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China übernimmt Weltordnung: Westliche Macht im Wandel

30.09.2026PodcastHopf & KettnerBegleittext KI-generiert

„Früher hat uns der Tisch gehört.“ Mit diesem Satz beschreibt einer der besten Chinakenner Europas den Zustand der Welt. Gemeint ist der Tisch, an dem über Handel, Technologie, Krieg und Frieden entschieden wird. Jahrhundertelang hat der Westen bestimmt, wer dort Platz nehmen darf und wer wann das Wort ergreift. Heute sitzen dort andere, und sie entscheiden mit, ob Europa überhaupt noch eingeladen wird.

Wer das für Alarmismus hält, sollte dem Mann zuhören, der diese These vertritt. Frank Sieren lebt seit 1994 in Peking. Er hat den Aufstieg Chinas von der verlängerten Werkbank zur Technologiemacht aus nächster Nähe erlebt. Im Gespräch mit Philip Hopf und Dominik Kettner zeichnet er ein Bild, das viele Gewissheiten im Westen ins Wanken bringt. Das betrifft auch die Frage, wie man in einer solchen Welt sein Vermögen schützt.

Drei Jahrzehnte Peking: Ein Blick, den kaum ein Deutscher hat

Sieren ist kein Beobachter, der für eine Woche Pressereise einfliegt. Seine Bücher haben die deutsche Chinadebatte geprägt. „Der China Code“ löste vor gut zwanzig Jahren die erste große Diskussion über Chinas Aufstieg aus. Gemeinsam mit Altkanzler Helmut Schmidt schrieb er ein Buch auf Basis unveröffentlichter Gesprächsprotokolle mit Chinas Führungsspitze. Mit „Shenzhen – Zukunft made in China“ landete er 2021 einen Spiegel-Bestseller. Sein jüngstes Werk „Der Autoschock“ geht Deutschland unmittelbar an: Es beschreibt, wie China unsere wichtigste Industrie überrollen konnte.

Seine Kernthese ist unbequem. Der Westen hat China über Jahrzehnte systematisch unterschätzt, und er tut es teilweise bis heute.

Adel gegen Bürgertum: Die Weltordnung erlebt ihre Revolution

Um zu verstehen, wie Peking auf die Welt blickt, greift Sieren zu einem historischen Vergleich. Im 19. Jahrhundert bestimmte in den Nationalstaaten eine kleine Gruppe Adliger über die Geschicke der Mehrheit. Dann meldete sich das Bürgertum und erklärte sinngemäß: Es war schön mit euch, aber jetzt bestimmen wir mit.

Genau dieser Prozess wiederholt sich nun auf globaler Ebene. Aus Sicht Chinas und vieler Staaten des globalen Südens hat die westliche Minderheit jahrhundertelang die Spielregeln für die Mehrheit gesetzt. Das begann in der Kolonialzeit und reichte bis zur amerikanischen Alleinherrschaft nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Diese Epoche geht nun zu Ende. An ihre Stelle tritt eine multipolare Weltordnung mit mehr Mitbestimmung, wie immer sie im Detail aussehen mag.

„Im Westen ist man eher ein bisschen wehmütig, dass die alten Zeiten, in denen man ungehindert bestimmen konnte, vorbei sind. Und im globalen Süden unter der Führung Chinas ist man eher zuversichtlich, dass man jetzt stärker ins Spiel kommt.“

Donald Trump als moderner Napoleon?

Besonders pointiert ist Sierens Deutung des amerikanischen Präsidenten. Donald Trump spiele eine ähnliche Rolle wie einst Napoleon. Dieser habe nach der Französischen Revolution den Absolutismus noch einmal aufleben lassen und sei dann glorreich gescheitert, zuletzt einsam auf einer Insel. Auch Trump bäume sich noch einmal auf. Doch je mehr Druck er ausübe, desto enger schlössen sich die Länder des globalen Südens zusammen.

Beim jüngsten Treffen zwischen Trump und Xi Jinping sei eine Pattsituation sichtbar geworden. Es gibt plötzlich zwei Weltmächte. Trumps Machtinstinkt habe gespürt, dass er seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen muss.

Ausgerechnet Napoleon soll übrigens die Warnung zugeschrieben werden, man möge China nicht wecken. Man könne es zwar besiegen, lehre die Chinesen damit aber ihre eigene Stärke. Am Ende würden sie eine Flotte bauen und gewinnen. Wer sich heute die Dominanz chinesischer Handelsschifffahrt auf den Weltmeeren ansieht, erkennt darin eine erstaunlich treffende Prophezeiung.

Die einzige Weltmacht, die zweimal aufstieg

Rom, Persien, das Osmanische Reich: Sie alle hatten ihren Zenit und zerfielen danach. Übrig blieben Ruinen, die man heute fotografiert. China ist die bislang einzige Großmacht, die nach einem tiefen Absturz ein zweites Mal an die Weltspitze zurückkehrt. Sieren kennt jedenfalls keine andere.

Der Weg dorthin liest sich wie eine Lektion über Hochmut und Neuanfang:

  1. Um 1830 erwirtschaftete China noch rund 30 Prozent der Weltwirtschaftsleistung und war eine innovative Weltmacht.
  2. Als selbstbewusstes „Reich der Mitte“ nahm es seine Wettbewerber nicht ernst und ignorierte die industrielle Revolution zu lange.
  3. Es folgten Wirtschaftskrise, Hungersnöte und Aufstände. Anfang des 20. Jahrhunderts zerbrach das Kaiserreich.
  4. Mao einte das Land zwar wieder, doch Kampagnen wie der „Große Sprung nach vorn“ und die Kulturrevolution kosteten jeweils Millionen Menschenleben.
  5. Deng Xiaoping sprach schließlich die bittere Wahrheit aus: China schaffe es nicht mehr allein und müsse sich von den „Kapitalisten“ und „Imperialisten“ helfen lassen.

Shenzhen: Vom Fischerdorf zum neuen Silicon Valley

Ab 1980 zäunte man an der Grenze zu Hongkong ein Gelände ab. Nach Sierens Darstellung ging die Idee unter anderem auf den Vater des heutigen Staatspräsidenten zurück. Man ließ Unternehmer aus Hongkong und Chinesen hinein und schaute, wie sie sich vertragen. Damals lebten dort rund 30.000 Menschen. Heute ist Shenzhen eine Metropole mit nach Sierens Angaben rund 25 Millionen Einwohnern. Gemessen an den Patentanmeldungen bei der Genfer Weltorganisation für geistiges Eigentum habe die Stadt das Silicon Valley inzwischen überholt.

Hier liegt der eigentliche Knackpunkt. Der Westen hat sich jahrzehntelang eingeredet, die Chinesen könnten nur kopieren und nachbauen. Innovation traute man ihnen nicht zu. China ließ uns in diesem Glauben und stieg im Windschatten auf.

Der Autoschock: Wenn die Lehrlinge zu Meistern werden

Nirgends zeigt sich die Wende so schmerzhaft wie bei der deutschen Paradedisziplin. Philip Hopf berichtet aus der Schweiz, dass dort bis vor wenigen Jahren kaum jemand ein chinesisches Auto fuhr. Heute sagen seine Mitarbeiter ganz selbstverständlich: „Ich hole mir einen BYD“ oder „einen Xpeng“. Früher war der BMW oder der Mercedes das Statussymbol. Diese Zeiten sind vorbei.

Laut Sieren bestimmen die Chinesen inzwischen Richtung und Geschwindigkeit der Automobilität, und Deutschland läuft hinterher. Dahinter steckt mehr als Technik. Es geht um Nationalstolz. Deutsche Autos stehen in China für die Zeit, in der man Lehrling der Deutschen war. Chinesische Marken stehen für die Rückkehr an die Spitze nach „150 Jahren Pleiten, Pech und Pannen“.

„Die wollen es uns auch nicht heimzahlen, die sind uns auch nicht böse. Wenn man mal oben war und abstürzt, dann ist man total auf sich fokussiert, dann will man wieder dahin, wo man mal war.“

Bemerkenswert ist, dass die deutsche Kolonialgeschichte in Tsingtau (1898 bis 1914) in China erstaunlich wenig nachwirkt. Die berüchtigte Hunnenrede Wilhelms II. ist nicht vergessen. Im Gedächtnis geblieben sind aber vor allem Eisenbahn, Kanalisation, moderne Gebäude und das Bier. Die deutsche Ingenieurskunst ist stärker verankert als die Kolonialzeit. Das ist ein Kapital, das Deutschland gerade verspielt.

„Chillen muss man sich leisten können“

Philip Hopf spitzt die Debatte bewusst zu. In China herrsche eine enorme Leistungsbereitschaft, während man hierzulande über Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance diskutiere. Er spricht von „spätrömischer Dekadenz“: Man sonne sich dort, wo gar keine Sonne mehr scheint. Sierens Antwort ist trocken:

„Ich habe nichts gegen Chillen. Man muss es sich halt leisten können.“

Deutschland habe lange bestimmen können, wann das nächste Facelift eines Autos kommt, und Innovationen in kleinen Scheibchen verkauft. Diese Komfortzone existiert nicht mehr. Wenn Wettbewerber genauso gut und dabei günstiger produzieren, sind hohe Kosten schlicht nicht mehr zu halten. „Da gibt es keine Ausflucht, da gibt es auch kein Gejammer.“

Die zwei Fragen, an denen deutsche Unternehmen scheitern

Sieren berät regelmäßig Unternehmen. Er stellt ihnen stets dieselben zwei Fragen:

  • Seid ihr billiger als die Chinesen?
  • Seid ihr besser als die Chinesen?

Die Antwort sei meist ein zwanzigminütiger Vortrag über Tradition, Best Practice und hervorragende Ingenieure. Auf Nachfrage folge dann zweimal Nein. Spätestens dann ist klar, dass es ein Problem gibt.

Europa als Freizeitpark für erschöpfte Asiaten?

Sierens drastischstes Bild: Gelingen die Reformen nicht, wird Europa zum Freizeitpark, in dem sich Asiaten von ihrer harten Arbeit erholen. Die Vorboten sind längst sichtbar. Amerikanische Touristen finden Europa „herrlich günstig“, während Hotelpreise für die einheimische Bevölkerung durch die Decke gehen. Der Reiche besucht den immer ärmer werdenden Europäer.

Europas Vielfalt an Kulturen, Städten und Landschaften auf engstem Raum ist einzigartig. Sie ist aber auch eine gefährliche Abhängigkeit. Sieren hofft auf eine Mischform aus Spezialmaschinenbau, Top-Universitäten und Lebensqualität. Als Beispiel nennt er das MCI in Innsbruck. Doch der Prozess der Deindustrialisierung hat längst begonnen. Mit Vietnam, das laut Sieren mit rund 8,5 Prozent wächst, und dem erstarkenden Indien wird der Wettbewerb weiter zunehmen.

Für Sparer ist diese Diagnose alarmierend. Eine Volkswirtschaft, die ihre industrielle Basis verliert, verliert auch die Grundlage für eine stabile Währung. Wer das Wohlstandsniveau über Schulden statt über Wertschöpfung halten will, landet früher oder später bei der Notenpresse. Die Erfahrung zeigt, dass am Ende der Sparer die Rechnung bezahlt.

Die verlorene Kunst der Diplomatie

Einer der stärksten Abschnitte des Gesprächs betrifft die deutsche Außenpolitik. Was verstanden Helmut Schmidt und Helmut Kohl über China, was heutigen Politikern fehlt? Sieren nennt zwei Punkte. Beide konnten die Welt über größere Zeiträume betrachten, Schmidt reflektiert, Kohl intuitiv. Und sie besaßen den Pragmatismus, auch mit jenen zu reden, die man nicht mag.

Schmidt fand mit Breschnew eine Gemeinsamkeit darin, dass beide den Krieg erlebt hatten und ablehnten. Daraus entstand Rüstungsentspannung. Willy Brandt kniete in Warschau. Kohl suchte den Draht zu Gorbatschow. Diese Haltung sei mit dem Ende der Ära Merkel verloren gegangen. Heute gelte die simple Logik: Es gibt Gute und Böse, und mit den Bösen redet man nicht.

Die Folgen beschreibt Sieren schonungslos:

  • An den Russland-Sanktionen beteiligen sich nach seiner Rechnung rund 170 von 195 Staaten nicht.
  • Zeitweise gab es zwischen dem deutschen und dem chinesischen Wirtschaftsministerium keine direkten Gesprächskanäle, zwischen der zweit- und der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt.
  • Amerikaner, Russen und Chinesen sprechen längst wieder miteinander. Die Europäer haben sich aus der Diplomatie weitgehend verabschiedet.
  • Selbst beim G20-Finanzministertreffen verweigerte die deutsche Seite nach Sierens Schilderung das Gespräch und sogar ein gemeinsames Foto.

Sieren relativiert den russischen Angriffskrieg ausdrücklich nicht. Er erinnert jedoch an Schmidts NATO-Doppelbeschluss: nachrüsten, um zu verhandeln, das eine tun, ohne das andere zu lassen. Einen großen russischen Angriff auf weitere Länder hält er für unwahrscheinlich. Putin stehe das Wasser bis zum Hals, er sei in eine tiefe Abhängigkeit von China geraten, und Peking wolle vor allem sein Handelsnetz ausbauen. Selbst Indiens Premier Modi habe beim letzten BRICS-Treffen erklärt, das Maß sei voll. „Es ist die Stunde der Diplomatie.“

Taiwan und Iran: Wo die Welt wirklich brennt

Wie steht es um Taiwan, das Juwel der globalen Halbleiterindustrie? Sieren wiegelt ab, und seine Argumente sind durchdacht. Eine Insel sei militärisch schwer zu erobern. Sähe Taiwan nach einem Konflikt aus wie die Ukraine, drohe eine Weltwirtschaftskrise, die weder Trump noch Xi politisch überleben würden. Schon ein querliegendes Schiff im Suezkanal hat gezeigt, wie verwundbar die Lieferketten sind.

China sei zudem nicht in einer Lage, die ein solches Risiko rechtfertigen würde. Er nennt Rekord-Handelsbilanzüberschüsse, kaum Auslandsschulden, niedrige Inflation und eine stabile Währung. Trump habe den Druck herausgenommen und sich zur Ein-China-Politik bekannt. Die Taiwaner wiederum hätten mit einem unabhängigkeitsorientierten Präsidenten und einem kooperationsorientierten Parlament ein Gleichgewicht geschaffen. Sierens provokante Beobachtung:

„Je weiter man von Taiwan weg ist, desto größer wird die Kriegsangst.“

Anders beim Iran. Hier habe Trump die Lage unterschätzt. Der Iran sei keineswegs isoliert, sondern fest in BRICS und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit verankert. China habe bereits ein Jahr vor der Eskalation eine Eisenbahnlinie in den Iran fertiggestellt, über die nun Güter, Öl und LNG fließen können. Für Sieren ist das ein Lehrstück: Wer auf eine realistische Bewertung der Machtverhältnisse verzichtet, weil er sich selbst für den Guten hält, verliert.

Was die Zentralbanken daraus längst gelernt haben

An dieser Stelle lohnt ein Blick auf das Gold. Die Sanktionspolitik des Westens hat der Welt eine Lektion erteilt, die man in Peking, Neu-Delhi, Riad und Ankara sehr genau verstanden hat. Währungsreserven, die im Ausland liegen, können über Nacht eingefroren werden. Physisches Gold im eigenen Tresor kann das nicht.

Es ist daher kein Zufall, dass Notenbanken, allen voran die aus dem globalen Süden, seit Jahren in großem Stil Gold kaufen. Die chinesische Zentralbank weist offiziell über 2.000 Tonnen aus, und Beobachter vermuten seit Langem deutlich mehr. Selbst in Washington wird inzwischen über goldgedeckte US-Anleihen und eine mögliche Rückkehr zum Goldstandard diskutiert. Die multipolare Weltordnung, von der Sieren spricht, braucht einen neutralen Wertanker, den kein einzelner Staat kontrolliert. Es gibt nur einen Kandidaten, der diese Rolle seit fünftausend Jahren ausfüllt: Gold.

KI: Ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit verdächtigen Warnrufen

Wer führt im Rennen um die künstliche Intelligenz? Laut Sieren ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. China erziele mit deutlich weniger Geld und Personal ähnlich gute Ergebnisse und biete seine Modelle häufig Open Source an. Das untergrabe die Geschäftsmodelle der US-Konkurrenz.

Auch bei den Chips zeigt sich das Muster, das schon die Autoindustrie erschütterte. Die besten Einzelchips baut weiterhin Nvidia. Bei der Vernetzung von Chips sei Huawei nach Sierens Angaben jedoch um ein Vielfaches schneller. China ändert einfach den Parameter, um den gekämpft wird, so wie es bei Autos auf Batterien, Vernetzung und autonomes Fahren gesetzt hat. Handelsbarrieren und Chipverbote bewirken laut Sieren eher das Gegenteil: China strengt sich noch mehr an und verlagert seine Handelsströme in Richtung globaler Süden.

Wenn Silicon-Valley-Größen lautstark vor KI warnen und nach Regulierung rufen, hegt Sieren einen Verdacht. Vielleicht gehe es dabei auch darum, den Wettbewerber China zu bändigen.

Überwachung in China und der unbequeme Blick in den Spiegel

Dominik Kettner stellt eine Frage, die viele Leser umtreiben dürfte. Man spricht im Westen abfällig über Chinas Überwachungsstaat und das angebliche Social-Credit-System. Gleichzeitig führt die EU eine digitale Identität ein, arbeitet am digitalen Bezahlen und reguliert mit dem Digital Services Act die Onlinewelt.

Sierens Antwort ist differenziert. Das Social-Credit-System in der oft beschriebenen Form gebe es nicht. Es habe dezentrale Versuche gegeben, die nicht weiterverfolgt wurden. Die Überwachung im öffentlichen Raum sei dennoch sehr hoch. Frauen und Kinder könnten nachts unbesorgt auf die Straße gehen, politische Dissidenten hingegen lückenlos überwacht werden. Das Internet ist zensiert, aber schätzungsweise 300 Millionen Chinesen umgehen die Sperren per VPN.

Die entscheidende Ambivalenz liegt woanders. Ein Professor oder Journalist empfindet den Spielraum heute als enger als vor fünf Jahren. Ein Start-up-Gründer, der zwölf Jahre im Silicon Valley gearbeitet hat, sagt dagegen: „Ich war noch nie so frei wie heute.“

Was das für Europas Bürger bedeutet

Man muss China nicht idealisieren, um eine Schlussfolgerung für Europa zu ziehen. Die technische Infrastruktur für umfassende Kontrolle wird auch hierzulande gerade gebaut. Mit der geplanten digitalen EU-Identität und dem von der EZB vorangetriebenen digitalen Euro wird jede Transaktion potenziell nachvollziehbar. Wer Wert auf finanzielle Privatsphäre legt, sollte sich fragen, welche Vermögenswerte außerhalb dieses Systems existieren. Die Antwort ist alt und bewährt:

  • Physisches Gold ist nicht an eine digitale Infrastruktur gebunden.
  • Es hat kein Gegenparteirisiko, anders als jedes Zahlungsversprechen einer Bank oder eines Staates.
  • Es lässt sich nicht per Knopfdruck einfrieren, entwerten oder programmieren.
  • Es wird weltweit anerkannt, in Frankfurt ebenso wie in Shanghai oder Dubai.

Genau hier liegt der Unterschied zu Papier- und Zertifikatsprodukten. Diese erleben derzeit ein Comeback, doch die entscheidende Frage beim Papiergold bleibt offen: Was ist das Versprechen im Ernstfall wert?

„Der Tisch gehört nicht mehr uns“: Was folgt daraus für Ihr Vermögen?

Sierens Schlusswort ist der eigentliche Kern des Gesprächs. Werte und Wirtschaft sind untrennbar verbunden. Nur wer wirtschaftlich stark ist, sitzt am Tisch, wenn die Regeln der neuen Weltordnung verhandelt werden. Europäische Politiker hielten die Werte hoch, ließen aber gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit erodieren. Dann bauten sie Mauern, um die schwächelnde Wirtschaft zu schützen. „Doch die Mauern haben immer Löcher.“

„Wem unsere Werte und unsere Lebenswelt wichtig sind, der hat geradezu eine Pflicht, dafür zu sorgen, dass unsere Wirtschaft stark und wettbewerbsfähig ist.“

Und wieder bemüht Sieren den Adel. Die klugen Adligen des 19. Jahrhunderts taten sich mit dem aufstrebenden Bürgertum zusammen und gingen mit der Zeit. Die bornierten blieben auf ihren Latifundien sitzen, bis sich am Ende nur noch die „Bunte“ für sie interessierte.

Was bedeutet das für Sie als Anleger? Politische Reformen können Sie nicht erzwingen. Die Konsequenzen einer verfehlten Politik können Sie aber sehr wohl abfedern. Eigenverantwortung beginnt beim eigenen Vermögen.

Fünf Überlegungen für die multipolare Welt

  1. Setzen Sie auf den globalen Wertanker. Gold ist das einzige Reservemedium, auf das sich Ost und West gleichermaßen verlassen. Klassische Goldbarren bieten dabei ein besonders günstiges Verhältnis von Preis zu Feingewicht.
  2. Streuen Sie nach Herkunft. Eine Auswahl an Goldmünzen aus verschiedenen Ländern ist weltweit handelbar. Dazu zählen der kanadische Maple Leaf, der österreichische Wiener Philharmoniker, der australische Känguru, der American Eagle und die britische Britannia.
  3. Denken Sie an Asien. Wer die Verschiebung der Gewichte symbolisch abbilden möchte, findet im China Panda aus Gold eine Münze, die für den Aufstieg des Reichs der Mitte steht. Die beliebte Lunar-Serie greift die chinesischen Tierkreiszeichen auf.
  4. Nutzen Sie Stückelung. Kleine Einheiten wie der 1g Gold Maple Leaf, der 0,1g Goldbarren von Heimerle + Meule oder der 0,5g Gold Deutscher Adler 2026 ermöglichen einen Einstieg mit kleinem Budget und bleiben in jeder Lage flexibel einsetzbar.
  5. Vertrauen Sie auf Klassiker. Der 1 Unze Gold Krügerrand 2026 gilt als die meistgehandelte Anlagemünze der Welt. Das historische Vreneli 20 Franken erinnert daran, dass Schweizer Gold seit über einem Jahrhundert für Solidität steht.

Apropos Schweiz: Wie emotional die Debatten ums Gold inzwischen geführt werden, zeigte kürzlich ein Influencer, der sich mit einem Goldzähne-Vorwurf gegen die Schweiz vor laufender Kamera blamierte. Sachlichkeit ist beim Gold wie in der Geopolitik der beste Ratgeber. Wer die jüngste Marktentwicklung verfolgen möchte, findet eine nüchterne Einordnung in unserer Analyse „Gold zittert um die 4.000er-Marke – doch die Bodenbildung hält stand“.

Fazit: Realismus statt Wunschdenken

Frank Sieren liefert keine bequemen Wahrheiten. Er liefert eine Mahnung: Wer seine Wettbewerber unterschätzt, verliert Zeit, und am Ende das Spiel. In der Autoindustrie ist das bereits geschehen. Ob Europa daraus lernt, ist offen. Die Signale aus Berlin und Brüssel stimmen wenig zuversichtlich: diplomatische Sprachlosigkeit, ideologische Schwarz-Weiß-Muster, wachsende Regulierung und eine schwindende industrielle Basis.

Für den einzelnen Bürger ist die Lehre klar. In einer Welt, in der der Westen nicht mehr allein am Tisch sitzt, verlieren auch westliche Papierwährungen ihren unangefochtenen Sonderstatus. Die Zentralbanken der aufstrebenden Mächte haben ihre Konsequenz längst gezogen und stocken ihre Goldreserven auf. Es spricht wenig dagegen, von ihnen zu lernen.

Das vollständige Gespräch mit Frank Sieren enthält noch viele weitere Einblicke. Es geht um Chinas Blick auf Deutschland, die Zukunft der Demokratie und die Frage, ob Europa von Chinas Tempo lernen kann, ohne seine Freiheit aufzugeben. Nehmen Sie sich die Zeit und schauen Sie sich die Folge an. Sie werden China danach mit anderen Augen sehen, und vielleicht auch Ihr eigenes Vermögen.