Kettner Edelmetalle
25.02.2026
20:43 Uhr

Ankara als Moskaus letzte Energiebrücke nach Europa: Wie die Türkei vom EU-Gasausstieg profitiert

Während Brüssel mit großer Geste den vollständigen Ausstieg aus russischem Gas bis Ende 2027 verkündet, formiert sich am Bosporus eine Energieallianz, die das geopolitische Kräfteverhältnis in Europa nachhaltig verschieben könnte. Die Türkei avanciert zur unverzichtbaren Drehscheibe für russisches Pipeline-Gas – und nutzt ihre Schlüsselposition mit bemerkenswertem Geschick.

Russland klammert sich an die TurkStream-Pipeline

Bei einem Treffen in Istanbul machte Russlands Vizepremier Alexander Nowak vergangene Woche unmissverständlich klar, worum es geht: Russland bleibe der „größte Lieferant von Erdgas, Öl und Erdölprodukten" für die Türkei. Die Pipelines TurkStream und BlueStream funktionierten „stabil", ließ er über die Nachrichtenagentur Interfax verbreiten. Sein türkischer Amtskollege Alparslan Bayraktar sprach seinerseits davon, man habe „neue Möglichkeiten der Interaktion erkundet". Diplomatischer kann man eine strategische Umarmung kaum formulieren.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Seit dem Ende des ukrainischen Gastransits Ende 2024 ist TurkStream die letzte verbliebene direkte Route für russisches Pipeline-Gas in die Europäische Union. Und diese Route wird keineswegs weniger genutzt – im Gegenteil. Nach Daten des europäischen Netzbetreiberverbands ENTSOG stiegen die Gasflüsse über TurkStream im Januar im Jahresvergleich um rund sieben Prozent. Etwa 19 Terawattstunden flossen Richtung Südosteuropa, mehr als im Vorjahresmonat. Bulgarien, Serbien, die Slowakei und Ungarn bleiben damit weiterhin physisch an russisches Gas angebunden.

Europas Energiepolitik zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Man muss sich diese Situation einmal auf der Zunge zergehen lassen: Die EU verkündet feierlich den Ausstieg aus russischer Energie, während gleichzeitig russisches Gas über einen NATO-Partner munter weiter in europäische Netze fließt. Das ist keine Energiewende – das ist ein Etikettenschwindel mit geopolitischem Anstrich.

Der türkische Handelsminister Ömer Bolat bezeichnete russisches Gas laut einem Länderbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung als „lebenswichtig" für die Versorgung seines Landes. Mit einem geschätzten Anteil von 40 bis 45 Prozent am türkischen Gasverbrauch bleibt Moskau tatsächlich der wichtigste einzelne Anbieter. Und Ankara denkt gar nicht daran, sich den europäischen Energievorgaben zu unterwerfen. Erweiterte Herkunftszertifizierungen für Energieimporte? Nicht mit der Türkei. Für Ankara sei Energie vor allem eine Frage nationaler Versorgung, nicht europäischer Vorgaben, heißt es unmissverständlich.

Der gescheiterte Gas-Hub und Moskaus schrumpfende Optionen

Dabei hatte Russland durchaus ambitioniertere Pläne. Ein russisch-türkischer „Gas-Hub", über den russisches Gas quasi neu etikettiert nach Europa hätte verkauft werden sollen, liegt mittlerweile faktisch auf Eis. Ungeklärte Fragen nach Kontrolle und Marktzugang haben das Projekt zum Stillstand gebracht. Was bleibt, ist der türkische Binnenmarkt – und die Hoffnung auf höhere Direktlieferungen, langfristige Preisnachlässe oder neue Vertragsbindungen. Ein Muster, das man bereits aus den Gasgeschäften mit China kennt.

Hinzu kommt das Atomkraftwerk Akkuyu, das von Rosatom errichtet, betrieben und finanziert wird. Ein strategisches Großprojekt russischer Nukleartechnologie auf türkischem Boden, das Moskau über Jahrzehnte Einfluss auf die türkische Stromversorgung sichert. Man könnte es auch weniger diplomatisch formulieren: eine energiepolitische Fußfessel, die Ankara freiwillig angelegt hat.

Ankaras meisterhaftes Doppelspiel

Doch wer glaubt, die Türkei begebe sich in einseitige Abhängigkeit, unterschätzt Präsident Erdoğans geopolitisches Kalkül. Bereits im Herbst unterzeichnete Ankara einen 20-jährigen Liefervertrag mit dem Rohstoffhändler Mercuria über den Bezug von US-Flüssiggas. Energieminister Bayraktar sprach zudem offen darüber, sich finanziell an Gasprojekten in den Vereinigten Staaten beteiligen zu wollen. Parallel fließt Gas über die Transanatolische Pipeline aus Aserbaidschan, aus dem Iran sowie über LNG-Terminals am Mittelmeer und am Marmarameer.

Die Türkei versucht damit nicht, sich zwischen Energieblöcken zu entscheiden – sie will von allen Seiten profitieren. Ein Ansatz, der pragmatischer kaum sein könnte und von dem sich so mancher europäische Politiker eine Scheibe abschneiden könnte. Während Deutschland seine Energieversorgung mit ideologischer Verbissenheit umgebaut hat – man erinnere sich an die überstürzte Abschaltung der letzten Kernkraftwerke –, sichert sich Ankara kühl kalkulierend alle verfügbaren Optionen.

Was bedeutet das für Europa und Deutschland?

Die Entwicklung wirft unbequeme Fragen auf. Kann die EU ihren Gasausstieg bis 2027 tatsächlich durchhalten, wenn gleichzeitig über die Türkei weiterhin russisches Gas in südosteuropäische Mitgliedstaaten fließt? Ungarn unter Viktor Orbán hat bereits mehrfach deutlich gemacht, dass es nicht bereit ist, auf günstige russische Energielieferungen zu verzichten. Und auch Serbien, das zwar kein EU-Mitglied ist, aber Beitrittskandidat, zeigt keinerlei Ambitionen, sich von Moskaus Gaslieferungen zu lösen.

Für Deutschland bedeutet diese Konstellation vor allem eines: steigende Energiekosten. Denn während andere Länder pragmatisch das günstigste Gas kaufen, wo immer es herkommt, hat sich die Bundesrepublik in eine Position manövriert, in der sie auf teureres LNG angewiesen ist. Die Zeche zahlt der deutsche Mittelstand – und letztlich jeder Bürger über seine Energierechnung. Die neue Große Koalition unter Friedrich Merz wäre gut beraten, hier endlich eine Energiepolitik zu verfolgen, die sich an wirtschaftlicher Vernunft orientiert statt an ideologischen Wunschvorstellungen.

Die Türkei macht vor, wie Energiepolitik im 21. Jahrhundert funktioniert: nicht mit moralischen Appellen, sondern mit knallhartem Pragmatismus und der Bereitschaft, mit allen Seiten Geschäfte zu machen.

Ob man das nun gut findet oder nicht – Ankara hat verstanden, dass Energiesicherheit keine Frage der Gesinnung ist, sondern des nationalen Überlebens. Eine Lektion, die in Berlin offenbar noch nicht angekommen ist.

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