Persischen Golf ist ein unmissverständliches Signal: Washington würde ein Scheitern der Gespräche nicht folgenlos lassen. Vor dem Hintergrund der israelischen Großangriffe auf iranische Atomanlagen im vergangenen Jahr und der iranischen Vergeltungsschläge ist die Lage explosiver denn je.

Droht der große Krieg?

Sollten die Verhandlungen in Genf scheitern, warnen Beobachter vor einer militärischen Eskalation, die die gesamte Region in einen offenen Krieg hineinziehen könnte. Die ohnehin fragile Sicherheitslage im Nahen Osten würde nachhaltig destabilisiert. Die Konsequenzen wären unabsehbar – nicht nur für die Region, sondern für die gesamte Weltwirtschaft. Steigende Ölpreise, unterbrochene Handelsrouten und eine neue Flüchtlingswelle wären nur einige der absehbaren Folgen.

Für Europa und insbesondere für Deutschland hätte eine solche Eskalation dramatische Auswirkungen. Ein Land, das sich unter der neuen Großen Koalition gerade erst wirtschaftlich stabilisieren will und gleichzeitig ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen stemmen muss, kann sich eine weitere geopolitische Krise schlicht nicht leisten. Umso wichtiger wäre es, dass die Bundesregierung unter Friedrich Merz hier eine klare außenpolitische Linie verfolgt – statt sich wie in der Vergangenheit hinter wolkigen Bekenntnissen zur „regelbasierten Ordnung" zu verstecken.

Eines steht fest: Die kommenden Tage in Genf werden zeigen, ob Diplomatie noch eine Chance hat – oder ob der Nahe Osten auf einen Konflikt zusteuert, dessen Ausmaß alles Bisherige in den Schatten stellen könnte. Die Welt sollte sehr genau hinschauen.

Wissenswertes zum Thema